Flingern-Nord: Ein Viertel in ständigem Wandel

Flingern-Nord : Ein Viertel in ständigem Wandel

Besonders unter jungen Menschen ist Flingern-Nord eines der beliebtesten Stadtviertel Düsseldorfs. Seinen früheren schlechten Ruf hat der Stadtteil längst hinter sich gelassen.

Flingern-Nord hat sich in den vergangenen zehn Jahren so umfassend verändert, dass Studenten und junge Künstler von den einst sehr günstigen Mieten nur noch träumen können. Dennoch bleibt Flingern-Nord beliebt. Denn dort kann man vor allem eins: gut leben.

Flingern-Nord wird oft mit dem New Yorker Stadtteil Soho verglichen oder mit Notting Hill in London. Auch Berlin-Prenzlauer Berg ist immer wieder im Gespräch. Jung und kreativ — der Stadtteil im Düsseldorfer Osten gilt als Szeneviertel.

Stellvertretend dafür stehen Acker-, Linden- und Hermannstraße: Straßen, an denen in den vergangenen Jahren zahlreiche ungewöhnliche Geschäfte eröffnet haben, an denen Flaneure eine Vielzahl an Cafés finden, Künstler in kleinen und großen Galerien ausstellen, und wo auch Bewohner anderer Stadtteile immer wieder durch die Straßen bummeln, um einzukaufen oder auszugehen.

Entwicklung hat auch Schattenseiten

Flingern-Nord ist ein Magnet für alle Düsseldorfer: Oberbilker gehen dort essen, Düsseltaler feiern und Oberkasseler sehen sich gerne bei den vielen Designern um. Dabei war das Viertel noch vor einigen Jahren alles andere als beliebt. "Vor 15 Jahren war hier alles anders", sagt Designer Norman Icking, der an der Hermannstraße seine Kleider verkauft. "Damals gab es eine hohe Kriminalitätsrate, Drogenprobleme. Dafür hatte Flingern-Nord die günstigsten Mieten, die Düsseldorf zu bieten hatten."

Am Hermannplatz ist der Wandel besonders deutlich zu spüren. Dort, wo einst ein Drogenumschlagplatz war, sitzen heute Eltern im Café Oma Erika, während Kinder auf dem mit Mosaiken gestalteten Spielplatz schaukeln, klettern oder im Sandkasten buddeln.

Auch Lebensmittel einkaufen kann man dort gut. Jeden Samstag ist Flingerns Wochenmarkt auf dem Hermannplatz. Norman Icking war einer der ersten, die es mit einem Ladengeschäft für seine Designer-Mode in dem Stadtteil südlich der Grafenberger Allee einfach einmal ausprobierten, viele andere zogen nach. "Gerade junge Künstler oder Designer benötigen finanziellen Spielraum, um andere, ungewöhnliche Wege zu gehen", sagt Icking.

Entwicklung in die falsche Richtung?

Dieser Zuzug machte Flingern attraktiv. Doch der Wandel, in dem sich der Stadtteil befindet, hat auch seine Schattenseiten. Wie in Soho, wo wie in Flingern einst die Mieten günstig waren, oder im Ostberliner Viertel Prenzlauer Berg, das sich als eines der ersten zum Szeneviertel wandelte, geht die Entwicklung in Flingern-Nord für viele in die falsche Richtung.

Die junge Szene, die dazugehörigen Bars, Kneipen, Ateliers und Geschäfte locken immer mehr begüterte Menschen in den Stadtteil, Vermieter sanieren die schönen Altbauten und verlangen höhere Mieten, die sich immer weniger der typischen Flingeraner leisten können.

Noch ist es nicht soweit, dass die Jungen wegziehen, doch Flingern ist im Wandel. "Der Stadtteil ist an einem Wendepunkt, das freie, unorthodoxe Leben hier wird nicht mehr endlos weitergehen", sagt Norman Icking. Der Designer spricht sogar von "Endzeitstimmung" unter den alten Bewohnern. Noch vor zwei Jahren, erinnert er sich, gab es in Flingern eine der besten Party-Locations der Stadt: Die Räume der alten Flurklinik, einer Geburtsklinik, in der viele Düsseldorfer das Licht der Welt erblickten.

Nach dem Auszug der Mediziner stand das Gebäude einige Zeit leer. "Damals sind die Flingeraner dort rein und haben die Räume gestaltet. Wenn dann die DJs von Captain Flingern aufgelegt haben, standen manchmal bis zu 1000 Leute davor auf der Straße", erzählt er. Die Flurklinik hat sich mittlerweile weiterentwickelt. Frisch saniert gibt es in dem Gebäude mittlerweile Wohnungen und im Erdgeschoss Gastronomie. Auch Captain Flingern gibt es noch. Mike und Buckel, die beiden DJs, legen mittlerweile regelmäßig in einem zum Club umgebauten Waschsalon auf und organisieren weiter Partys, die über die Stadtteilgrenzen hinaus bekannt sind.

Sorgenkind Birkenstraße

Der ständige Wandel, findet Bernd Mattea, Vorsitzender der Gemeinschaft "Flin e.V.", macht Flingern zum spannendsten Viertel in Düsseldorf. Der ehemalige Pilot hatte sich das Haus, in dem er heute wohnt, eigentlich nur zum Vermieten gekauft. Mittlerweile ist er selbst dort eingezogen. "Ich fühle mich hier sauwohl", sagt der Flugkapitän, der von der Welt viel gesehen hat und Flingern als Heimat wählte. Noch mehr sollte sich im Stadtteil verändern, findet er.

Zum Beispiel die Birkenstraße. Die vierspurige Route ist Sorgenkind des Stadtteils. Zu viele unattraktive Telefon-Shops, wenig einladende Fußwege: Die Flingeraner wünschen sich die Umgestaltung. Doch in den kommenden Jahren wird dort nichts passieren. "Es ist schade, dass das ganze Geld in die Innenstadt fließt und für die Stadtteile dann nichts mehr übrig bleibt, sagt Mattea.

Anders an der Grafenberger Allee. Dort entstand in den vergangenen Jahren aus einem alten Industriegebiet ein neues, modernes Bürogelände. Thyssen Trade Center, Global Gate, Metro-Verwaltung — südlich der Grafenberger Allee haben große Firmen ihr Zuhause.

Auf der anderen Seite, schon auf dem Gebiet des Nachbarstadtteils Düsseltal, geht es weiter. Dort ist die Agentur für Arbeit untergebracht, und mit dem Uhrenturm steht noch ein letztes Zeichen der alten Lokomotivenfabrik, die bis vor 20 Jahren den nord-östlichen Teil Flingerns prägte. Aktuell stehen die Bürobauten allerdings schon wieder vor einem Umbruch. Makler rechnen damit, dass große Firmen ausziehen, die Prognosen drücken schon jetzt die Preise für Büromieten.

Davon können die jungen Kreativen, die heute nach einer Wohnung, einem Atelier oder einem Geschäftsraum in Flingern-Nord suchen, nur träumen. Wer heute dort wohnt, genießt den attraktiven Stadtteil und seine vielen Angebote. Für andere gilt wie in Soho, Notting Hill oder Prenzlauer Berg: Szeneviertel haben ihren Preis.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Flingern-Nord

(RP)
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