Stadtteil-Serie: Die Kleinstadt in der Großstadt

Stadtteil-Serie : Die Kleinstadt in der Großstadt

Die meisten Menschen sehen Friedrichstadt mit 50, 60 km/h. Sie ziehen scharf in die Kurve am Bilker Bahnhof auf die Friedrichstraße, beschleunigen an der Graf-Adolf-Straße auf die letzten Meter der Berliner Allee oder flitzen über die Herzogstraße zur Kniebrücke.

Durch Friedrichstadt ist jeder Düsseldorfer schon gekommen: auf dem Weg zur A 46, in die Innenstadt oder Richtung Südring und Neuss. Das Viertel wird bestimmt und geprägt von seinen großen Straßen und den bis zu 46 000 Autos, die täglich darüber rollen.

Die Corneliusstraße: wichtigste Achse und größte Staustelle des Stadtteils. Foto: Andreas Bretz

Damit ist ein knapp 180 Jahre alter Plan aufgegangen. Um das Zentrum der aufstrebenden Stadt Düsseldorf mit dem Süden zu verbinden, entwickelten Stadtplaner 1831 auf dem Reißbrett ein Viertel von einem Quadratkilometer Größe und mit schachbrettartigem Muster. Die Bauarbeiten dafür begannen zwar erst 20 Jahre später, dann aber entwickelt sich die Friedrichstadt ziemlich zügig. Bereits in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts galt sie als bevorzugte Wohnlage, vor allem für Beamte und Offiziere zogen dort hin. "Der zufriedene Süden" hieß der Stadtteil damals. Heute ist Friedrichstadt das am dichtesten besiedelte Viertel Düsseldorfs, mehr als 17 000 Menschen leben in ihm. Eine Kleinstadt mitten in der Großstadt.

Das „Café Knülle“ ist weit über Friedrichstadt hinaus beliebt. Foto: Andreas Bretz

Dass Friedrichstadt ein junger Teil Düsseldorfs und nicht wie ein Großteil über mehrere Jahrhunderte gewachsen ist, merkt der Besucher bereits an der Grenze. Die Graf-Adolf-Straße zieht einen feinen Schnitt durch die City. Auf der einen Seite liegen Zentrum, Geschäftsviertel, Anziehungspunkte für Touristen, auf der anderen Seite beginnt das Viertel der Extreme. Ein Viertel, in dem hinter vielen Schaufenstern leere Räume liegen, in dem überdurchschnittlich viele Einwohner ihr Einkommen vom Staat beziehen, in das die Polizei immer mal wieder wegen illegalen Glücksspiels oder sogar Schießereien fährt. Und zugleich ein Viertel, in dem wunderschöne, gut erhaltene Altbauten stehen, in dem die Grünen ganz knapp ihr erstes Direktmandat für den Stadtrat verpasst haben (27,1 Prozent, CDU: 28,1 Prozent) und das für den Verkehr der Stadt so wichtig ist wie kaum ein zweites.

Die Friedrichstraße hat trotz aller Veränderungen im Viertel und drum herum ihren Ruf als beliebte Einkaufsstraße gewahrt. Foto: Andreas Bretz
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Die zentrale Rolle dabei spielt die Corneliusstraße, weil in Spitzenzeiten morgens und abends 3300 Autos pro Stunde über sie fahren und weil sie die Debatte über die Umweltzone ausgelöst hat. Vor wenigen Jahren lag die Feinstaubbelastung an knapp 80 Tagen im Jahr über dem zulässigen Höchstwert. Erlaubt sind 35 pro Jahr. Heute sind die Werte besser, aber immer noch nicht gut.

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Deutlich besser haben sich die Nachrichten für die Friedrichstraße entwickelt. Als die "Düsseldorf Arcaden" eröffneten, fürchteten die Händler um ihre Kunden und teils sogar um ihre Existenz. Nach knapp zwei Jahren sieht die Straße noch aus wie damals. Die Düsseldorfer sind der Mischung aus Läden für den täglichen Bedarf und Spezialgeschäften, die besondere Bücher, Bioprodukte oder Sportgarderobe für Frauen anbieten, offensichtlich treu geblieben.

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Die Zukunft der Friedrichstraße liegt 20 Meter tief. Wenn die Wehrhahn-Linie in wenigen Jahren unter der Straße rollt, kommen Düsseldorfer und Gäste schneller aus dem Zentrum in die Friedrichstadt. Zugleich verschwinden die Straßenbahnen von der Oberfläche, so dass Spielräume für die Verkehrsplaner entstehen. Ein breiter Radstreifen gilt als gewünscht, machbar und wichtig für die Lebensqualität im Westen des Viertels.

Zwei Blocks von der Friedrichstraße entfernt ist die Lebensqualität trotz Zweite-Reihe-Parkern und Dritte-Reihe-Rasern zuletzt deutlich gestiegen. Die Oberbilker Allee ist auf ihren ersten Metern ein Lieblingsziel für Studenten, Ex-Studenten und Paare um die 30, weil sie dort alles bietet, wofür der Hafen vor vielen und Flingern vor einigen Jahren stand: echte Subkultur, unaufgeregte Trendverweigerer, charmante Verrückte. Die Allee lebt zwischen Aufbruch und dem gut Ding, das Weile haben will. Immer mal wieder eröffnet ein neuer Laden oder ein neues Café, andere sind inzwischen zu Institutionen geworden. Und so prägen Szenebier trinkende Galerie-Besucher genauso das Bild der Oberbilker Allee wie Kinderwagen von den jungen Familien aus den Nebenstraßen.

Der Fürstenplatz nimmt zwischen all diesen Straßen eine Sonderposition ein. Weil gegen den Uhrzeigersinn um ihn herum Autos nur in einer Spur fahren. Mindestens für alle Einwohner östlich der Corneliusstraße ist er mit seinem kleinen Wochenmarkt und dem großen Spielplatz das Zentrum ihres Viertels. Was vor wenigen Jahren noch als Paradebeispiel für einen Angst-Raum galt, hat sich in einigen Punkten prächtig entwickelt.

Das verdankt Friedrichstadt auch der Fürstenplatz-Initiative. Die Mitglieder laden jährlich zur Aktion "Zu Tisch am Platz", für die die Besucher Stühle und Tische mitbringen und etwas zum Essen. So entsteht eine große Tafel, an der dann jeder vom Essen des anderen probieren kann. Um die Aktion zu finanzieren, veranstaltet die Initiative auf dem Platz Trödelmärkte mit mehr als 100 Ständen. Ihre Standmiete: Kaffee und Kuchen, die im Café des Marktes verkauft werden. "Wir wollen, dass die Leute sich durch die Aktionen besser kennenlernen", sagt Anna Schwickerath von der Initiative. In Zukunft soll es am Fürstenplatz auch Feste für Kinder und lustige Sportarten geben.

Friedrichstadt hat ein berühmtes Ende. Im Nordosten gibt es eine Straße, an der liegen - passend zum Viertel der Extreme - Konditorei und Edel-Fitnessstudio neben Baugrube und den letzten Spuren eines "ab sofort" geschlossenen Elektrogroßmarkts. Die Straße heißt Königsallee.

(RP)
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