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Mittelalterliches Flair direkt am Rhein: Des Kaisers werthes Städchen

Mittelalterliches Flair direkt am Rhein : Des Kaisers werthes Städchen

Im ältesten Stadteil Düsseldorfs spielt die Geschichte eine besondere Rolle: Sie definiert bis in die Gegenwart das Selbstverständnis der Bewohner, die als urban, anspruchsvoll und weltgewandt gelten. Das besondere an dem Ort, der 8000 Einwohner zählt, ist das Nebeneinander von Altem und Neuem und das Miteinander von Historie und Zukunft. Ungewöhnlich ist auch, dass alle Dinge des täglichen und nicht alltäglichen Bedarfs im Ort zu haben sind, den nicht nur Touristen gut finden.

Wo beginnen? Mit den tausendfach beschriebenen und besungenen historischen Wurzeln? Mit der Bedeutsamkeit, die der Ort einst hatte und heute hat - wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen? Mit dem Charme des Städtchens, der sprichwörtlich und deswegen schon nicht mehr erwähnenswert ist? Oder mit der oft, so oft beschworenen Anziehungskraft des schönen Kleinods auf Ausflügler? Vielleicht besser beginnen mit einem tiefen Seufzer: ach, Kaiserswerth!

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Zum Vergrößern klicken Sie bitte auf die Foto: Grafik: Jenny Möllmann

Objektiv betrachtet, ist Kaiserswerth der älteste Stadtteil Düsseldorfs. (Damit ist nicht das Alter der Bewohner gemeint, sondern der Anfang der Besiedlung). Er ist malerisch in einem Rheinbogen gelegen und erwartet jeden mit seiner pittoresken, gut erhaltenen Erscheinung. Er gibt knapp 8000Menschen eine Heimat und wird von ausnahmslos jedem besucht, der in einem Düsseldorfer Haus länger als einen Tag zu Gast ist. Das liegt daran, dass jeder Düsseldorfer, der einen Besucher von auswärts hat, seinen Gast nach Kaiserswerth bringt. Da gehen und stehen sie dann, schauen in die Gässchen und auf die Straßen, an den Fassaden hinauf und zum Rhein hinunter. Wenn das Wetter schön ist, fahren sie mit der Weißen Flotte oder der Fähre hin und her.

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Sie spazieren ein wenig, essen etwas und trinken ein bisschen mehr in einem der alten Gasthäuser, unbedingt. "Im Ritter" sehr gerne, oder auch im "Burghof". Ach, Kaiserswerth...

Nüchtern besehen, ist Kaiserswerth der Stadtteil mit den größten Gegensätzen zwischen einst und jetzt. Hier der alte Ort mit seiner katholischen Herkunft, der erst von 1768 an erlaubte, dass Protestanten sich in ihm niederließen. Und dann mitansehen musste, wie der Protestant Theodor Fliedner sein großes Diakonissen-Werk 1836 im Herz des Ortes schuf.

Heute ist die Kaiserswerther Diakonie, die daraus entstand, der größte Arbeitgeber dort. Mehr als 2000 Menschen arbeiten im Krankenhaus, im Altenheim, in den vielen Einrichtungen der Jugend-, Behinderten und Familienhilfe. "Das katholische Kaiserswerth reagierte damals, indem es das Marienstift schuf und dann, 1870, das Marienkrankenhaus", erzählt Hobbyhistoriker Franz-Josef Vogel. "Das ist längst zu einer anerkannten Orthopädischen Fachklinik geworden." Vogel selbst ist 1936 ebenda geboren und der alten Stadt seither treu geblieben. Er betreut das Pfarrarchiv der katholischen Pfarre St.Suitbertus, sucht stets und findet oft den Überblick über Altes und Neues.

Neben diesem geschichtlich Gewachsenen und Gefundenen steht aber das moderne, wirtschaftlich geprägte Kaiserswerth mit seinen Wohnsiedlungen und Geschäften, mit mehr als 30Arztpraxen, zwei Apotheken, neun Hotels, zwei Supermärkten und 22 Gasthäusern. Zwei Plätze bringen diesen Gegensatz sinnfällig zum Ausdruck: der Suitbertus-Stiftsplatz, der als einer der ältesten und schönsten Plätze des Niederrheins überhaupt gilt. Dort bemühen sich die Inhaber der Häuser darum, die alte Substanz zu erhalten. Und dann der Klemensplatz, mit dessen Umbau moderne Zeiten einziehen sollten: Chrom, Glas, Hochbahnsteige. Beide Plätze liegen gefühlte fünf Minuten Gehweg voneinander entfernt. Wie der ganze Ort, sind sie jedoch durch die große Straße voneinander getrennt. Die Bundesstraße 8 spaltet den älteren vom jüngeren Stadtteil wie eine Grenze, die jeden Tag aufs neue überwunden werden muss.

Offenbar ist Kaiserswerth der Stadtteil, den niemand mehr verlassen muss. Winfried Kannengießer etwa, Organist und Chorleiter, genießt es, alles zu Fuß erreichen zu können. Auch seinen Arbeitsplatz. "Ich habe den schönsten Arbeitsweg Deutschlands", sagt er. Von seiner Wohnung an der Burgallee, neben der alten Pfalz, geht er die Allee entlang. Links steht die Ruine, rechts lernt die Jugend im Erzbischöflichen Suitbertus-Gymnasium - und vor Kannengiesser wartet die Basilika auf ihren Musiker. Der sähe gern mehr Publikum bei Konzerten von Gaststars. Und ein Kino wäre schön, oder nicht?

Ach, Kaiserswerth, wie oft täuscht wohl die Heimeligkeit darüber hinweg, dass Herrscher und Künstler, Denker und Dichter aus dieser einstigen Reichsstadt am Rhein bedeutsam wurden? Kaiser Otto III. soll hier geboren sein, die Namen Barbarossas und Friedrich Spees sind unlösbar mit Kaiserswerth verbunden, Fliedners Werk umspannt die Welt. Herbert und Hedda Eulenberg lebten einst im "Haus Freiheit", und der Fotograf und Landschaftsmaler Wilhelm Degode wohnte in dem Haus, das seine Urenkelin Anke heute mit ihrem Mann Wolfgang führt. Der Maler Winfred Gaul war Kaiserswerther, und die Fotokünstlerin Hilla Becher ist es noch: Sie lebt in der Alten Schule, wo ihr ebenfalls berühmter Mann, Bernd Becher, bis zu seinem Tode gearbeitet hat.

Ganz klar ein Ort, dessen inspirierende Kraft dazu beigetragen hat, dass der Kaiserswerther stets der Städter unter den Dörflern war - und es weiterhin ist. Als urban und weltgewandt gilt er, auch wenn sein Heimatflecken nur fünf Quadratkilometer umfasst. Es ist, als ob sich die Stadt ihre einstige Größe in den alten Gemäuern erhalten hat und sie jedem mitteilt, der ihnen nahe kommt.

In der Moderne hinzugekommen sind die Möglichkeiten: Sport kann der Kaiserswerther treiben, Musik kann er machen, Schütze kann er sein oder die Grundschule fördern, die Heimat, die Pfalz und die Werbegemeinschaft. Was so vollendet klingt, ist nicht etwa am Ende: 2009 wurden Mauerreste eines um 1700 wichtigen Hafens und ein Plattbodenschiff im Deich ausgegraben. Die Historie hat ein neues Kapitel.

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(ila)