Altstadt: Das Viertel, das niemals schläft

Altstadt : Das Viertel, das niemals schläft

Der zweitkleinste Stadtteil Düsseldorfs ist der mit Abstand lebendigste. Tagsüber bestimmten Mode-Fans auf den Einkaufsstraßen das Bild der Altstadt, ab dem späten Nachmittag füllen sich die Restaurants und Kneipen, später die Clubs und Bars - und dann geht auch schon wieder alles von vorne los.

Es ist ganz einfach, einem Fremden zu erklären, wo die Düsseldorfer Altstadt liegt. Wo die Pflastersteine auf wenigen Metern mal gefächert, mal streng gereiht, mal aufsteigend, mal absteigend liegen und die nächste Stolperfalle nicht weit ist, dort ist die Altstadt. Wo nicht Erde und Unkraut, sondern Scherben die Steine in der Straße halten, dort ist die Altstadt. Und wo sich die Straßen zwischen den Häusern krümmen und quetschen, dort ist die Altstadt. Planquadrate und Flüsterasphalt sind was für andere Viertel.

So wie die Straßen verlaufen, so holpert und stolpert auch der zweitkleinste Stadtteil Düsseldorfs durch Geschichte und Gegenwart. Vorwärts geht es irgendwie immer, nur nicht zwangsläufig geradeaus. Bis in die 70er Jahre hinein war die Altstadt ein sehr lebendiges, aber dennoch normales Wohnviertel mit Lebensmittelgeschäften und Straßenbahnen, die über den Burgplatz kurvten. Dann erklärte die Stadt die Straßen zwischen Carlsplatz und Mühlenstraße zur Fußgängerzone. Die verkauften Lebensmittel wurden zunehmend flüssig, die Altstadt zunehmend zum Viertel, das niemals schläft.

Da Freunde und Bewohner der Altstadt zu den besonders kommunikativen Mitmenschen zählen, begleiten solche großen Schritte auch immer große Diskussionen - auch bei der wichtigsten Entscheidung für das Viertel und die gesamte Stadt in den vergangenen 25 Jahren: Dass die Autos von der Rheinuferstraße verschwinden und dort eine Promenade entstehen soll, war für viele auch erst einmal nicht vorstellbar.

Heute rollen und rasen die Autos durch den Tunnel, und die Fußgänger flanieren zwischen Oberkasseler und Rheinkniebrücke. Dadurch ist der schönste Anblick der Landeshauptstadt entstanden. Vor dem Burgplatz hängt wie ein mächtiges Gemälde der Himmel über Düsseldorf, davor strömt der Rhein extra nah an seine Bewunderer. Alle zwei Meter sitzt ein Paar auf der Kante der Ufermauer, zwei Menschen, eine Pizza, zwei Hände, ein Griff, zwei Münder, ein Ziel.

Es kostet die Stadt einiges, die Altstadt so zu halten, wie sie ist. Sieben Tage die Woche rückt die Awista früh morgens mit Kehrwagen, Spritzwagen, Müllwagen an, um zumindest die Ausgangssituation wieder herzustellen. Zwischen den Wagen ist immer noch einiges los. Da läuft ein Mann im dunkelblauen Anzug samt Einstecktuch, der den Eindruck nicht verbergen kann, dass er darin geschlafen hat. Dahinter eine Frau mit einer Frisur, die aussieht wie ein lange verlassenes Vogelnest. Während beide ihre Heimwege suchen und einschlagen, übernehmen die Shopper die Altstadt.

Auch das ist ein typisches Phänomen des Viertels. Besucher, die tagsüber fragen, wo die Altstadt denn nun liegt, suchen keine Theken, sondern Kleiderständer. Der gute Ruf der Klamotten- und Schuhgeschäfte an der Flinger Straße reicht weit, angesichts der U-Bahn-Baustellen ist sie aktuell besser besucht als die Schadowstraße. Den Mode-Freunden wird bei beinah jedem Besuch etwas Neues geboten. Eben noch vermuteten gleich fünf Dessous-Fachgeschäfte einen Bedarf im Stadtteil, nun haben ein Drogeriemarkt und ein Oberbekleidungsgeschäft zwei Läden übernommen. Schräg gegenüber geht bald der Discounter, dafür zieht ein Schuhgeschäft um, und ein Uhrengeschäft nimmt dessen Stelle ein.

Je später der Abend desto erstaunlicher die Phänomene. Auf der Ratinger Straße werden auch in der Fahrbahnmitte die Stehplätze knapp, nicht wenige wissen am Ende des Abends nicht mehr, zu welcher Kneipe auf welcher Straßenseite sie eigentlich gehören. Und immer mal wieder taucht in der Masse ein Auto auf, dessen Fahrer wirklich hupt und wirklich auf Wirkung wartet. Am Anfang der Bolker Straße werden in den ehrwürdigen Gasthäusern die Steh- zu Drauflehn-Tischen, in den Lokalen dahinter regiert die Landjugend aus mehrere Stunden entfernten Orten. Sie nimmt sich sehr viel vor und hält jenseits der Kondition herzerweichend an ihren Hoffnungen fest.

Lange gehörten auch Juristen fest zum Bild der Altstadt. Staatsanwälte gingen in die Andreaskirche und zündeten eine Kerze für die Gerechtigkeit an, Verteidiger saßen im "Ohme Jupp" an der Ratinger Straße und diskutierten ihre Fälle. Nun suchen sie alle in Oberbilk eine neue Heimat, während die Altstadt unbeeindruckt die Zukunft anpeilt. Bauzäune und Bagger stehen schon rund um das alte Gericht, dort und auf den benachbarten Straßen soll in den nächsten Jahren Vorzeige-Architektur entstehen.

Doch wie immer in der Altstadt geht es auch mit dem Andreasquartier, dem ehemaligen Stadthaus und dem Theresienhospital nicht einfach so voran. Dem einen Investor kommt die Finanzkrise dazwischen, dem anderen bereiteten die Auflagen des Denkmalschutzes Sorgen, am Ende aber wird vermutlich alles ungefähr so werden wie angekündigt: Im Andreasquartier und im Theresienhospital werden Luxus-Wohnungen entstehen, im Stadthaus ein Hotel.

Die Investoren und ihre Abnehmer sind sichere Zeichen, dass sich die Altstadt schon längst wieder verändert hat. Dort leben nun Wieder-Düsseldorfer, die aus dem Umland zurückgekehrt sind. Sie schätzen die Altstadt (zumindest bei Doppelverglasung) als Umfeld, das schwer zu toppen ist, als Viertel, in dem Perlen noch Perlen und keine Massenfabrikate gibt. Zwischen fünf Turbo-Pizzerien liegt das eine Feinschmecker-Restaurant, zwischen vielen Filialen von Modeketten das besondere Schuh- oder Klamottengeschäft.

In der Altstadt geht es nicht um Sehen oder Gesehen werden. Es geht um Noch-Sehen-Können und Einsehen zum Schluss.

Tipps: Neues Alt und neues Zentrum

Hausbrauereien Die großen Altbiere sind allesamt gut vertreten in der Altstadt: das Uerige an der Berger Straße, Füchschen an der Ratinger, Schlüssel und Schumacher (Goldener Kessel) an der Bolker Straße. Bald wird sich ein fünftes Alt aus dem Viertel hinzugesellen. Der Gastronom Hans-Peter Schwemin will an der Kurze Straße "Kürzer Alt" brauen und ausschenken.

Kom(m)ödchen Republikweit fast so bekannt wie die Altstadt selbst ist ihre Kabarettbühne. Harald Schmidt, Thomas Freitag und Volker Pispers haben als Ensemblemitglieder das Haus von Kay und Lore Lorentz berühmt gemacht. Angefangen hat das "Kom(m)ödchen" an der Hunsrückenstraße 20, heute ist es in der Kunsthalle beheimatet.

Märkte Wegen der Nähe zum Carlsplatz hat die Altstadt keinen Wochenmarkt, aber dafür zahlreiche Gastspiele, die mehrere zehntausend Besucher anlocken: den Fischmarkt, der vom Tonhallenufer fast bis in die Altstadt reicht, die Büchermeile und die Winzerfeste vor dem Rathaus.

Museen Kunst und die Geschichte der Schifffahrt sind in der Altstadt ausgezeichnet vertreten. Maler, Bildhauer, Fotografen und Videokünstler werden rund um den Grabbeplatz in der Kunstsammlung (K 20) und der Kunsthalle geehrt. Der Schlossturm, selbst ein Gebäude mit wechselhafter Geschichte, präsentiert die Geschichte der Schifffahrt - und als Belohnung für die kletterfleißigen Besucher ein schönes Café mit Rheinblick in seiner Spitze.

Musik Zwei der bedeutenden deutschsprachigen Bands sind Kinder der Altstadt. Die Mitglieder von Kraftwerk und den Toten Hosen waren Stammgäste des Ratinger Hofs an der Ratinger Straße. Heute widmen sich die Clubs vor allem den Geheimtipps aus Rock und Pop, zum Beispiel das "Stone", das "Pretty Vacant" und der "Q-Stall". Außerdem ist die Altstadt das Zentrum der jährlichen Jazz-Rally.

U-Bahnhof Die Heinrich-Heine-Allee ist bereits ein wichtiger Punkt im Düsseldorfer U-Bahn-Netz. Wenn die Wehrhahn-Linie fertiggestellt ist, wird sie zum neuen Zentrum des Nahverkehrs, weil sie dann die einzige Station ist, an der alle U-Bahn-Linien halten.

Urige Läden Das "Gewürzhaus" und "Et Kabüffke" zählen zu jenen Häusern, die Einheimische ihren Besuchern mit Vorliebe zeigen, weil sie so herrlich altmodisch und dennoch keineswegs aus der Zeit sind. Das "Gewürzhaus" verkauft alles von Anis bis Zimt und vor allem den guten Düsseldorfer ABB Mostert. "Et Kabüffke" ist die gute Stube für ein weiteres Produkt der Altstadt: den Kräuterlikör Killepitsch, dessen Ruhm mittlerweile bis in die USA reicht.

(RP)
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