Benrath: Das Dorf am Schloss pflegt die Idylle

Benrath : Das Dorf am Schloss pflegt die Idylle

"Ich geh' mal eben ins Dorf", sagt die Benratherin, wenn sie sich aufmacht, ihre Einkäufe zu erledigen. "Ich fahr' in die Stadt", heißt es, wenn es um größere Besorgungen in der Innenstadt geht. Benrath ist bis heute ein Dorf in der Stadt geblieben. Der Wille zu stolzer Selbstbehauptung auch unter dem Dach der Landeshauptstadt ist offenbar ungebrochen.

Steinerne Zeugen für dieses Selbsbewusstsein gibt es reichlich. Neben dem weithin bekannten Lustschloss und den Bürgervillen in den Straßen rechts und links der Schlossallee sind es das moderne Krankenhaus am Ortsausgang nach Urdenbach, das alte Hospital an der Hospitalstraße, das derzeit leersteht und bei Bedarf als Quarantäne-Station vom Gesundheitsamt genutzt wird, die katholische Pfarrkirche St. Cäcilia am Marktplatz, die evangelische Dankeskirche an der Weststraße und natürlich das Benrather Rathaus an der Benrodestraße.

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1906 für 180.000 Mark nach Plänen des Haus-Architekten Fritz Henkels, Walter Fuhrmann, erbaut, ist Benraths gute Stube ein Stilmix aus Mittelalter, Deutscher Renaissance, Barock und Jugendstil-Dekor. Das Prachtstück, das damals noch dem eigenständigen und wirtschaftlich-industriell ambitionierten Benrath zur Ehre gereichen sollte, war Teil eines geschickten Immobilencoups.

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Die Industrieterrains Düsseldorf-Reisholz (IDR) und zwei private Eigentümer schenkten der Stadt ein Baugrundstück auf Ackerland, weit außerhalb des damaligen Zentrums mit der Auflage, dort innerhalb von zwei Jahren das Rathaus zu bauen. Die aufstrebende Gemeinde nahm dankbar an - und schon erhöhte sich der Wert der umliegenden Parzellen um ein Vielfaches. Benrath mit seinem Industriegürtel boomte.

1909 wurden die bis dahin selbstständigen Gemeinden Benrath, Itter-Holthausen, Urdenbach und Garath zur Großgemeinde Benrath vereinigt, zu der auch Hassels und Reisholz gehörten. Doch 1929 zerplatzten die Träume der Benrather von der Selbstständigkeit. Der besser entwickelte große Nachbar Düsseldorf führte die "reiche Braut" Benrath per Eingemeindung heim.

Heute tagt noch die Bezirksvertretung 9 im Rathaussaal und "residiert" dort Bezirksvorsteher Heinz-Leo Schuth (CDU). Benraths inoffizieller "Bürgermeister" hat dieses Amt bereits seit zehn Jahren inne und wird es nach den Wahlen auch weiterhin behalten. Bürgernah sieht man Schuth als Mitglied nahezu aller wichtigen Vereine bisweilen mit einer Gießkanne über die Fußgängerzone gehen und gesponserte Blumenkübel wässern.

Der stolze Bürgergeist in dem "Dorf" am Schloss hat viele Facetten. Der Benrather ist stolz auf sein Schloss, das Kurfürst Carl Theodor 1756 von seinem Stararchitekten Nikolas de Pigage errichten ließ, und nutzt gerne den herrschaftlichen Schlosspark mit seinen vielen nach historischem Vorbild angelegten Gärten zum Flanieren und Entspannen. Der Park ist dem Benrather heilig, und so sind dortige Ge- und Verbote etwa für Radfahrer bisweilen dankbare Streitobjekte. Dass es Benrath bis heute nicht gelungen ist, in die Unesco-Liste für das Weltkulturerbe aufgenommen zu werden, bleibt für viele Schlossfreunde ein Stachel im Fleisch.

Hinzu kommt, dass prominenter Staatsbesuch im Schloss viel seltener geworden ist. Doch hat Benrath da auch eigene Akzente gesetzt. Deutschlands wohl bekanntester Film-Regisseur, Wim Wenders, wurde in Urdenbach groß und ging im Benrather Schloß-Gymnasium zur Schule, der frühere Bundespräsident Walter Scheel wohnte früher mal dicht am Schloss an der Meliesallee. Der spätere Boxweltmeister Max Schmeling stand als 16-Jähriger bei Capito & Klein an der Werkbank. Auch die Professorin und frühere Staatssekretärin Miriam Meckel hat ihre Wurzeln im "Dorf", ebenso wie der einst so berühmte Sensationsdarsteller Harry Piel. Nach ihm wurde ein Platz am Ende der Fußgängerzone benannt.

Die Hauptstraße mit dem Markt im Schatten der Pfarrkirche St. Cäcilia als Mittelpunkt ist die weithin schönste und wohl lebendigste Geschäfts- und Flaniermeile im Düsseldorfer Süden geblieben. Hinter teilweise noch alten Bürgerhausfassaden finden sich neben Supermärkten, Drogeriekettenfilialen und Telefonshops auch noch zahlreiche inhabergeführte Geschäfte, wie Modeboutiquen, Parfümerien, Floristen, Feinkosthändler und Einrichtungsläden mit individuellem Angebot. In den warmen Monaten laden die Terrassen von Eisdielen und Cafés zum Verweilen.

Beschaulicher geht es in der Pfarrkirche selbst zu. Dort thront die Schwarze Muttergottes in einer Seitenkapelle des Kirchenbaus. Seit 1677 begründet die von einem Schweizer Schnitzer nach dem Vorbild eines Gnadenbilds in der Kapelle St. Maria Einsiedeln gefertigte Holzfigur den Ruhm Benraths als Wallfahrtsort.

Doch hat die Benrather Idylle im Zuge der Zeit auch Risse bekommen. Nur wenige Autominuten entfernt an der Forststraße zeigen Werkshallen größerer Firmen wie Demag Cranes/Gottwald, Komatsu oder Thyssen Krupp an der Hildener Straße das auch industriell geprägte Gesicht des Stadtteils, der in den 70er Jahren durch eine Bahn- und Schnellstraßentrasse geteilt worden war. An der Telleringstraße im früheren Arbeiterviertel Paulsmühle warten Industriebrachflächen weiterhin auf neue Nutzung..

(RP)
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