Flehe : Aufmüpfige "Sandhasen"

Einen idyllischen Ortskern sucht man in Flehe vergebens. Dennoch oder gerade deshalb kämpfen die Bewohner für ihre Lebensqualität, gegen Brückenlärm und Neubauprojekte. Und rücken enger zusammen.

Die Brücke hat den Ort verändert. Und das nicht nur äußerlich. Die Fleher, die in dem Ruf stehen, "Sandhasen" zu sein, haben sich angesichts der Belästigungen, die der Bau der gewaltigen Rheinquerung vor 30 Jahren für sie mit sich brachte, als durchaus aufmüpfiges Völkchen erwiesen. So wurde in Flehe gar die Organisation FBI neu gegründet — dahinter steckt die Fleher Bürgerinitiative, die für Temp80 an der Brücke kämpft.

Seit 2004 trifft sich die Initiative regelmäßig in der Gaststätte "Fleher Hof". "Da sind Leute aus allen Altersschichten dabei", sagt Jürgen Borrmann, der Sprecher von FBI. Also auch die alteingesessenen "Sandhasen". Die man aber keineswegs mit Hasenfüßen verwechseln sollte. Der Spitzname hat seinen Ursprung in der Lage des Örtchens: Der Boden ist sehr sandig, denn früher war Flehe einmal eine Insel, worauf der Name, der sich von Flee ableitet, hinweist. Doch dann änderte der Rhein seinen Lauf.

Den sandigen Boden nutzen heute rund 50 Gartenbaubetriebe. Aufgrund der Bodenbeschaffenheit und des begrenzten Platzes aber weniger für Gemüse, wie die Kollegen in Hamm und Volmerswerth, sondern vorwiegend für Kräuter und Topfpflanzen. Und damit liegen sie im Trend: Auf die wachsende Nachfrage nach exotischen Kräutern sowie Pflanzen aus Bio-Anbau haben die Fleher Gärtner rechtzeitig reagiert und verkaufen heute ihre Produkte mit Erfolg unter anderem in Köln und bis ins Ruhrgebiet hinein.

Der Physiotherapeut Jürgen Borrmann (Praxis wie Wohnung hat er an der Fleher Straße) kämpft zwar vehement für die Lebensqualität im Örtchen, wo er schon seit seiner seiner Kindheit lebt — Lokalpatriotismus ist ihm aber fremd. "Intellektuell würde ich mich wahrscheinlich in Bilk wohler fühlen", gesteht er. Was manch Alteingesessener mit Unmut vernehmen dürfte. Andererseits werde der "Wohlfühlcharakter" im Heimatort ja letztendlich von den Menschen dort bestimmt.

"Und da sind in den letzten Jahren in Flehe ganz unterschiedliche Leute doch erheblich zusammengerückt. Diese Gemeinschaft möchte ich nicht mehr missen." Dem gemeinschaftlichen Engagement der Neubürger wie Alt- Fleher ist es wohl auch zuzuschreiben, dass die Renz-Trabers in Flehe bleiben konnten. Vor Jahrzehnten zog jener Zweig der Artistenfamilie, der sich inzwischen vorwiegend aufs Schaustellergewerbe verlegt hat, von Oberbilk hierher.

Ein Neubauprojekt bedrohte zuletzt das Domizil der Renz-Trabers, die mit ihren Wohnwagen in einem alten Busunternehmen an der Fleher Straße leben. Denn genau dort sollte die einzige Zufahrt zu der geplanten Neubebauung zwischen Fleher und Volmerswerther Straße verlaufen. Für die neuen Wohnungen hätten aber auch etliche Gartenbaubetriebe weichen müssen.

Außerdem erschien vielen Flehern das Projekt als überdimensioniert. Es hagelte Proteste. Das Ergebnis: Das Bauvorhaben liegt vorerst auf Eis. "Bausünden gibt es hier eh schon genug", meint Borrmann und verweist auf Mehrfamilienhäuser an der Fleher Straße, die so überhaupt nicht zum dörflichen Charakter des Umfeldes passen wollen. "Die könnten eher in Bilk oder in der City stehen, aber doch nicht hier", so Borrmann.

Ohnehin sucht der Ortsfremde vergeblich die pittoreske Dorf-Idylle. Die findet sich nur stellenweise. Etwa am alten Wegkreuz oder rund um die Kirche Schmerzreiche Mutter, die mit ihren 104 Jahren vergleichsweise jung ist. "Früher sind die Fleher immer nach Volmerswerth zum Gottesdienst gegangen", berichtet Gartenbauer Karl-Wilhelm Hahnen,Chef der St. Sebastianer im Ort, und zugleich Vorsitzender des Bundes der Deutschen Historischen Schützenbruderschaften. "Doch dann brachten die Volmerswerther mal eine kleine Holzkirche nach Flehe — als Wink mit dem Zaunpfahl, dass wir uns endlich ein eigenes Gotteshaus bauen sollten."

Angeblich soll es hernach eine Prügelei vor dem "Dietze Döres" gegeben haben. Das Traditionslokal hat sich zur gefragten Adresse für Freunde guter wie traditioneller Speisen gemausert. Dafür hat Gerd Dietz gesorgt, der seit 51 Jahren an Herd und Tresen steht.

Der Name stammt übrigens von Dietz' Großvater, der die Kneipe 1906 übernahm und eigentlich Theodor hieß — bei den Flehern aber nur der "Dietze Döres" war. Für die Nahversorgung müssen sich die Fleher übrigens schon in Richtung Aachener Platz aufmachen.

Ein Termin allerdings steht unverrückbar fest im Fleher Jahreskalender: Am dritten Sonntag im August wird Schützenfest im Zelt hinter dem Fleher Hof gefeiert. "Da kommt immer die ganze Gemeinde zusammen", versichert Schützenchef Hahnen.

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(RP)
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