Galopp Churchills Pferd hatte keine Chance

Düsseldorf · Düsseldorfs „Reiter- und Rennverein“ ist der älteste durchgehend aktive Veranstalter von Pferderennen in Deutschland. Er übersteht fünf Kriege, zwei Revolutionen und eine Pandemie. Die konstituierende Generalversammlung gab es 1844 mit 18 Anwesenden.

Preis der Diana im Jahr 2014.

Preis der Diana im Jahr 2014.

Foto: Endermann, Andreas (end)

Die Chronisten haben nicht überliefert, wie es um die Wetterverhältnisse zu Pfingsten am 25. Mai 1836 bestellt war. Aber an diesem Frühlingstag muss es so angenehm gewesen sein, dass sich auf der Golzheimer Heide eine „unabsehbare Menge von Zuschauerm” zu einem „höchst interessanten, hier noch nie gesehenen Schauspiel eingefunden hatte”, wie die „Düsseldorfer Zeitung” einige Tage später berichtete. Es handelte sich um das erste Pferderennen in der Stadt.

Mitglieder des rheinischen und westfälischen Adels sowie Offiziere der in Düsseldorf stationierten Regimenter hatten erst wenige Wochen zuvor einen „Verein für Pferderennen” ins Leben gerufen, mit dem Ziel, die Qualität der Pferdezucht durch das Abhalten von Rennen zu heben. Das war zu dieser Zeit ein durchaus mutiges Unterfangen. Denn eine funktionierende Infrastruktur gab es nicht, die Eisenbahn steckte noch in den Kinderschuhen.

Düsseldorf hatte etwa 25.000 Einwohner, war aber schon als Kunst- und Musikstadt anerkannt. So wurde jedes Jahr zu Pfingsten das Niederrheinische Musikfest durchgeführt, was viele Gäste in die Stadt lockte, die dann auch gleich zum Pferderennen blieben. Etwa Ernst Schiller, der älteste Sohn des Dichters, der in einem Brief anerkennend anmerkte: „Das Düsseldorfer Musikfest um Pfingsten war pompös, aber heiß. Nicht minder brillant war das Pferderennen. Es ist ein Spiel der Aristokratie.”

Überliefert ist, dass auf der Heide ein Rundkurs von einer englischen Meile abgesteckt war, dass es eine überdachte Tribüne gab und Restaurationsräume. Die Polizei hatte detaillierte Anordnungen getroffen, so war das „Mitbringen von Hunden auf das Strengste untersagt.” Als erster Sieger schrieb sich Trajan unter dem Rittmeister von Croy in die Annalen ein.

Ein paar Jahre später wurde es dann noch professioneller, denn im Januar 1844 konstituierte sich bei einer Generalversammlung mit 18 Anwesenden der Düsseldorfer Reiter-Verein, dessen Name vierzig Jahre später in „Reiter- und Rennverein” erweitert wurde. Es ist der älteste durchgehend aktive Veranstalter von Pferderennen in Deutschland, ja einer der ältesten noch bestehenden Sportvereine überhaupt im Land. Bescheiden ging es los, denn am ersten Renntag des neuen Vereins im April 1844 gab es nur ein einziges Rennen mit gerade einmal drei Startern.

Es änderte nichts an kontinuierlichen Renntagen, auch wenn politische Wirren und Unruhen die rennsportlichen Aktivitäten natürlich beeinträchtigten. Von der Golzheimer Heide zog man kurzzeitig nach Benrath. Am 11. Juli 1886 gab es die Premiere auf dem neuen Rennplatz auf der Lausward-Wiesen. „Tausende hatten sich vermittelst aller nur denkbaren Beförderungsmittel eingefunden, um den Rennen beizuwohnen”, berichtete das „Düsseldorfer Volksblatt”. Es ging in den nächsten Jahren steil bergauf mit dem Rennsport, auch wenn sich der Reiter- und Rennverein Anfang des 20. Jahrhunderts eine neue Bleibe suchen musste. In der Lausward wurde ein Hafenbecken gebaut.

Fündig wurde man auf den Höhen des Grafenberger Waldes. Ein hügeliges Gelände, teils in städtischem, teils im Besitz der Freiherren von Diergardt sollte es sein, im Mai 1909 wurde die neue Bahn eingeweiht, unter gewaltigem Publikumsandrang. Die nächsten Jahre waren eine wahre Erfolgsgeschichte. Bis zum 28. Juni 1914, als das Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand den Ersten Weltkrieg auslöste – die Nachricht erreichte Grafenberg an einem Renntagssonntag.

Die Nachkriegszeit mit der französischen Besetzung und der Inflation waren logischerweise wenig förderlich für den Galopprennsport in Düsseldorf, doch stoppte das nicht den Aufwärtstrend. 1927 lag sogar der Plan für eine neue Rennbahn in Kalkum vor, „die schönste der Welt”, wie es kühn die Presse behauptete, das ließ sich aber doch nicht realisieren.

Düsseldorf war innovativ: 1930 fand das erste Rennen für Damen im Rennsattel statt, inoffiziell und ohne, dass gewettet werden durfte, das wäre noch zu revolutionär gewesen, es wurden Verlosungsrennen gelaufen, nach denen man das Siegerpferd gewinnen konnte. Nach 1933 gab es zwar durchaus sportlich einen weiteren Aufschwung, doch standen die Renntage immer stärker unter dem Einfluss des Nationalsozialismus. Es gab Renntage der Nationalen Verbände, Führerreden, Besuche von NS-Größen und ein bedeutendes Rennen mit dem Namen „Schaffendes Volk”.

Der Zweite Weltkrieg brachte zwar eine Zäsur, in Grafenberg wurde aber weiter galoppiert, selbst wenn der Rennbetrieb des Öfteren durch Luftangriffe unterbrochen wurde. Selbst das 100jährige Jubiläum des Reiter- und Reitervereins wurde 1944 gefeiert, wenn auch bescheiden im Park-Hotel, das einzige noch halbwegs intakte Hotel der Stadt. Die Gäste wurden gebeten, Lebensmittelmarken mitzubringen. Noch im September 1944 wurde der Große Preis von Düsseldorf gelaufen – der Sieg von Patrizier fand vor leeren Rängen statt. Dann war Schluss.

Für über zwei Jahre, denn am 20. Oktober 1946 wurden mit Hilfe einiger britischer Besatzungsoffiziere wieder Rennen abgehalten. Transportmöglichkeiten waren beschränkt, Futter für die Pferde war rationiert, aber nach der Währungsreform ging es aufwärts. Die Rennen in Düsseldorf erreichten in den 50er Jahren schnell ein beachtliches Niveau. 1954 war Kaliber der erste in Düsseldorf trainierte Derbysieger. Der Große Preis von Nordrhein-Westfalen wurde ein internationales Ereignis, 1956 geadelt durch den Besuch von Sir Winston Churchill, dessen Pferd Le Pretendant in dem Rennen allerdings chancenlos war. Churchills politische Laufbahn war damals zwar schon beendet, aber er genoss noch eine ungeheure Popularität. Rund 20.000 Besucher waren vor Ort, erst viele Jahre später sollten diese Zahlen bei den Henkel-Renntagen wieder erreicht werden.

Prominenz aus Politik, Wirtschaft und dem Showgeschäft waren auch später Stammgäste auf der Grafenberger Rennbahn. Wie Bundespräsident Heinrich Lübke, der auch mehrfach in Hamburg beim Derby war, wo er allerdings einmal nach der Vorstellung der eher drahtigen Jockeys anmerkte, dass Kinderarbeit in Deutschland verboten sei.

Es gab in den Folgejahren sportliche Highlights en masse, zwei Dutzend Renntage pro Jahr wurden zur Regel, aber auch negative Schlagzeilen wie ein Zivilprozess wegen einer „schwarzen Kasse”. Die Besucher tangierte es nicht, insbesondere in den 90er Jahren – zwischenzeitlich war eine neue Tribüne gebaut worden – wurden Rekordzahlen geschrieben.

Doch die Folgekosten des Baus, der Absprung von Sponsoren und langfristig das Internet, in das das Gros der Wetten flossen, immer noch die Basis-Finanzierung des Rennsports, schufen Probleme. Eine neue Führungsmannschaft, die schützende Hand der Stadt und das Engagement des Hauses Henkel waren jedoch mit dafür verantwortlich, dass sich die Lage wieder konsolidieren konnte.

Ein Blick auf die Zuschauerplätze am 13. Mai 1917.

Ein Blick auf die Zuschauerplätze am 13. Mai 1917.

Foto: RP
 Angela Merkel und eine britische Militärkapelle vor der Tribüne der Rennbahn.

Angela Merkel und eine britische Militärkapelle vor der Tribüne der Rennbahn.

Foto: RP
Churchchills Pferd hatte keine Chance​
Foto: grafik

Fünf Kriege, zwei Revolutionen, zwei Geldentwertungen, eine Gewaltherrschaft und auch noch eine Pandemie mit Rennen ohne Zuschauer hat der Reiter- und Rennverein in den vergangenen 180 Jahren überstanden. Lebendig ist er wie eh und je.

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