Düsseldorf Boll spielt wieder in China

Düsseldorf · Der WM-Dritte im Tischtennis reist nach Fernost. Er will im Training von den Stars des Weltmeisters lernen. Bei den Fans in der Volksrepublik ist der Düsseldorfer, Europas bester Spieler, unglaublich beliebt.

 Timo Boll geht in China in die Lehre.

Timo Boll geht in China in die Lehre.

Foto: ANP, AFP

Wo immer eine Tischtennis-WM stattfindet wie vor wenigen Wochen in Rotterdam, ist Chinatown. Die Asse aus dem Reich der Mitte gewannen in der niederländischen Hafenstadt wieder einmal sämtliche Titel, in den Einzel- und in allen Doppelkonkurrenzen. Allein Timo Boll drang als Dritter in ihre Phalanx ein. Wieder war er Europas Bester. Nun fliegt Deutschlands erfolgreichster Spieler aller Zeiten am 20. Juni ein zweites Mal nach China, um mindestens fünf Wochen lang in dem Land zu trainieren und für Hangzhou Nirui TTC in der weltbesten Liga anzutreten. Sollte er mit dem Klub um den Titel spielen, kehrt er erst Mitte August zurück. Der Weltranglistenzweite, der mit Borussia Düsseldorf auch in diesem Jahr die Champions League, die deutsche Meisterschaft und den Pokal gewonnen hat, weiß, was ihn erwartet. Denn 2006 war er schon einmal zwei Monate in der Volksrepublik und verlor durch die Strapazen sieben Kilo Gewicht.

"Ich hoffe, dass Timo verletzungsfrei bleibt und alles mental übersteht", sagt Bundestrainer Jörg Roßkopf. "Der Aufenthalt bringt ihm etwas, weil er in der stärksten Liga spielt. Aber er ist fünf Wochen mehr oder weniger auf sich allein gestellt, muss viel reisen und viel trainieren." Der Europameister von 1992 blickt auf seine eigene aktive Karriere und die Reisen nach China zurück. Er betont: "Es war eine harte Zeit. Mir hat sie unheimlich geholfen, weil ich anschließend wusste, wie ich zu trainieren hatte." Roßkopf unterstreicht: "Für die Olympischen Spiele in London muss Timo sein Training noch steigern."

Boll sieht "ein körperliches Risiko, dass die Belastung zu hart sein kann. Aber für die Spiele 2012 möchte ich das noch machen. Ich habe davon einen größeren Nutzen, als dass die Chinesen mich ausspionieren könnten". Der 30-Jährige ist in dem Land mit all seinen Stärken und Schwächen längst bekannt, da gibt es keine Geheimnisse mehr. Wenngleich er im Fernen Osten extrem gefordert wird, weiß Boll, dass sein Körper es nicht zulässt, ständig so intensiv wie die Chinesen zu arbeiten und ihre Fitness zu erlangen. "Würde ich ein halbes Jahr wie sie trainieren, wäre ich tot", sagt er. "Man muss sehen, dass sie in China die besten von zigtausend Spielern sind. Ich will nicht wissen, wie viele an dem harten Training kaputtgegangen sind, sich verletzt haben und gar nicht weiterspielen konnten."

Im nächsten Jahr möchte Boll mit seinen Kollegen bei der Mannschafts-WM in Dortmund (25. März bis 1. April) ähnlich erfolgreich sein wie in Rotterdam. Das ganz große Ziel aber ist London. Bei Weltmeisterschaften darf China sieben Spieler für den Einzelwettbewerb melden, bei Olympia dagegen wie andere Verbände nur zwei. Deshalb sind für den 13-maligen Europameister die Chancen, bei olympischen Turnieren Edelmetall zu gewinnen, größer als bei einer WM.

China ist in dem schnellsten Rückschlagspiel der Welt die Supermacht, weil im Land eine riesige Pyramide von angeblich bis zu 300 Millionen Spielern, unter ihnen natürlich viele Freizeitsportler, in der Weltklasse gipfelt. Das einzigartige Know How wird von Generation zu Generation weitergegeben, da viele Spieler, auch aus der Weltklasse, nach ihrer aktiven Laufbahn Trainer werden. Adham Sharara, kanadischer Präsident des Weltverbandes ITTF, hat den Rest der Welt einmal zur Zusammenarbeit aufgefordert, damit dieser irgendwann Chinas Niveau erreicht. "Die Chinesen kommen nicht vom Mars. Sie haben auch nur zwei Arme, zwei Beine und einen Kopf", sagte er.

Timo Boll handelt nun wieder ganz in seinem Sinn mit seinem zweiten China-Abenteuer. Obwohl er Europas stärkste Waffe gegen ihre Topstars ist, haben die Fans im 1,3-Milliarden-Volk den Deutschen ins Herz geschlossen, und das nicht nur wegen seiner spielerischen Klasse: Bei einer Internetwahl wurde der Hesse zum "schönsten Sportler der Welt" gekürt.

(RP)