Interview mit Karin-Brigitte Göbel: Sparkasse soll mehr Kredite geben

Interview mit Karin-Brigitte Göbel: Sparkasse soll mehr Kredite geben

Die neue Sparkassenchefin über den Streit mit OB Geisel um die Ausschüttungen und die anstehende Schließung vieler Filialen

Frau Göbel, Sie sind in der 190-jährigen Geschichte der Stadtsparkasse ab dem 1. Januar die erste Frau an der Spitze. Was bedeutet Ihnen diese Tatsache?

Göbel Ich halte eine Reduktion auf das Geschlecht grundsätzlich für den falschen Ansatz. Ob Mann oder Frau, die fachliche Kompetenz entscheidet. Es geht an der Spitze der größten Bank der Stadt zudem einerseits um die Vernetzung in der Stadt, andererseits um einen großen Rückhalt in der Arbeitnehmerschaft und um eine Nähe zu unseren Kunden. Wenn dies gegeben ist, ist es egal, ob ein Mann oder eine Frau diese Kriterien erfüllt.

Bislang waren Sie auf vielen Empfängen und gesellschaftlichen Ereignissen in Düsseldorf zu sehen. Werden Sie das als Vorstandschefin noch können?

Göbel Ich werde Empfänge, etwa die vielen im Januar, sicherlich priorisieren müssen. Aber ich schätze die kurzen Kommunikationswege auf diesen Ereignissen, zu Kunden, zur Politik, zu Partnern.

In der Stadt hält sich hartnäckig das Gerücht, die Stadtsparkasse sei mit Krediten in den vergangenen Jahren zurückhaltender gewesen. So wurden Kredite für Großprojekte von Messe, Flughafen und Stadtwerken - allesamt städtische Töchter - nicht gewährt. Was ist dran?

Göbel Der Eindruck ist sicher nicht falsch, dieses Feedback habe ich selbst oft erhalten und das hat verschiedene Gründe. Einer der Gründe ist sicher die gestiegene Anforderung durch die Regulatorik. Ein zweiter Punkt sind die verschärften Eigenkapitalanforderungen an deutsche Kreditinstitute nach Basel III. Diese Hausaufgaben sind erledigt. Beim Eigenkapital sind wir gut aufgestellt. Aber wir müssen zugeben, dass wir ein Stück weit den Blick für die Kunden außer Acht gelassen haben. Das möchte ich als Vorstandsvorsitzende ändern. Düsseldorf hat eine besondere Konjunktur mit einem sehr starken Mittelstands- und einem boomenden Immobilienmarkt. Die Kundenbedürfnisse werden wir wieder stärker in den Fokus stellen.

Sie wollen sich den Kunden stärker zuwenden, schließen aber gleichzeitig jede dritte Filiale. Das klingt widersprüchlich...

Göbel Alle Kreditinstitute, insbesondere im Privatkundengeschäft, erleben dramatische Veränderungen. Besonders durch die digitalen Angebote hat sich das Kundenverhalten dramatisch verändert. Denken Sie selbst einmal daran, wann Sie zuletzt in einer Filiale waren. Kunden gehen heute zur Erledigung ihrer Bankgeschäfte seltener zu einer Bankniederlassung als in der Vergangenheit. Der Kunde sucht nach wie vor die Filiale auf, wenn er einen Beratungsbedarf hat. Diesem Verhalten müssen wir, wie andere Banken auch, Rechnung tragen und unser Filialnetz anpassen. Aktuell investieren wir viel Geld in die Modernisierung unserer Filialen und in den Aufbau digitaler Techniken. Wir halten an den beschlossenen Filialschließungen fest. Nach wie vor unterhält die Stadtsparkasse Düsseldorf mit Abstand das größte Filialnetz vor Ort.

Wie stark ist die Reduktion der Filialen von 64 auf 46 mit einem Stellenabbau verbunden?

Göbel Zunächst: Unsere rückläufige Anzahl an Beschäftigten hat zunächst nichts mit Filialschließungen zu tun. Denn die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind auf andere Geschäftsstellen verteilt worden. Zur Mitarbeiterzahl aber generell: Wir hatten 2014 noch 2322 Mitarbeiter, 2015 waren es 2250, jetzt sind es 2170, bald werden es 2070 sein. Wir reden von Köpfen, die Zahl der Teilzeitstellen ist stark gestiegen. Etwa 500 Mitarbeiter der Stadtsparkasse arbeiten in Teilzeit. Wir werden auch weiter unseren Personalbedarf so anpassen, wie es die Kundennachfrage vorgibt. Aber eines ist sicher: Fachwissen und Kompetenz der Mitarbeiter sind weiter gefragt.

Was wird Thema der Strategiesitzung des neuen Vorstands mit dem Verwaltungsrat sein, die nach unserer Kenntnis bald stattfinden soll?

Göbel Bei aller Regulatorik muss es gelingen, den Kunden in den Fokus zu stellen. Das wird wohl ein wichtiges Thema werden.

Ihr Vorgänger galt innerhalb einer Bandbreite, mit der man eine Bank führen kann, als sehr risiko-avers, also als sehr vorsichtig. Was ist Ihre Politik?

Göbel Verglichen mit den anderen Sparkassen im Verband liegen wir bei der Kreditvergabe unter dem Durchschnitt. Mein Ziel ist es, mittelfristig das vorhandene Marktpotenzial in Düsseldorf wieder besser zu nutzen.

Wird die Zahl der Kreditausfälle steigen?

Göbel Davon ist leider auszugehen. Die aktuelle Geldpolitik sorgt neben der guten Konjunktur für niedrige Insolvenzzahlen. Bei einem absehbaren Zinsanstieg wird sich das wieder ändern, und wir werden wieder höhere Wertberichtigungsbedarfe sehen.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Thomas Geisel, der als OB auch Verwaltungsratsvorsitzender der Sparkasse ist?

Göbel Ich pflege eine konstruktive Arbeit mit dem Träger. In der Sache arbeiten wir "hart aber herzlich" zusammen. In der Vergangenheit haben sich die Gremien zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Es gibt durchaus konträre Positionen zu OB Geisel. Und gleichzeitig immer einen fairen Austausch. Am Ende bin ich als Vorstandsvorsitzende der Stadtsparkasse Düsseldorf verpflichtet.

Herr Geisel duzt sich mit vielen Menschen in Düsseldorf. Auch mit Ihnen?

Göbel Nein.

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Heißt herzlich auch, dass Sie dem Oberbürgermeister in Sachen Ausschüttung entgegenkommen werden?

Göbel Es wird ein Ringen um eine Lösung geben, die für beide Seiten akzeptabel ist. Ausschüttung ist nicht alles. Wir engagieren uns 2017 bei der Cranach-Ausstellung, für die Initiative "Wissensstandort" sowie bei der Tour de France. Auch bei der Förderung des Wirtschaftsstandortes sind wir finanziell engagiert, ein Beispiel ist aktuell der Aufbau des digitalen Hubs. Insgesamt geben wir für solche gesellschaftlichen Engagements rund 3,4 Millionen Euro im Jahr aus.

Hat der Streit mit dem Oberbürgermeister der Bank geschadet, kann man das messen?

Göbel Die öffentliche Auseinandersetzung hat dazu geführt, dass uns die Aufsicht einen Eigenkapitalaufschlag von 1,5 Prozentpunkten auferlegt hat. Und dies steht für die Vergabe von Krediten nicht zur Verfügung.

Wird die Klage gegen die Sparkassenaufsicht wegen des beanstandeten Jahresabschlusses 2014 zurückgezogen?

Göbel Für uns laufen keine Fristen; im neuen Jahr werden wir nach einer Diskussion im Verwaltungsrat eine Lösung finden. Ich gehe davon aus, dass das Thema 2017 beigelegt wird. Wir haben jedoch, das ist mir wichtig, die Bilanz richtig aufgestellt.

Sie waren aber gegen die Klage.

Göbel Das stimmt, das habe ich früh gesagt. Ich habe von Anfang an die Sorge gehabt, dass eine derartige Eskalation der Reputation unseres Hauses schaden wird.

Ab 1. Januar führen Sie die Bank mit nur noch drei statt vier Vorständen. Wird es bei der reduzierten Zahl bleiben?

Göbel Man kann im Prinzip ein Institut unserer Größe auch mit drei Vorständen führen. Die Entscheidung hierüber trifft der Verwaltungsrat. Es gibt gute Argumente sowohl für einen Vorstand mit drei Mitgliedern als auch einen mit vier Mitgliedern.

Werden Sie als Vorstandschefin weiter das Firmenkundengeschäft verantworten?

Göbel Ich bin gut vernetzt in der Firmenkundschaft und kann mir das sehr gut vorstellen.

Ihr Vorstandskollege Meyer wollte auch Vorstandschef werden. Belastet das Ihr Verhältnis?

Göbel Ich habe das sportlich genommen.

Ihr Verband spricht immer wieder von der Konsolidierung des Sparkassensektors. Konkret bedeutet das Fusionen. Sie sind schon die Nummer acht in Deutschland. Sind Sie auf der Suche nach einem Übernahmekandidaten?

Göbel Wir haben ein breit diversifiziertes Kreditbuch und eine solide Eigenkapitalbasis. Wir können allein und unabhängig bestehen. Für strategische Kooperationen gleich welcher Art bin ich aber grundsätzlich offen.

Wo sind Sie privat in der Stadt engagiert?

Göbel Ich engagiere mich beispielsweise im Brauchtum. So bin ich Senatorin in der Prinzengarde Blau-Weiss, was mir viel Freude macht. Ich lebe mit meinem Mann in Düsseltal und bin in diversen Stiftungen und Institutionen aktiv, beispielsweise bei der Hochschule Düsseldorf, im Kuratorium des Evangelischen Krankenhauses und in sozialen Einrichtungen. Jetzt zwischen den Jahren freue ich mich auf den Besuch meiner sieben Patenkinder.

THORSTEN BREITKOPF UND UWE-JENS RUHNAU FÜHRTEN DAS GESPRÄCH.

(RP)