Düsseldorfer Salon: Soziologe gegen Trend zu Scheinheiligkeit

Düsseldorfer Salon: Soziologe gegen Trend zu Scheinheiligkeit

Der Zeitpunkt hätte kaum besser gewählt sein können: Mitten in der Debatte um Fußball-Manager Uli Hoeneß und seine mutmaßliche Steuerhinterziehung machte der "Düsseldorfer Salon" Scheinheiligkeit zum Thema.

Thomas Druyen, Professor der Soziologie und Vermögensforscher, kam auf Einladung der drei Salonièren Alexandra Iwan, Nicola Knüwer und Silke Niehaus in das NRW-Forum, um mit rund 50 geladenen Gästen die durchaus provokanten Thesen in seinem aktuellen Buch "Krieg der Scheinheiligkeit – Plädoyer für einen gesunden Menschenverstand" zu diskutieren.

Die Einführung sprach FDP-Landeschef Christian Lindner: "Die Debatte über Hoeneß ist klar scheinheilig", so sein Fazit zur aktuellen Debatte. 61 Jahre Leben mit karitativem Engagement und als allseits geschätzter Gast zählten auf einmal nichts mehr, "weil die mediale Vernichtungsmaschine angeworfen wurde". Druyens Buch sei "ein donnerndes Pamphlet für individuelles und gesellschaftliches Engagement", ein Plädoyer dafür, konkret persönliche Verantwortung zu übernehmen.

"Scheinheiligkeit ist die größte Blase des 21. Jahrhunderts", sagte Druyen. Ihr sei nur schwer zu widerstehen, "das Geschwätz der Politiker" und "die Heuchelei der Banken" seien unerträglich. Der Wissenschaftler nennt vier Grade der Scheinheiligkeit – vom Beschönigen über Doppelzüngigkeit und Heuchelei bis zum verbrecherischen Handeln, zu dem er Kindesmissbrauch und Organhandel zählt. Ob nicht erst die Notlüge das menschliche Zusammenleben möglich mache, wurde in der Diskussion gefragt.

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"Die Notlüge ist ein Elixier des Menschen", so Druyen, dürfe aber nicht systemisch werden, wie etwa bei Manipulation durch Lobbyismus oder der Aufnahme Griechenlands in die EU, "ohne dass das Land so weit war". Er fordert Konkretik, also konkretes Handeln, das wirklich etwas bewirke "für eine kooperative Welt". Denn nur 20 Prozent der Menschen können bisher an den Errungenschaften unseres Zeitalters teilhaben. "Es wird nur gequatscht ohne Ende", sagte Druyen.

"Ist es nicht so, dass wir in Wahrheit bescheinheiligt werden wollen?", fragte ein Zuhörer und setzte damit einen guten Schlusspunkt. Die Salon-Gäste, darunter Albert Eickhoff mit seiner Familie, Susanne von Bassewitz (Eon), Samandar Setareh (Mediziner und Galerist) und Andreas Buchmann (die developer) begrüßte eines der letzten Male Werner Lippert, scheidender Chef des NRW-Forums.

Denisa Richters

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(RP/ila)