Gastkommentar Jacques Tilly: So war die Schlacht von Worringen wirklich

Gastkommentar Jacques Tilly: So war die Schlacht von Worringen wirklich

"Die Schlacht von Worringen? Da haben doch wir Düsseldorfer gegen die Kölner gekämpft und gewonnen. Seitdem können sich die beiden Städte nicht mehr riechen. Und aus Dankbarkeit hat der Graf von Berg Düsseldorf die Stadtrechte verliehen."

So oder ähnlich antworten viele Düsseldorfer, fragt man sie nach der berühmten Schlacht von 1288. Wie es das "gefühlte" Wetter gibt, welches oft von den realen Temperaturen abweicht, scheint es ein "gefühltes" Geschichtsbild zu geben. Und das hat mit der historischen Wirklichkeit oft nur wenig zu tun. Die Geschichte, auf die wir uns berufen, ist zu nicht geringen Teilen eine legendenähnliche Konstruktion, die dem eigenen Sein rückwirkend Sinn und Struktur geben soll. Und was könnte einem Düsseldorfer einen stärkeren seelischen Halt verschaffen als ein grandioser Sieg im Clash of Clans gegen den stromaufwärts liegenden Erzrivalen? Das hebt das Selbstwertgefühl und stimuliert den Kreislauf.

Doch knapp gefühlt ist auch daneben. In Wirklichkeit haben die bergischen Bauern Seite an Seite mit der Kölner Bürgermiliz gegen den Kölner Erzbischof gestritten. Und ob da überhaupt eine Menschenseele aus dem damals nur 300 Einwohner zählenden Fischerdörfchen namens Dusseldorp dabei war, lässt sich gar nicht belegen. Auch Adolf von Berg vergab die Stadtrechte nicht aus Dankbarkeit, sondern aus machtstrategischen Gründen. Er nutzte die günstige Gelegenheit, um sein Territorium am Rhein gegen die kurkölnische Vorherrschaft ausbauen.

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Auch die Kölner zählten eben nicht zu den Verlierern von Worringen. Die Schlacht war ein wichtiger Schritt auf dem Weg in die freie Reichsstadt, in der nun die Bürger und Händler das Sagen hatten, nicht mehr der Bischof. Schon Bischof Anno II musste einige Jahrhunderte zuvor vor dem Zorn der Kölner Bürger durch ein Loch in der Stadtmauer (von den Kölnern noch heute liebevoll "Annoloch" genannt) fliehen. Das waren noch Zeiten. Zu schade, dass den Kölnern ihr revolutionärer Geist abhanden gekommen ist. Ein Karnevalswagen, der den Kölner Kardinal Meisner kritisch aufs Korn nimmt, ward in Köln noch nie gesehen.

Diese kurze Liaison mit den Kölnern hätte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein können. Doch heute heißt es: Alt gegen Kölsch, Fortuna gegen FC, die Toten Hosen gegen BAB, Kunstakademie gegen Art Cologne. Die historisch einmalige Koalition von 1288 war nicht richtungsweisend. Schade eigentlich. Obwohl: Spaß macht sie ja schon, diese Dauerfehde. Vor allem, wenn es dem viel kleineren Düsseldorf ab und zu gelingt, veritable Siege einzufahren.

(RP)
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