So voll ist Düsseldorf in der Weihnachts- und Adventszeit 2017

Advents-Shopping in Düsseldorf: Schlange stehen

Unser Autor war einkaufen - ausgerechnet am dritten Advent in der Düsseldorfer Innenstadt. Eindrücke eines Tages zwischen Kaufrausch und Kollaps.

Kurz bevor der Regionalzug in den Hauptbahnhof einfuhr, fing im Abteil ein holländischer Jugendlicher an, "Last Christmas" zu singen. Die U-Bahn, die Richtung Heinrich-Heine-Allee losfuhr, bestand aus drei Bahnen. Keine war voll. Der Samstag deutete an, was drohte, bevor es Wirklichkeit wurde. Ein Pappaufsteller der Zeugen Jehovas fragte: Ist die Welt noch zu retten?

Vor elf war es auch am dritten Adventssamstag möglich, sich einen ruhigen Tag einzubilden. Die Klappen der Weihnachtsmarktstände waren höchstens halb geöffnet, wie Augen, die noch nicht ganz wach waren. Auf der beinahe leeren Flinger Straße sagte eine Frau: "Mein Mann hat heute Weihnachtsfeier. Ich habe gesagt: Geh mal alleine." Es gab Dancing Hats zu kaufen, rote Mützen, deren Zipfel sich dank einer Batterie bewegten. Doch jeder wusste, dass es nicht so bleiben konnte. Nicht am Samstag vorm dritten Advent, jener Samstag, an dem es noch möglich war, ein Geschenk nicht zu finden und es rechtzeitig vorm Heiligen Abend auf anderem Wege zu beschaffen. Jener Samstag, der weit genug vor Weihnachten lag, um nicht mit Essensvorbereitung und Baumschmücken zu kollidieren.

Autofahren war spätestens ab der Mittagszeit keine Option mehr, um in die Stadt zu kommen. Foto: Hans-Juergen Bauer

Um kurz nach elf stellte sich eine Gruppe von Menschen gegenüber dem Kabüffken auf, um einen Mann zu fotografieren, der still stand. Er war mit Silber überzogen und sah aus wie ein Zauberer. Wer an den Menschen vorbei wollte, musste außen herum gehen. Danach wurde es nicht mehr besser.

Es gibt zwei Arten, in ein Geschäft zu gehen. Die eine besteht darin, bis auf Höhe des Einganges zu laufen und dann im rechten Winkel abzubiegen. Die andere, frühzeitig eine Diagonale einzuschlagen, deren Endpunkt die Tür ist. Das ist der kürzere Weg. Die Menschen sahen stur zum Ziel, als sie die Diagonale einschlugen. Sie waren auch in der Lage, plötzlich stehenzubleiben. Weil sie unterm Kinderwagen ihren dort verstauten Hund hervorholten oder weil sie die riesige Weihnachtspyramide am Anfang der Flinger Straße fotografieren wollten, als seien sie der einzige Mensch auf der Welt. Damit das System funktionierte, musste auf einen Egoisten immer einer kommen, der acht- und nachgab.

Als auf der Flinger Straße noch Slalom möglich war, gingen die Leute auf dem Weihnachtsmarkt vor dem Carsch-Haus, als wären sie im Moor versackt. Wer dennoch überholt wurde, wusste, dass er nicht rücksichtslos genug war. Die beiden Kinder mussten mit den Luftballontieren fotografiert werden. Es ging gar nicht anders. Jemand sang "Feliz Navidad" mit. "Take me to the beach" hatte auf dem Beutel gestanden, den der Reinigungsmann der U-Bahn-Haltestelle an sein Wägelchen gehängt hatte.

Geduld war auch bei den öffentlichen Verkehrsmitteln gefragt, wie hier in der U-Bahnstation Heinrich-Heine-Allee. Foto: Hans-Juergen Bauer
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Der Kaufhof wies auf der Eingangstür seine Kunden darauf hin, dass diese "24 h online einkaufen" könnten. In der Parfüm- und Make-Up-Abteilung veränderten sich ständig die möglichen Laufwege wie im Treppenhaus von Hogwarts. Der Durchgang, der in einem Moment noch frei war, konnte im nächsten schon blockiert sein. An einer so genannten Brow Bar ließen sich Frauen Brauen auf eine Art behandeln, dass das Brauenumfeld errötete. Ein Schild fragte: "Wie schminke ich die perfekte Foundation?" Sie verkauften Adventskalender für 69,99 Euro. Eine Verkäuferin sprühte Parfüm auf rote Bänder und band sie zwei Seniorinnen ums Handgelenk. Ein Mann trug ein Lenkrad für Computerspiele durch die Abteilung. Eine junge Frau stand mit dem gelangweiltesten Gesicht aller Zeiten herum. Wenn sie Kunden Parfümstreifen in die Hand drückte, bewegte sie ihren Mund nur, um zu sprechen. Ein Junge ließ sich neben der Kasse Parfüm einpacken. Er hielt den geöffneten Rucksack in den Händen, minutenlang, dann gab ihm die Frau das mit einer Schleife verzierte Geschenk.

Der erste Ort, an dem der Verkehr zum Erliegen kam, war kein Weihnachtsmarkt, sondern alles, was in der Nähe der Kö für den Autoverkehr freigegeben war. Leute, die nie öffentliche Verkehrsmittel nutzten, nutzten sie auch jetzt nicht. Schon vor Gucci oder Louis Vuitton hatten sie warten müssen, es waren Schlangen wie am Abend vor der Nachtresidenz. Sie hupten, als ob das ein magischer Zauberspruch wäre, der für Platz sorgen könnte. Die Ampel wurde grün, sie wurde rot, sie wurde grün, aber sie konnten nicht weiterfahren, weil sie sonst auf der Kreuzung hätten stehenbleiben müssen. Die Verkehrskadetten trennten mit ihren orangen Körpern die Fußgänger von den Autofahrern. Gröber als "Zurückbleiben, bitte!" äußerten sie sich nie.

In der Mayerschen standen die Menschen mit 20 anderen in der Schlange. "... zusätzlich können Sie auf der 2., 3. und 4. Etage an unseren bargeldlosen EC-Kassen zahlen", verkündete eine Durchsage. Ein junger Mann sagte zu seiner jungen Freundin: "Da hinten ist die Golfabteilung, da waren ein paar interessante Golfbücher." Am Tisch neben ihnen lag ein Buch mit dem Titel "Hühnersuppe für die Seele". Darin stand allerdings kein einziges Rezept für Hühnersuppe. Zu erfahren war aber, dass es auch die Bücher "Mehr Hühnersuppe für die Seele" und "Noch mehr Hühnersuppe für die Seele" gab. Ein junger Kerl sagte in sein Handy: "Ken Follett ist dir ein Begriff?" Dann brach der Empfang ab. Er scheiterte mehrfach, eine neue Verbindung aufzubauen. "Es ist ein Kampf", sagte er zu seiner Begleiterin. Eine Frau sprach in ihr Handy, dass Saladin beim Therapeuten war. Saladin war ein Pferd. Eine Teenagerin fotografierte einen Beutel mit dem Aufdruck "Fresst meinen Sternenstaub", sie stand im Weg.

Es stand aber auch ein Grundschüler mit Brille und grüner Jacke auf dem Teil der Blumenstraße, der von der Schadowstraße abgeht und den kaum jemand nutzt. Es ging auf den Abend zu. Vor ihm ein Notenständer, darauf ein Buch. Manchmal blätterte der Wind die Seiten um. Auf seiner Klarinette spielte er "O du Fröhliche", er spielte es zu schnell und fehlerhaft, mit den anderen Weihnachtsliedern würde er es genauso machen. Doch die holpernden Töne boten Zuflucht, wenn nicht gerade die Autos hupten. Der Junge sah gar nicht hin, ob jemand stehenblieb. Die Leute, die auf der Schadowstraße vorbeiliefen, steckten Münzen in sein Kästchen, gar nicht so wenige. Seine Mutter stand ein paar Meter vor ihm und nickte ihm manchmal zu. In der Nähe liefen die Menschen auf Eis. Sie sahen beinahe glücklich aus. Sie waren frei.

Bei Breuninger verschenkten sie Helium-Ballons, die silberne Sterne darstellten. An der Schlange nahe des Eingangs kam man schlecht vorbei. Auf dem Weihnachtsmarkt vorm Rathaus gingen die Leute in einer Geschwindigkeit wie nach einem Konzert der Toten Hosen. Vorm Block House am Burgplatz warteten die Leute bis vor der Tür auf einen Sitzplatz, als würde man dort das goldene Kalb schlachten. Eine Frau stand vor einer vollgestopften U-Bahn, die im Begriff war, die Haltestelle Heinrich-Heine-Allee zu verlassen. "Aber meine Freundin ist da drin", sagte sie mit dem Anflug leichter Verzweiflung zu einem Sicherheitsmann. Nichts zu machen. Danach ging sie auf die gegenüberliegende Seite und stieg in die nächste Bahn.

(seda)