Serie Düsseldorfer Geschichten: Silvester 1913: Donnergrollen und Optimismus

Serie Düsseldorfer Geschichten : Silvester 1913: Donnergrollen und Optimismus

Heute vor 100 Jahren stürzten sich die Düsseldorfer ins Vergnügen, als gäbe es kein Morgen – acht Monate, bevor der Krieg ausbrach.

Heute vor 100 Jahren stürzten sich die Düsseldorfer ins Vergnügen, als gäbe es kein Morgen — acht Monate, bevor der Krieg ausbrach.

Der Tag beginnt trübe, viel zu warm für die Jahreszeit. Schnell noch letzte Einkäufe erledigen, bei Fisch Maaßen ist frischer Tafelzander eingetroffen, das Pfund für 1,09 Mark. Oder doch lieber ausgehen heute Abend? Bei Sarrasani soll es noch Karten geben für das große Wild-West-Spektakel mit 100 "echten" Indianern, und im Apollo verblüfft der Illusionist "The great Roland" das hochverehrte Publikum. Es war ein gutes Jahr, das nun am 31. Dezember 1913 zu Ende geht. Düsseldorfs Industrie hat eine rasante Entwicklung hinter sich. Sie ist der Nährboden der Stadt, eine lebendige Kulturszene ihre Würze — Kommerz und Kunst existieren in glücklicher Gemeinschaft. Optimismus ist das dominante Gefühl der Zeit, es könnte immer so weiter gehen. Nur der Drogistenkalender orakelt schon: "Das Alte stürzt, es ändern sich die Zeiten."

Kaum jemand ahnt an diesem Silvestertag vor 100 Jahren, dass in einigen Monaten ein Krieg beginnt, der die alte Welt aus ihren Verankerungen heben wird. Noch wissen die Düsseldorfer nicht, dass sie in ihrer vitalen Stadt an einem Scheideweg stehen, zwischen bedingungslosem Fortschrittsglauben und fernem Donnergrollen. Doch an diesem Silvesterabend stürzen sie sich in den Trubel, als gäbe es kein Morgen.

Düsseldorf - dieses Bild zeigt die Nordstraße in Pempelfort - war bis Ende 1913 bereits auf rund 400 000 Einwohner angewachsen. Foto: Gstettenbauer/www.bilderbuch-duesseldorf.de

Zunächst sind drängende Fragen zu beantworten: Was trägt die Dame zu Silvester? "Die Abendkleider der Saison zeichnen sich durch luxuriöses Gepräge und phantastische Drapierungen aus. Und dank des losen Schnitts ist die jetzige Mode auch der stärkeren Dame hold." Der Generalanzeiger liefert die neuesten Tipps und der Anzeigenteil weckt Begehrlichkeiten: Ball-Toiletten der bescheideneren Art schon ab 18 Mark. Auch Straußenfedern gibt's jetzt im Sonderangebot, und wenn sich die "stärkere" Dame in schlankere Formen zwängen will, bitte sehr: Im Kaufhaus Tietz (dem heutigen Kaufhof an der Kö) ist das "Corset Imperial" eingetroffen —"hochschnürig, mit Fischbeineinlage, ein Wundermittel".

Verblichene Fotos, die im Archiv des Hauses gehütet werden, zeigen ein prächtiges Innenleben mit eleganten Verkaufstischen hinter der bis heute fast unveränderten Fassade. Das Kaufhaus, von Leonhard Tietz hier und nicht etwa in der Metropole Berlin gegründet, galt als größte Einkaufszentrale des Rheinlands und Westfalens, als Düsseldorfer Sehenswürdigkeit. Dort konnte man auch Theaterkarten kaufen, eine Kunstausstellung sehen, in einer Leihbibliothek stöbern oder Schiffskarten für die "Riesendampfer" buchen, die wöchentlich zwischen Rotterdam und New York über den Ozean pendelten.

An diesem 31. Dezember 1913 zählt die Stadt, soeben durch die neuen Gemeinden Eller, Gerresheim und Heerdt gewachsen, schon 400 000 Einwohner. Die Bevölkerungszahl ist in den letzten Jahren explodiert. Längst wird hier nicht nur in den Fabriken Geld verdient, Düsseldorf ist nun auch Handels-, Banken- und Verwaltungsstadt. Der langjährige Oberbürgermeister Wilhelm Marx (er war zum großen Bedauern wegen seiner angegriffenen Gesundheit 1910 zurückgetreten) galt als kluger Politiker, er hatte seine Stadt mit Unterstützung von Industriellen wie Heinrich Lueg, Ernst Poensgen oder Hermann Heye in die Moderne geführt, ihren Ruf als Ausstellungsstadt gefestigt, das Schulwesen und den Bau der Oberkasseler Brücke gefördert, das Apollotheater und das neue Schauspielhaus unterstützt, in dem er Louise Dumont und ihrem Reformtheater ein Filetgrundstück an der Kasernenstraße bot.

Alles bestens. Man konnte sich was leisten und zeigte das schon damals gern beim Sonntagsbummel auf der Kö. Und danach beim Amüsement, vielleicht zum 5-Uhr-Tango ins "Rheingold" oder ins "Palais de Dance", wo Stella Joulotte, "das chice Persönchen, Herrenherzen höher schlagen lässt". Und am Abend dann ins Schauspielhaus: "Schneider Wibbel", eine Komödie in fünf Bildern — und mit Erfolgsgarantie. Das Stück von Hans Müller-Schlösser und dem legendären Paul Henckels in der Titelrolle brachte es auf 500 Vorstellungen und ließ die strenge Louise Dumont von "unserem Goldstück" schwärmen.

Es war die Zeit, in der Azubis noch Lehrmädchen hießen, Geschäfte ein "tüchtiges Fräulein" suchten oder auch "eine Dame perfekt in Schreibmaschine für einige Abendstunden". Wenn von "Backfischen" die Rede war, dachte man an kesse Teenager und nicht an heißes Seelachsfilet. Im Generalanzeiger sucht ein Witwer (40) mit drei Kindern eine katholische Landwirtstochter, und ein Detektiv mit breitem Spektrum ("Ermittlungen, Beobachtungen, Beweismaterial, Auskünfte") stellt per Annonce eine Frage von zeitloser Brisanz: "Haben Sie Zweifel an der Treue ihres Gatten?"

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelte an einem düsteren Dezembertag ein Düsseldorfer Gericht gegen die "erheblich vorbestrafte Ehefrau Johannes Beubes wegen Verbrechens gegen § 218". Das Wort "Abtreibung" erwähnt der Generalanzeiger in seiner Berichterstattung mit keinem Wort, nur so viel: Die Angeklagte soll in verschleierter Form Anzeigen aufgegeben und sich mit "der Sache" befasst haben. Das Urteil: ein Jahr, drei Monate Zuchthaus.

Ansonsten geht 1913 als ein Jahr ohne Katastrophen und Kapriolen in die Chronik der Stadt Düsseldorf ein. Im Januar bringt der Verlag Carl Simon eine Serie mit 72 farbigen Original-Glasplatten heraus. Thema: der Untergang der Titanic. Ein paar Tage später, am 27. Januar, wird Kaisers Geburtstag gefeiert — "nach althergebrachter Weise durch ein Festmahl und ein Volksfest". Ab Mai zeigt die "Große Kunstausstellung", welche kreative Kraft die Stadt zu bieten hat. Es folgt das Übliche: Jubiläen, Grundsteinlegungen, Vereins- und Verbandstage — von den Weinhändlern bis zur Deutschen Presse. Deren Delegierte wettern gegen eine neue Forderung aus Militärkreisen, dass in den Zeitungen keine Nachrichten über militärische Ereignisse gebracht werden sollen — gut ein Jahr vor Ausbruch des Krieges.

Im August wird die neue Eisenbahnstrecke Düsseldorf-Rath eröffnet. Über deren Nutzen wurde debattiert im neuen Industrieclub, Treffpunkt der Industriellen ihrer Zeit. Dort kamen Männer zusammen, die so klingende Namen hatten wie Krupp oder Thyssen und die durch den Qualm der Zigarren mit den führenden Köpfen der Düsseldorfer Unternehmen sprachen. Sicher nicht nur über Politik. "Die industrielle Elite hatte großen Einfluss auf die Kultur. Sie war Förderer und Finanzier gleichermaßen", meint die Literatur-Wissenschaftlerin Gertrude Cepl-Kaufmann, eine Expertin jener Zeit.

Das Rheinland mit dem aufstrebenden Düsseldorf im Zentrum sei geradezu eine westeuropäische Vorzeigelandschaft gewesen, so die Professorin, "man war modern". Schon vor 100 Jahren knüpften sowohl die Kultur als auch die Wirtschaft internationale Netzwerke, waren Handel und der Geldverkehr grenzenlos. 1913 übernachteten in den Hotels der Stadt exakt 12 980 Gäste — und allein im November besuchten 1190 Ausländer die Stadt. Cepl-Kaufmann: "Diese starke internationale Verflechtung war der Hauptgrund, dass man der Meinung war, es könne gar keinen Krieg geben. Das sollte uns heute zu denken geben."

Aber über eine drohende Gefahr machten sich eh die wenigsten Sorgen. Die Anzeigenseiten jener Zeit spiegeln zwar auch Not — da werden Zwangsversteigerungen angekündigt und getragene Wintermäntel annonciert ("Wer hat Lust, einen Hausierhandel zu beginnen?") — aber auch eine starke Kaufkraft und eine ausgeprägte Lust, Geld auszugeben. Eben typisch Düsseldorf. Zu Weihnachten zeigt sich der Wohlstand durch Geschenke, die vom Fortschritt künden: Bei Tucht auf der Schadowstraße liegen photografische Apparate in der Auslage — bis zu 470 Mark teuer, nebenan die neuen Singer-Nähmaschinen, "die Nutzen und Freude verbinden". Den Knüller aber gibt's mal wieder bei Tietz: ein Grammophon, "das singt, lacht, pfeift und spricht — das vollkommene Musikinstrument, weckt bei Kindern die Liebe zur Musik".

Und was zaubert "die Küchenfee"? Im Spanischen Garten an der Schadowstraße sind 1000 Ananas eingetroffen, "ein großer exotischer Genuss". Als Alternative zum Kalbsbraten empfiehlt eine Bilker Rossschlachterei "1A-Fohlenbraten" und dazu ein Fläschchen Walporzheimer Rotwein (zehn Flaschen, zehn Mark). Für die "gediegene Silvesterfeier im trauten Heim" empfiehlt es sich, noch ein paar Belustigungsartikel mitzunehmen, ein Tütchen Niespulver für zehn Pfennige. Oder einen blutigen Finger vielleicht, einen künstlichen, mit dem sich vortrefflich die Gattin erschrecken lässt. Damit's ein recht lustiger Abend wird.

Bald war der Spaß vorbei. Der ersten Kriegsbegeisterung folgte schnell die Ernüchterung, später Verzweiflung. Aus Düsseldorfer Schulen, Ausflugslokalen und Kinos wurden die Lazarette für die Westfront. Genau dort, wo Silvester 1913 noch Asta Nielsen bewundert wurde. Der Filmtitel: "Die Sünden der Väter."

(RP)
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