Tochter nach Hungertod zerstückelt: Sieben Jahre Haft für Pervins Mutter

Tochter nach Hungertod zerstückelt : Sieben Jahre Haft für Pervins Mutter

Düsseldorf (dto). Sieben Jahre muss eine 27-jährige Mutter hinter Gitter, weil sie ihre dreijährige Tochter im Oktober 2002 verhungern ließ. Das Landgericht verurteilte die Frau, die ihr Geld als Pornodarstellerin im Internet verdiente, wegen Totschlags durch Unterlasssen. Das Mädchen war laut Ermittlungen gestorben, weil die Mutter nicht mit dem kranken Kind zum Arzt gegangen war. Die Dreijährige verhungerte und verdurstete in der elterlichen Wohnung, das tote Kind hatte die Angeklagte enthauptet und über zwei Jahre lang in einer Kiste auf dem Balkon deponiert. Der Richter sprach von einem "unfassbaren Geschehen". Die 27-Jährige akzeptierte das Urteil ohne äußere Regung.

Mit seinem Urteil blieb das Gericht unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. Die Anklage hatte acht Jahre Haft gefordert, war vom ursprünglichen Mordvorwurf abgerückt. Im rein rechtlichen Sinne könne nicht von niedrigen Beweggründen die Rede sein, da die Angeklagte nicht aus Habgier ärztliche Hilfe unterlassen habe, sondern weil sie kein Geld und keine Krankenversicherung hatte. Dass sie das Kind vorsätzlich sterben ließ, daran hatte der Staatsanwalt jedoch keinen Zweifel. "Die Angeklagte wusste zwei bis drei Stunden vorher, dass ihr Kind sterben würde." Ein Arzt hätte es seiner Einschätzung nach noch retten können. Als die Frau die Wohnung räumen musste, vertraute sie sich ihrem Mann an und entsorgte das Kind, dessen Leiche bis heute nicht gefunden wurde.

Erst am letzten Verhandlungstag hatte die Angeklagte fast alle Vorwürfe von Polizei und Anklage eingestanden. Der Staatsanwalt sprach von einem "pragmatischen Aussageverhalten, je nach Verfahrensstand". An der Wahrheit ihres Geständnis zweifelte er nicht. Die Angeklagte habe es inhaltsgleich gegenüber mehreren Personen wiederholt und Details, beispielsweise über das Fortschreiten der Leichenstarre erwähnt, die sie nur aus eigenen Erfahrung kennen konnte. Ihre Aussagen deckten sich außerdem mit den polizeilichen Ermittlungen. So waren Blutspuren an der Badewanne entdeckt worden, Leichenhunde hatten auf dem Balkon angeschlagen.

Die Angeklagte habe eine "gestörte Nähe-Beziehung" zu ihrer Tochter gehabt, sie habe es weniger geliebt als ihre jüngere Tochter, weil Pervin dem Vater ähnelte. Statt Mitleid für ihr leidendes Kind zu empfinden, habe sie das Geld für die ärztliche Behandlung sparen wollen, so die Anklage. Ein Zeichen für die Ich-Zentriertheit und den Mangel an Empathie, aber nicht für die fehlende Schuldfähigkeit der Angeklagten. In dieser Einschätzung folgte die Staatsanwaltschaft den psychologischen Gutachtern. Acht Jahre Haft lautete die Strafforderung am Ende des Plädoyers. Das Geständnis habe sich zwar teilweise mildernd ausgewirkt, die lange Dauer der unterlassenen Hilfe und das grausame Verhalten nach der Tat sowie der Widerruf des Geständnisses vor Gericht sprächen aber gegen die Angeklagte.

Die Beschuldigte habe sich nicht mit dem Geschehen auseinandergesetzt, den Dingen ihren Lauf gelassen. "Auch das Problem mit der Leiche hat sie verdrängt", erklärte die Verteidigung, die darin einen Ausdruck ihrer gefühlsarmen, distanzierten und oberflächlichen Persönlichkeit sah, wie sie auch die Gutachter beschrieben hatten. "Tränen waren bei ihr nicht zu erwarten", so die Verteidigung weiter, schließlich habe sie über zwei Jahre im Wissen über ihr totes Kind auf dem Balkon gelebt. Sechs Jahre bzw. fünfeinhalb Haft hielten die Anwälte für die "überforderte Mutter" für angemessen.

In ihrer Argumentation wirkten die Verteidiger manchmal fast hilflos und konnten nicht immer überzeugen. Ein hartes Urteil sei wenig hilfreich, damit könne man andere Eltern, die bei der Erziehung ihrer Kinder versagen, schließlich nicht abschrecken, hieß es da beispielsweise. Auch die zunehmende Armut in der Gesellschaft wurde zur Rechtfertigung der Tat herangezogen und Mitleid mit der Mutter, die ein "Kind verloren" hat, gezeigt. "Wenn ich die Zeit zurückdrehen könne, würde ich es tun", lauteten die hastig und gepresst hervorgestoßenen letzten Worte der Angeklagten, die ansonsten wie im gesamten Verlauf des Prozesses kaum Regungen zeigte.

Mit einem Strafmaß von sieben Jahren blieb das Gericht schließlich genau zwischen Anklage und Verteidigung. "Gänzlich unverständlich" bleibe, wie die Angeklagte ihrem Ehemann das Verschwinden des Kindes über ein Jahr verheimlichen konnte. Vor allem die Tatsache, dass die Tochter vor ihrem Tod stundenlang gelitten habe, hielt ihr der Richter vor. Und ihr Verhalten nach dem Tod des Kindes sei mit "normalen Menschenverstand schlichtweg nicht begreiflich", schloss er.

Das Urteil ist rechtskräftig.

Mehr von RP ONLINE