Serie „So wohnt Düsseldorf“: Renate Harvans Dachwohnung in Unterbilk

„So wohnt Düsseldorf“ : Leben zwischen Vergangenheit und Zukunft

In ihrer Dachwohnung in Düsseldorf-Unterbilk umgibt sich Designerin Renate Harvan mit Bildern ihres verstorbenen Mannes – und plant eine Ausstellung.

Das erste Bild, das er je gemalt hat, hängt in der Diele. Sein letztes im Wohnzimmer. Der Künstler Gerhard Harvan prägt diese Wohnung, obwohl er sie nie betreten hat. Fast ein halbes Jahrhundert ist sein Unfalltod her. Da war er gerade 30 Jahre alt – „und 30 Tage“, sagt seine Frau Renate Harvan. Sie lebt in einer Dachwohnung an der Florastraße, ganz in der Gegenwart, aber auch immer mit der Vergangenheit. Das muss man können.

Sie sind sich in der Werkkunstschule begegnet, beim Aktzeichnen. Und wurden schnell ein Paar: Der attraktive Künstler mit dunkler Mähne und Vollbart und die großgewachsene, grazile Frau, die später eine bekannte Modedesignerin werden sollte. Er kaufte Stoff, sie nähte ihm die Hosen daraus.

So fing es an. Er hatte gerade sein Studium an der Akademie abgeschlossen, war zuletzt Beuys-Schüler gewesen, arbeitete im Umfeld der Zero-Gruppe. Seine erste Ausstellung hatte Gerhard Harvan 1967 - da blieben ihm nur noch vier Jahre, „aber er war wahnsinnig produktiv“, sagt Renate Harvan.

Wie umfangreich sein Werk war, das lässt sich in dieser Wohnung erkennen: 100 Quadratmeter, eine einzige Ausstellungsfläche für ihn und befreundete Künstler. Aber noch etwas prägt diese Wohnung auf unverwechselbare Weise: der Blick. Er hat zweifellos seinen Anteil daran, dass Renate Harvan diese Räume unbedingt haben wollte.

Denn wenn sie auf ihren hellen Sofas oder an ihrem Esstisch sitzt, ist sie genau auf Augenhöhe mit der großen Turmuhr der Friedenskirche: Das Verrinnen der Zeit immer im Blick. Und eine Verknüpfung zum Werk des Künstlers, der fasziniert war von mechanischen Bauteilen und Räderwerken, ganz eigene Zeitmaschinen schuf und dabei Techniken verknüpfte wie Siebdruck und Lithografie, Radierungen und Holzdruck.

Die Wohnung dokumentiert dieses Werk in den verschiedenen Räumen: Im Schlafzimmer die zarten Zeichnungen, meist Frauenakte, im Arbeitszimmer die Grafiken, im lichten Wohnraum die großformatigen Bilder.

Renate Harvan kombiniert die Kunst mit schlichten, edlen Biedermeiermöbeln, die Sitzflächen der Stühle sind schwarz bezogen, auch die einer langen Sitzbank, davor der Esstisch in kühner Kombination - eine Glasplatte, die auf einem Betonklotz schwebt. Der Raum öffnet sich zu einer Terrasse, ein zusätzliches Wohnzimmer im Sommer mit heller Markise, üppigem Bambus und mediterranem Duft, den Lavendel und Rosmarin verströmen.

An einem Türrahmen hängt ein Plakat, das die Vergangenheit mit der Zukunft verbindet und das Gerhard Harvan während eine Performance 1969 zeigt. Nun wird dieses Foto zur Ankündigung einer Ausstellung, die Renate Harvan vorbereitet: Vom 15. April bis 2. September zeigt sie 28 Arbeiten im historischen Uhrenturm (Hermann-Harry-Schmitz-Institut) an der Grafenberger Allee – und hat in der Vorbereitung dazu „vieles noch mal neu entdeckt“. Wie zum Beispiel die Grafiken, die nach Sparziergängen über spanische Friedhöfe entstanden sind.

Fürs Kunstpublikum ist Gerhard Harvan ein Verschollener, der fast 50 Jahre nicht ausgestellt wurde und nun wiederzuentdecken ist.

Zeitgleich ist auch eine Internetseite über sein Leben und Werk fertig geworden. Renate Harvan wird Führungen anbieten und von einer Epoche und einem Künstlerleben erzählen, das eng verknüpft ist mit einer Liebesgeschichte - „durch sein Werk ist etwas von ihm lebendig geblieben“.

Hier geht es zur Bilderstrecke: So wohnt Düsseldorf - Dachgeschosswohnung in Unterbilk als Atelier

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