Selbstversuch: Mein CO2-Sündenregister

Der Test : Selbstversuch: Mein CO2-Sündenregister

Die Flugreise nach Georgien steht unmittelbar bevor. Scham hat mich noch nicht ergriffen. Mal sehen, was der CO2-Rechner auf der Homepage der Stadt dazu sagt.

Die Stunde der Wahrheit ist da. „Schicken Sie das CO2 nachhaltig in die Ferien!“ steht gleich am Kopf der städtischen Seite, auf der man seine CO2-Bilanz ausrechnen kann. Das trifft ins Mark. Denn tatsächlich schicke ich das klimaschädliche Gemisch nicht in die Ferien, sondern fliege erst einmal selbst in dieselben. Mit Zwischenstopp in Italien geht es in den wilden Kaukasus. 6590 Kilometer sind das laut Rechner. Und der CO2-Ausstoß ist happig. 1,89 Tonnen. Das liegt weit über dem deutschen Durchschnitt von nur 0,56 Tonnen. Tatsächlich könnten wir hier Gutes für den Klimaschutz tun. Man müsste nur den Regler von eins auf null (Flugreisen) schieben. Doch so einfach ist es nicht. Denn in das an Kultur, Natur und Gastfreundschaft so reiche Land am Schwarzen Meer reisen wir nicht, weil es gerade der ganz heiße Reise-Burner für die Hipster aus ganz Westeuropa ist, sondern weil die eigene Familie – jedenfalls ein größerer Teil davon – dort lebt. Klar könnte es spannend sein, zunächst einmal durch Österreich, Ungarn, den kompletten Balkan sowie den nordöstlichen Zipfel Griechenlands zu juckeln, um sich dann der eigentlichen Herausforderung zu stellen: die komplette West-Ost-Durchquerung der Türkei. Doch realistisch ist das nicht. Denn wer eh nur drei Wochen pro Jahr hat, um bei seinen Liebsten zu sein, will nicht zehn Tage davon im Auto oder im Zug verbringen. Was die klimapolitischen Trendsetter aus Schweden „flygskam“, also Fluscham, nennen, verspüre ich deshalb nicht.

Trotzdem sind die Klicks durch den CO2-Rechner aufschlussreich. Ein bisschen erinnert mich sein Aufbau an den Beichtspiegel. Der hilft Katholiken, schneller zu checken, wo sie gesündigt haben. „Sind Sie zukünftig bereit, ihre Wohnfläche zu verkleinern?“ Wer auf Ja drückt, kann die Bilanz verbessern. Stromverbrauch, Heizungsverhalten, Ernährung, Pendeln – alles kommt auf den Prüfstand. Sogar das Körpergewicht wird erfragt. Dass ich mit dem Auto in die City pendle, verschlechtert die Bilanz ebenso wie mein Nein dazu, dass Dieselkraftstoff schrittweise auf 3,30 pro Liter verteuert werden soll. Zum Glück gibt’s noch ein paar Pluspunkte: Unser Fleischkonsum hält sich in Grenzen und einen SUV würden wir uns auch nie kaufen. Übrigens: Den Flug nach Georgien könnten wir rechnerisch ausgleichen, in dem wir Geld für Klimaschutzprojekte spenden. Das kann gut investiertes Geld sein. Aber mit dem Freikaufen (vor 500 Jahren hieß das Ablass) von Sündenlasten tue ich mich schwer. Dafür werde ich nächste Woche mal mit der S-Bahn in die City fahren. Wenigstens an einem Tag der Woche.

Mehr von RP ONLINE