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Selbstversuch beim Schachverein in Düsseldorf-Wersten: Matt in fünf Minuten

Selbstversuch beim Schachverein in Düsseldorf-Wersten : Matt in fünf Minuten

Unser Autor hält sich selbst für einen durchschnittlichen Freizeitschachspieler. Beim Besuch der Vereinsspieler des SV Wersten konnte er erfahren, wie viel er noch zu lernen hat – und wie viel Begeisterung man für das Schachspiel aufbringen kann.

Während der ersten paar Züge sieht die Partie noch ausgeglichen aus. Andreas Marschall und ich bringen unsere Figuren in Stellung, bauen unsere Strategie auf, planen, beobachten, lauern. Doch die Schachuhr tickt, fünf Minuten hat jeder Spieler zur Verfügung, danach hat man verloren.

Ich lasse mich davon irritieren, übersehe ein paar Fallen. Auf einmal ist deutlich mehr Weiß als Schwarz auf dem Schachbrett zu sehen, ich brauche immer länger, um die Situation zu überblicken. Als Andreas Marschalls weißer Turm schließlich schachmatt setzt, habe ich noch sieben Sekunden Bedenkzeit – und nur noch eine Handvoll Figuren auf dem Spielfeld.

Andreas Marschall gehört zu den neueren Mitgliedern der Schachabteilung des SV Wersten. Nach seinem deutlichen Sieg schwärmt er mir von der Ästhetik des Schachspiels vor, und von dem Gefühl, das sich einstellt, wenn man mit einem Täuschungsmanöver Erfolg hat oder einen gegnerischen Angriff vereitelt.

Danach spielen wir noch einmal, diesmal schaffe ich es immerhin, die Uhr ablaufen zu lassen. Niederlage durch Zeit – beim Blitzschach, wie der Fünf-Minuten-Modus genannt wird, nicht unüblich. „Du hast solide angefangen, aber dann leichtfertig Figuren aufgegeben“, kommentiert Marschall mein Spiel. Dann lacht er. „Auch mit Zeitdruck muss man zurechtkommen.“

Etwa 30 Spieler verschiedener Altersstufen trainieren das Schachspiel regelmäßig donnerstags in den Räumen des Zentrum plus in Wersten. Einer von ihnen ist Ingo Sowade. Er spielt seit über 30 Jahren Schach, Auslöser war ein Geschenk: „Meine Frau und ich haben damals ein schönes Schachspiel bekommen, und wir dachten uns, damit müssen wir auch etwas anfangen“, erzählt Sowade.

Inzwischen ist daraus eine Leidenschaft geworden: „Das Spiel fasziniert mich, weil keine Partie wie die andere verläuft, immer kommen andere Strategien zum Zug, man wird immer neu gefordert.“ Konzentration, Beherrschtheit und Ausdauer seien Eigenschaften, die durch das Schachspiel trainiert werden könnten.

Das Jahrhunderte alte Spiel nutzt inzwischen auch die Möglichkeiten der digitalen Technik: Die Mitglieder spielen online gegen Gegner aus der ganzen Welt, für ihr Training laden sie sich Aufgaben, Probleme und Strategien herunter. Andreas Marschall will die Modernisierung des Vereins weiter vorantreiben: Er hat die Website neu gestaltet, Sponsoren hinzugezogen. „Im Moment planen wir, einen Beamer anzuschaffen, um auf einer großen Leinwand Partien gemeinsam analysieren zu können“, erzählt Marschall.

Außerdem lädt der Verein bekannte Schachmeister ein, um sich von ihnen unterweisen zu lassen. „Es macht wirklich Spaß, sich in die Materie zu vertiefen und sich selbst dabei zu beobachten, wie man immer besser wird“, sagt Marschall und fachsimpelt dann mit den anderen Spielern über verschiedene Eröffnungsstrategien. Auf einem Brett baut Marschall eine Situation auf, die er bei einem Onlinespiel falsch gelöst hat. Nun stecken die Spieler die Köpfe zusammen und beraten, was man hätte machen können.

Diese Begeisterung wollen die Schachspieler des SV Wersten auch an die nächste Generation weitergeben. Ingo Sowade leitet das Jugendtraining. „Jungen Leuten fehlt oft die Geduld, die Feinheiten des Spiels zu verstehen“, sagt er. Dennoch sind einige junge Spieler beim SV Wersten dabei.

Der aktivste Spieler ist der zwölfjährige Tobias, der bereits an mehreren Schulmeisterschaften teilgenommen hat – und erst neulich auf einem Turnier den 13. Platz von über 60 Teilnehmern belegt hat. „Mir macht das Spiel Spaß“, sagt das Nachwuchstalent. Gegen die erwachsenen Gegner fehle ihm aber noch die Erfahrung.

Das will ich ausnutzen und fordere Tobias zu einer Partie heraus. Obwohl wir ohne Zeitbegrenzung spielen, denkt er kaum nach, zieht seine Figuren sehr schnell über das Feld, schaut manchmal etwas gelangweilt auf die Uhr, wenn ich über meinen nächsten Zug nachdenke.

Bald hat Tobias mich in die Defensive gedrängt, und ich versuche nur noch, nicht zu weit ins Hintertreffen zu geraten – vergebens, denn recht bald kippt der Zwölfjährige meinen König um, reicht mir die Hand und sagt höflich: „Gutes Spiel.“