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Schüler aus Düsseldorf entdecken mit Senioren alte Gesellschaftsspiele neu

Schule in Düsseldorf : Die wollen doch nur spielen

Mau-Mau, Mensch-ärgere-dich-nicht, Rommé: Gerresheimer Schüler entdecken mit Senioren des Gerricusstifts alte Gesellschafts- und Kartenspiele neu – und kommen so ins Gespräch über Generationenkonflikte, Fußball, den Tod.

Salih Colak und Matei Bucur rätseln. Die 13-jährigen Schüler des Gymnasiums Gerresheim sitzen mit Helga Koß und Karl-Heinz Conzen vor einem Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielbrett und können sich nicht mehr erinnern, wie das Kartenspiel hieß, das sie bei ihrem letzten Besuch im Pflege- und Altenheim Gerricusstift zusammen gespielt haben. Der 68-jährige Conzen hilft: „Es heißt Mau-Mau.“

Zwei Tische weiter ist es anders herum: Hier erklären Max Bach und Maximilian Wittek der 96-jährigen Edith Szewczuk die Regeln des Rommé-Spiels. Während die beiden Schüler Rommé schon mit den Großeltern gespielt haben, hatte die ehemalige Opernkostümbildnerin bisher keine Zeit und kein Interesse für Gesellschaftsspiele. „Früher habe ich jede freie Minute draußen mit meinen großen Hunden verbracht“, erzählt sie. „Doch heute möchte ich mal etwas Neues ausprobieren“, so Szewczuk.

Die Schüler der 8. Klasse, die an diesem Vormittag zum letzten Mal statt im Klassenraum im Gruppenraum des nahegelegenen Pflege- und Altenheims sitzen, nahmen ein Schuljahr lang an dem Projekt „Ich und die anderen“ teil. Andrea Daly, Lehrerin fur katholische Religion am Gymnasium Gerresheim, gestaltet ihren Unterricht gerne mit einem praktischen Teil. „Religion muss sich auf das Leben auswirken“, sagt sie. Im Pflege- und Altenheim Gerricusstift fand Andrea Daly einen dankbaren Partner für ihr Projekt. Seit den Herbstferien besuchte eine Gruppe von etwa acht Schülern alle vier Wochen das Gerricusstift, um sich eine Stunde lang mit einer ähnlich großen Gruppe von Bewohnern zum Gesellschaftsspielvormittag zu treffen. Das ist für beide Seiten ein Gewinn – da sind sich Lehrerin Andrea Daly und Katharina Beckord, die für den Sozialen Dienst des Gerricusstifts den Spielevormittag organisiert, einig.

Zur Vorbereitung auf den „praktischen Religionsuntericht“ hat Lehrerin Daly mit ihren Schülern geübt, was sie die Damen und Herren fragen und was sie über sich erzählen können. Maximilian Wittek hat das Gelernte direkt bei seinem ersten Besuch im Gerricusstift angewendet und sich mit seinen älteren Spielpartnern über deren Kindheit unterhalten. Sein Fazit: „Die Kindheit früher war eigentlich wie bei uns – nur ohne Handy.“ Auch Schülerin Lea Widera hat sich bei ihrem letzten Besuch angeregt mit Bewohnerin Elisabeth Foster unterhalten. „Dabei haben wir Fußball als gemeinsames Hobby entdeckt“, so die 13-Jährige.

„Der Umgang mit den älteren Menschen fordert die Jugendlichen und ist für sie eine intensive Erfahrung“, sagt Andrea Daly. Besonders beschäftigt viele Schüler die Frage, wie die Gerricusstift-Mitarbeiter damit umgehen, dass laufend Bewohner sterben. Anlass für die Auseinandersetzung mit dem Thema Tod war ein Rundgang durch das gesamte Pflege- und Altenheim zu Beginn des Projekts, bei dem die 13- bis 14-Jährigen auch den Abschiedsraum des Gerricusstifts besichtigten. Fur Andrea Daly ist dies ein „kostbarer“ Nebenaspekt des Projekts, denn „in unserer Machergesellschaft wird der Tod meist verdrängt“.

Dass die rund 20 teilnehmenden Schüler ihre Eindrücke während des „praktischen Religionsunterrichts“ im Gerricusstift gut verarbeiten können, ist der Lehrerin wichtig. Deshalb ist sie Gerricusstift-Mitarbeiterin Katharina Beckord sehr dankbar, dass sie nach jedem Besuch der Schüler ein kleines Abschlussgespräch geführt hat. Darüber hinaus sollten die Schüler ihren Mitschülern nach jedem Spielevormittag von ihren Erfahrungen berichten.

Die Bewohner des Gerresheimer Pflege- und Altenheims wiederum freuen sich über die Abwechslung, die die Schüler ihnen bieten. Uwe Bauersachs spielt an diesem Tag bereits zum dritten Mal mit Philipp Brinkmann Schach: „Man sieht mal andere Leute, und es macht Spaß, mit neuen Gegnern zu spielen“, sagt der pflegebedürftige Bauer­sachs. An seinem 14-jährigen Gegenüber schätzt er vor allem, dass dieser „nicht so viel redet“. In der Tat sitzen die beiden hochkonzentriert am Tisch. Als Vorbereitung auf die Besuche im Gerricusstift hat Philipp Brinkmann intensiv in den Herbstferien mit seinem Bruder das Schachspielen geübt. Das zahlt sich nun aus. Die Partie endet Remis. Auch Elisabeth Foster ist nach einer Stunde Rommé-Spiel begeistert. „Es war wieder wunderbar, und ich wünsche euch alles, alles Gute“, sagt sie und drückt ihren drei jungen Spielpartnern zum Abschied fest die Hand.