Neue Stiftung Deutsches Forum Kinderzukunft: Schon vor der Geburt gut behütet

Neue Stiftung Deutsches Forum Kinderzukunft : Schon vor der Geburt gut behütet

In Düsseldorf hat sich die neue Stiftung Deutsches Forum Kinderzukunft gegründet. Sie will Erfahrungen etwa aus dem Präventionsprojekt "Zukunft für Kinder in Düsseldorf" standardisieren und weitergeben. Ziel ist eine Vernetzung von Gesundheitswesen und Jugendhilfe.

Dass sich die junge Frau, die mit ihrem Baby in seine Praxis kam, absichtlich Schnittverletzungen an den Armen zugefügt hatte, sah Kinderarzt Thomas Fischbach eher zufällig. Dabei habe die Mutter im Gespräch und im Umgang mit ihrem Kind ganz normal gewirkt, erzählt der Mediziner, der auch Vorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Nordrhein ist. Es ist das alte Problem: Der Arzt erfährt nicht früh genug, wenn eine Mutter psychisch krank oder zumindest labil ist. "Sonst könnten wir eingreifen und versuchen, Einfluss auf die Mutter zu nehmen, sich Hilfe zu suchen."

Bundesweit tätig

An eben dieser Vernetzung mangelt es derzeit aber noch an vielen Stellen. Dagegen will die neue Stiftung "Deutsches Forum Kinderzukunft" angehen, die sich gestern erstmals öffentlich vorstellte. Sie hat ihren Sitz zwar in Düsseldorf, will aber bundesweit präventiv gegen Kindesmisshandlung und -vernachlässigung aktiv sein. Burkhard Hintzsche, Jugenddezernent der Stadt, begrüßt das Engagement der neuen Stiftung: "Jeder weitere Partner im Kampf gegen Kindesmisshandlung ist uns willkommen."

Rund 55.000 Kinder bundesweit erleiden bis zu ihrem sechsten Lebensjahr Gewalt. Die Gefährdung ließe sich Experten zufolge in bis zu 80 Prozent der Fälle bereits um den Zeitpunkt der Geburt herum erkennen. Wenn es denn die nötige Vernetzung von Gesundheitswesen und Jugendhilfe gäbe. "Wir in Düsseldorf haben bereits ein exzellentes Projekt zur Prävention von Kindesmisshandlungen, das vielen Städten in ganz Deutschland zum Vorbild geworden ist: Zukunft für Kinder in Düsseldorf", sagt Wilfried Kratzsch, treibende Kraft und Vorsitzender der neuen Stiftung.

"Die Erfahrungen, die wir in diesem Projekt gewonnen haben, wollen wir teilen und weitergeben." Dafür will die Stiftung etwa Standards entwickeln, die in Beratung und Fortbildung vermittelt werden. Bisher arbeiteten viele Präventionsprojekt in Deutschland eher nebeneinander her — statt miteinander.

Wilfried Kratzsch, ehemals Kinderneurologe an der Sana-Klinik Gerresheim, hat Erfahrung mit dem Thema: Schon vor mehr als 20 Jahren hatte er sich an seinem Krankenhaus für ein Präventionsprojekt gegen Kindesmisshandlung und -vernachlässigung stark gemacht. 2005 war er dabei, als das vielfach ausgezeichnete Präventionsprojekt "Zukunft für Kinder in Düsseldorf" gegründet wurde.

Beiden Projekten und der neuen bundesweiten Stiftung ist gemein, dass sie zum Schutz des Kindes so früh wie möglich ansetzen: vor der und rund um die Geburt. "Zukunft für Kinder in Düsseldorf" stützt sich dafür auf ein Hilfenetz von Geburtskliniken, niedergelassenen Kinderärzten, sozialpädiatrischem Dienst, Kinderschutzambulanz und Jugendamt. So soll so früh wie möglich klar werden, ob Eltern überfordert sind und Risiken für das Kind entstehen könnten.

Die Stiftung will zusätzlich die Frauenärzte ins Boot holen. "Der Gynäkologe hat fast immer den ersten Kontakt zur werdenden Mutter", sagt Peter Potthoff vom Berufsverband der Frauenärzte in Nordrhein. Auch sie müssten stärker in die Vernetzung für das Kindswohl einbezogen werden. Das Problem ist dabei derzeit aber noch, dass es für die Frauenärzte kaum Möglichkeiten gibt, ihre Eindrücke und Sozialprognosen weiterzugeben: Einzige Möglichkeit sei der Mutterpass — der aber bleibt im Besitz der Mutter. Um solche Dinge zu ändern, werde die Stiftung sich "auch politisch äußern", kündigte Kratzsch an. Nur so könne man dauerhaft etwas ändern.

(RP)
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