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Schauspieler Daniel Wandelt - ein Mann für gewisse Sekunden

Düsseldorfer Schauspieler in Nebenrollen : Ein Mann für gewisse Sekunden

Wildwasserbahn eröffnen, vor 30 Leuten auf der Bühne stehen und einen Satz in „Babylon Berlin“ sagen: Daniel Wandelt macht die Jobs, für die sich viele andere Schauspieler zu schade wären. Wieso tut er das?

In acht Sekunden kann einer sich nicht unvergesslich machen. Schon gar nicht, wenn er einen langen Mantel trägt und einen Stahlhelm, das Gesicht voller Ruß. Es hilft auch nicht gerade, dass er bloß im Hintergrund steht. Am 11. Oktober 2018, ein Donnerstag um 20.53 Uhr, die siebte Folge von „Babylon Berlin“, macht sich Daniel Wandelt wieder einmal nicht unvergesslich. „Rückzug! Sind Sie taub? Rückzug!“, ruft er auf einem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs dem Protagonisten der Serie zu. Dann stolpert er für immer aus dem Bild. Im Abspann gehört er zu den Schauspielern, die unter „u.v.a.“ zusammengefasst werden. 4,38 Millionen Zuschauer sehen die Folge in der ARD. Noch nie hatte Wandelt ein so großes Publikum.

Wer an den Job des Schauspielers denkt, denkt an hohe Gagen, roten Teppich und Dankesreden bei Filmpreisen. Der Düsseldorfer Daniel Wandelt ist zwar Schauspieler im Hauptberuf, aber er steht für nichts davon. Sein Gesicht ist so unbekannt, dass er in der RTL-Serie „Alarm für Cobra 11“ einen Hotelchef spielte und im Jahr darauf einen Richter. Er macht die Jobs vor der Kamera, die keinen Ruhm bringen und wenig Geld, die aber einer machen muss. Protagonist in einem Imagefilm für ein Sanitätshaus, Darsteller in einem Werbespot der Caritas, Schauspielpatient in der Uniklinik, Wildwasserbahn im Freizeitpark eröffnen, in kleinen Theatern auftreten und ab und zu für wenige Sekunden in einem Spielfilm in Erscheinung treten. Auf Facebook folgen ihm 253 Personen. Wandelt ist 53 Jahre alt, schlank, hat ein schmales Gesicht und graumelierte Haare. Das macht ihn ideal für alle Rollen, die Seriosität vermitteln müssen. Den Immobilienmakler, den er regelmäßig gibt, nimmt man ihm sofort ab. Außer im Theater spielt er meist keine Charaktere, sondern Funktionsträger, und das schon seit fast 15 Jahren. Warum tut er sich das an?

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Ein Mittag im Mai 2018. Wandelt steht in einem Tonstudio an der Graf-Adolf-Straße. Toningenieur Arne spielt ihm die zwei Werbespots vor, in denen er den Protagonisten synchronisieren soll. Dieser fährt in einem aus unerfindlichen Gründen silber-türkisen Oldtimer durch die Gegend und empfiehlt Männern, die Sodbrennen plagt, ein Medikament. Zugeschaltet bei den Aufnahmen ist die Produktionsfirma aus London und Bianca vom Hersteller aus Heidelberg. Wandelt geht mit seinem Text in eine kleine Kabine, stellt sich vor das Mikro und versucht, zum laufenden Spot seine Sätze in der richtigen Geschwindigkeit einzusprechen. Er hat eine Baritonstimme, angenehm, aber unauffällig. Den Satz „Wie fühlst du dich, Mark?“ wird er einige Mal sagen. Das „Keine Sorge“ hätte Bianca gerne fröhlicher. Daniel bewegt beim Sprechen die Hände, beinahe wie ein Dirigent. Nach einer halben Stunde haben sie den ersten Spot geschafft. Im zweiten kann ein Mann wegen seines Sodbrennens nicht einschlafen. Der Protagonist rast wieder in seinem auffälligen Oldtimer zu ihm, betritt das Schlafzimmer und fragt: „Wie fühlst du dich, Alex?“ In zehn Minuten sind sie durch. Der Toningenieur sagt, früher habe man mehr Zeit für alles gehabt.

Keine Stunde hat Wandelt im Studio verbracht. 250 Euro erhält er, wenn er für einen TV-Spot spricht. Wird er ausgestrahlt, kommen noch mal 600 Euro dazu. Das wäre ein passabler Verdienst, wenn Wandelt jeden Tag solche Aufträge bekäme. Bekommt er aber nicht. Es sind aber diese Aufträge, die Sprecher-Jobs, die Auftritte in Imagevideos, in denen es schon mal „die Kunst war, nicht von einem Gabelstapler überfahren zu werden“, die das Geld bringen. Wandelt kennt keinen Dünkel. Als er das Schauspielern zum Beruf gemacht hat, war er längst aus dem Alter raus, in dem einer noch davon träumt, es nach Hollywood zu schaffen oder mindestens zum Tatort. Eine Dauerrolle im Fernsehen ist der größte Traum, den er sich zugesteht. Mit diesen weniger aufregenden Aufträgen finanziert Wandelt die Jobs, die weniger Geld bringen, ihn aber als Schauspieler stärker fordern: die Rollen im Theater.

An einem Abend im Januar 2019 haben sie die zusätzlichen Stühle gar nicht erst aufgestellt. 75 Plätze hat das Theater an der Luegallee, doch an einem Dienstag ist nicht viel Publikum zu erwarten, die roten Kino-Plüschsessel reichen aus. Halb sieben, noch anderthalb Stunden bis zur nächsten Vorstellung von „Flurgeflüster“. In dem Zwei-Personen-Thriller wundern sich Nachbar und Nachbarin in einem Mietshaus über den dritten Nachbarn, vor dessen Tür immer die Mülltüten liegen. Wandelt und Spielpartnerin Julia Streich gehen ein paar Bewegungen auf der Bühne durch. Eine Frau staubsaugt gründlich den Teppichboden im Theater. Theaterleiter Joachim Meurer ruft ihr zu, auf dem Herrenklo seien keine Papierhandtücher mehr.

Um Viertel nach sieben wird geöffnet, bald riecht es nach schwerem Parfüm. An der Theke bestellen die Leute Sekt und Wein. Eine Seniorin sagt zur Sitznachbarin: „Da hätte man sich auch noch was zu lesen mitnehmen können.“ Auch um die Füllung von Winterjacken kreisen ihre Gespräche. Am Ende werden es knapp 30 Zuschauer.

Das Theater ist ein kleines Haus ohne festes Ensemble. Schauspieler können dort ihre Stücke aufführen und werden an den Ticketeinnahmen beteiligt. Hundert Euro pro Abend müssen es mindestens sein, damit es sich für Wandelt halbwegs lohnt. Dabei sind hundert Euro nicht viel Geld für zwei Stunden auf der Bühne, schon gar nicht, wenn man bedenkt, dass sie monatelang für das Stück geprobt haben.

Zum Beispiel an einem Dienstagnachmittag im Oktober 2018. Auf der Bühne stehen ein Klavier und das Bühnenbild des Stücks, das gerade läuft, ein Fußballfeld; am Rand steht ein Tor. Wandelt richtet die Bühne her, hat grüne Mülltüten mitgebracht, die er mit Stoff füllt. „Wollen wir noch mal lesen?“, fragt er Julia Streich. Sie: „Ach komm, wir gehen rein.“

Szene 8, er hat sich unter Alkoholeinfluss unmöglich benommen, nun will er sich bei der Nachbarin entschuldigen. Als Champagnerflasche hält eine Saftflasche her. Die Proben haben vor drei Wochen begonnen, Wandelt und Streich haben den Text noch nicht drauf. Regisseur Dirk steht vor der Bühne und sagt: „Das zieht sich gerade wie Kaugummi.“ Er greift häufig ein, auch wenn Wandelt später sagen wird, dass es da ganz andere Regisseure gebe. „Schraubt noch mal am Tempo“, sagt er. „Ich habe das Gefühl, es ist heute kein Saft drin.“ Julia hat zu wenig geschlafen, hustet. Sie setzen ständig neu an. Wann hatte er ihr sein Glas bei der vergangenen Probe in die Hand gedrückt? Sie müssen die Gläser loswerden, bevor sie zu den Müllsäcken gehen. Sowieso ist die Sache mit den Müllsäcken kompliziert. Bei den Vorstellungen wird hinter der Bühne ein Plan hängen, damit sie wissen, wann sie wo wie viele Müllsäcke hinlegen müssen. Helfer gibt es keine. Man glaubt es Wandelt nicht sofort, wenn er später sagt, das Proben mache ihm Spaß. Der Prozess mache ihm Spaß. Wie aus dem holprigen Beginn ein richtiges Theaterstück wird.

So arbeiten sie sich durch einige Szenen, für eine braucht sie im Gegensatz zu Wandelt das Textbuch. Nach fast drei Stunden beenden sie die Proben, suchen den nächsten Termin. Es ist kompliziert. Allerheiligen, es geht nicht anders.

Am Januardienstag spielen sie das Stück bereits zum fünften Mal, am Donnerstag zuvor war Premiere. Um 20 Uhr beginnt die Vorstellung. Zu Beginn wirkt die Figur, die Wandelt spielt, wie der freundliche Nachbar. Doch je länger das Stück dauert, desto weniger wirkt Wandelt wie der Typ, der einem jede Immobilie andrehen könnte. Plötzlich hat er Abgründe. Wandelt hat auch den Bösen drauf. Jemand, dem man einen Mord zutraut. An einer Stelle hält er für eine gefühlte Ewigkeit ihren Blick. „Wir haben seine Scheißwohnung angezündet“, sagt er. Dann weicht das Bedrohliche wieder einem Lächeln: „Natürlich nicht.“

In der Pause sagt eine Frau, Wandelt spreche zu laut, und sonst sei es hier immer wärmer. Gegen 22 Uhr endet die Vorstellung, der Applaus endet nach einer halben Minute. Als Wandelt keine fünf Minuten später wieder in den Raum tritt, sind die meisten schon fort. Einen wie Wandelt stört das nicht. Wenn er von 30 Zuschauern zwei begeistert, reicht ihm das.

Er spielt das Stück 2019 noch einige Male, an den Wochenenden ist die Vorstellung deutlich besser besucht. Für das Theater bringt er noch immer die größte Begeisterung auf, nur spielt er 2019 wenig Theater. Es wird sowieso nicht sein Jahr. Er hat eine Freundin, mit der er mittlerweile in einem gemieteten Haus in Grefrath lebt. Sie hat bereits ein Kind, 2018 brachte sie eine gemeinsame Tochter auf die Welt und hörte vorübergehend auf zu arbeiten. Doch ausgerechnet da läuft es nicht mehr so richtig gut für Wandelt. 2019 verdient er weniger, ein Stammkunde ist weggefallen.

Trotzdem macht er viel. Bei der deutschen Version von „X-Factor“ spielt er Jäger Ansgar, in der mittlerweile aus dem Programm genommenen RTL-Seifenoper „Freundinnen“ in einer Folge einen Unternehmer, der zu einer Imbissverkäuferin sagt, sie habe die „besten Schenkel der Stadt“. Er spielt ein paar Vorstellungen im Theater an der Luegallee. Er dreht einen Imagefilm für Aktenvernichter und einen für Granulate. Er gibt seine Stimme für Videos über Infrarotheizungen und Kunststoffe, die Hörspielreihe „Leonie – Abenteuer auf 4 Hufen“ und eine Fahrstuhlansage. 2019 läuft der Film „Die Agentin“ im Kino, in dem er eine kurze Szene mit Diane Kruger hat. Gedreht haben sie in Köln; mehr als 500 Euro verdient er damit. Der Film läuft in Deutschland kaum, die Kritiken sind mäßig. Um ihn zu sehen, fährt Wandelt bis nach Mülheim. Im Abspann sieht er seinen Namen.

Auf knapp 3000 Euro kommt er nun noch im Monat. Bis seine Partnerin wieder arbeiten geht, muss er an die Rücklagen. Als er kürzlich ein neues Haus mieten wollte, hat es ihm einen Stich versetzt, als er dem Vermieter von den schwankenden Einnahmen erzählen musste. Er sagt, er spüre großen Existenzdruck. Aber er sagt auch: „Ich habe nie überlegt, wieder was anderes zu machen.“

Was anderes, das liegt eine Weile zurück. Wandelt hat ein Leben vor der Schauspielerei geführt, sogar sehr lange. Er ist ein Spätstarter. Nicht nur als Schauspieler und Vater, sondern bereits als Schüler. Wandelt wächst in Benrath bei seiner Mutter auf, die heiratet bald zum zweiten Mal. Mit dem Stiefvater teilt er den Nachnamen, sonst aber wenig. Erst mit dem nächsten Stiefvater versteht er sich besser.

Wandelt beschreibt sich als schüchternes, stilles Einzelkind. Kein Selbstbewusstsein, viele Zweifel. Einer, der lieber liest und malt als rauszugehen. Als Teenager verzieht er sich mit den Geschichten des amerikanischen Gruselschriftstellers Edgar Allan Poe in seine eigene Welt. Einen Ausweg nennt er das heute, keine Flucht. Einem Sportverein tritt er nie bei, aber nach der Kommunion schließt er sich den Messdienern an, der Gottesdienst ist seine erste Bühne. Auf der Realschule macht er die Mittlere Reife, weiß aber nicht, was er werden soll. Also geht er aufs Gymnasium und entwickelt zum ersten Mal Ehrgeiz, um es den anderen Gymnasiasten zu zeigen. Sein Abi ist solide. Er will Werbekaufmann werden, findet aber keinen Ausbildungsplatz und macht erst mal den Wehrdienst. Danach weiß er wieder nicht weiter. Er studiert ohne Überzeugung zwei Semester Jura, fällt zweimal durch die Zwischenprüfung. Beim dritten Versuch zerreißt er gleich zu Beginn die Klausur und geht.

Ein Freund lockt Wandelt in eine Germanistik-Vorlesung, danach steht fest, was er studieren möchte. Viel zu lange hatte er auf die Stimme der Mutter in seinem Kopf gehört, was Vernünftiges zu studieren. Nun studiert er Anglistik und Germanistik. Dort entdeckt er, dass er ein Talent hat. Über Shakespeare kommt er zum Theater. Während eines Auslandssemesters in England bekommt er mit, dass die Theatergruppe noch Schauspieler für Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ sucht. 1990 feiert Wandelt seine Bühnenpremiere, er spielt einen Butler und einen bösen Polizisten. „Sofort hat es Peng gemacht.“ Gerade für ihn als schüchterner Typ ist es eine Befreiung, in andere Rollen zu schlüpfen. Endlich traut er sich etwas.

Doch Wandelt bleibt vorsichtig, erst nach dem Studium sucht er sich eine Theatergruppe. Er will promovieren und scheitert. Es folgen Arbeitslosigkeit, Fortbildung beim Arbeitsamt und ein PR-Volontariat. Schließlich landet er in der Öffentlichkeitsarbeit einer Wirtschaftsfachhochschule in Köln. Er macht das gern. Schon im Studium hat er recherchiert und Texte verfasst, auch das Präsentieren ist ihm leichtgefallen. Doch die Liebe gehört noch immer dem Theater. Schon 1995 hat er es als Schauspieler und Dramaturg ins Kammerensemble Neuss geschafft. Bis auf den Gründer Serdar Somuncu sind alle Laien. Wandelt lernt Schauspielern, Schreiben und Regie. Als Visionäre hätten sie sich damals gefühlt, sagt er. Geld ist damit nicht zu verdienen. Noch immer ist das Theater bloß Hobby für ihn.

Erst muss er ein zweites Mal arbeitslos werden. An der Hochschule kommt er mit dem neuen Geschäftsführer nicht klar, verliert den Spaß, wird 2006 gekündigt. Danach wird das Theater sein Leben, er spielt viel. Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit ist er schon kurz davor, den Hartz-IV-Antrag auszufüllen. Doch dann müsste er auch Auskunft geben über das Vermögen seiner Freundin. Er will nicht, dass das Amt eventuell an ihr Geld geht. Also entscheidet Wandelt, endlich die Tätigkeit zu seinem Beruf zu machen, der ohnehin schon seine Leidenschaft gehört, die Schauspielerei. „Mein künstlerisches Ich hat von Anfang an gesagt: Wir machen das jetzt.“

Einer muss es ja machen. Einer will es ja machen.