Lesung in Düsseldorf Sahra Wagenknechts Weltsicht

Die bekannteste Linke Deutschlands las in der Volkshochschule aus ihrem Buch "Freiheit statt Kapitalismus". Ihre Aussage: Im Alter droht vielen das Elend, und der Kapitalismus ist des Teufels. Rund 120 hörten zu.

 Sahra Wagenknecht bei der Lesung in der VHS Düsseldorf aus ihrem Buch „Freiheit statt Kapitalismus“.

Sahra Wagenknecht bei der Lesung in der VHS Düsseldorf aus ihrem Buch „Freiheit statt Kapitalismus“.

Foto: RP, Christoph Göttert

Eine Lesung, wie man sie von anderen Autoren kennt: Am Eingang stehen Klapptische mit den Devotionalien des Veranstalters. Drucksachen, Bonbons, Kulis (Aufdruck "Die Linke"), daneben ein Stapel Bücher mit Preisschild. 19,95 Euro kostet das Werk. Einer fragt: "Darf ich mal blättern?" Er darf, schaut kurz hinein und zieht das Portemonnaie. "Freiheit statt Kapitalismus" heißt das Buch — und die Autorin, Sahra Wagenknecht, wird an diesem Abend um 19 Uhr im Foyer der Volkshochschule (VHS) zur Lesung erwartet. Dass sie pünktlich sein wird, damit scheint keiner zu rechnen. Nach und nach tröpfeln die Besucher in den Saal, manche kennen sich, man begrüßt sich, bedient sich bei den Kulis, einige kaufen das Buch. Einer hält ein Foto der Autorin in der Hand: Tatsächlich — Deutschlands Spitzen-Linke hat Autogrammkarten!

Dass sie plötzlich da ist, bemerken die meisten gar nicht. Die Frau, die wie einst Katie Witt "das schöne Gesicht des Sozialismus" sein könnte, ist auffallend klein, sehr zierlich. Im zartgrünen, wadenlangen Kleid im Knitter-Look mit flachen Schuhen steht sie plötzlich da, wird sofort angesprochen. Hartnäckig vor allem ein älterer Mann mit Mütze, roter Kunstlederjacke und Umhängetasche — er redet auf sie ein, findet kein Ende. Und sie hört geduldig zu, ihrem Gesicht ist nicht anzusehen, was sie gerade denkt. Eine Besucherin mischt sich ein, bittet um eine Widmung.

Offensichtlich nicht ohne Dankbarkeit nutzt Frau Wagenknecht die Unterbrechung, kritzelt ihren Namen aufs hingehaltene Papier, hört dem sofort Weiterredenden kurz zu, und geht schließlich zum Podium. Ordner (ausgewiesen durch Armbinden) schauen aufmerksam und betont dräuend ins Publikum, mustern vor allem vermeintlich "unpassende" Besucher. Ein Zuhörer, offenbar am Tourette-Syndrom leidend und sich daher ruckartig bewegend, erregt ihr Misstrauen, zwei weisen einen Dritten flüsternd auf den möglicherweise gefährlichen Besucher hin.

Im Auditorium eine breite Mischung des Alters: sehr junge Frauen und Männer, und schon recht Betagte. Die Älteren erinnern an jene, die man alljährlich bei den Gedenkfeiern am Grab von Rosa Luxemburg sieht. Bei den Thesen der seltsam kühl wirkenden Vorleserin mit den schwarzen, hochgesteckten Haaren nicken sie immer wieder — es sind viele dabei, die sich benachteiligt fühlen, und sicher auch viele, die es sind. Aus welchen Gründen auch immer. Frau Wagenknecht sagt ihnen mit sanfter, faszinierender und gänzlich unaufgeregter Stimme, wer Schuld ist: Der Kapitalismus. Der macht Reiche immer reicher, und Arme immer ärmer. Ihn gilt es abzulösen, durch einen freiheitlichen Sozialismus, der allen Menschen Wohlstand sichert.

Wie das funktionieren soll, sagt sie allerdings nicht.

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