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Düsseldorf: Rotlichtprozess droht die Unendlichkeit

Düsseldorf : Rotlichtprozess droht die Unendlichkeit

Im Verfahren um angeblichen Serienbetrug an Bordell-Besuchern gibt es nach mehr als einem Jahr kaum noch Fortschritte. Auch am Dienstag gab es nur Scharmützel zwischen Verteidigung und Richtertisch.

Es drohte ein Mammutprozess, als das Landgericht im Juli 2013 mit neun Angeklagten, doppelt so vielen Verteidigern und 93 Prozessterminen begann. Doch ein Urteil ist auch mehr als ein Jahr später nicht in Sicht. Fünf Männer und vier Frauen haben laut Anklage 23 Gäste in Bordellen an der Rethelstraße und in einem Erotik-Hotel ausgeplündert.

Mit Alkohol, Drogen oder K.-O.-Tropfen seien Gäste betäubt, deren Kreditkarten bis ans Limit belastet worden. Der Schaden soll bei 300.000 Euro liegen. Bisher wurden zehn Gäste gehört, ein krebskranker Angeklagter ist im Prozess ausgeschieden - und bis auf Bordell-Chef Thomas M. (49) kamen alle Verdächtigen aus der U-Haft frei. Und weil zwei der Berufsrichter aktuell in Elternzeit sind, wird vorerst nur zweimal pro Monat verhandelt.

Waren die Publikumsbänke anfangs noch dicht besetzt, so verirrten sich zuletzt kaum noch Zuhörer in Saal E.116. "Nix los", raunen sich Gerichtsbesucher vor der Saaltür immer öfter zu. "Unglücklich" nennt Rechtsanwalt Goran Bronisch den Prozessverlauf. "Es fehlt die Stringenz", sagt der Anwalt, der ein angebliches Betrugs-Opfer vertritt. Ein Kaufmann soll beim Bordellbesuch an der Rethelstraße prompt einen Black-Out erlitten, trotzdem in jener Nacht angeblich 16.000 Euro verjubelt haben. Eine Erinnerung daran hat er nicht, als Zeuge gab er aber zu, dass er schon stark alkoholisiert angekommen war.

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Zeugenaussagen bislang nicht hilfreich

Auch andere Zeugen, die als "Geschädigte" auftraten, konnten die Anklage bisher kaum stützen. Einer wurde als Drogenkonsument entlarvt, einer mogelte mit Getränkequittungen, um zu belegen, er sei nüchtern ins Bordell gewankt. Ein Dritter kam angetrunken zum Zeugentermin, wurde nach Hause geschickt. Und ein als Kronzeuge angekündigter Ex-Koch des Bordellbetriebs verstrickte sich so heillos in Widersprüche, dass er zuletzt nichts mehr sagen wollte.

Von 23 "Opfern" müssen noch 13 befragt werden. Doch für zwei mitangeklagte Frauen könnte der Prozess bald zu Ende sein. Eine ist schwanger. Eine andere ist wegen des psychischen Drucks in Behandlung und kaum noch verhandlungsfähig. Der Versuch der Kammer unter Richter Markus Fuchs, das Verfahren gegen diese Frau abzutrennen und gesondert zu beenden, ist am Dienstag an Hauptverteidiger Benedikt Pauka gescheitert.

Er hält den Plan der Richter für "willkürlich". Ergebnis nach minutenlangem Disput zwischen beiden: Weil eine Laienrichterin nach einer Operation noch geschwächt ist, wurde der Prozess auf Ende September vertagt. Anwalt Pauka kritisierte, "dass die Kammer wenig macht - und das wenige nicht offen kommuniziert". Eine Verhandlungslinie "kann ich nicht erkennen", so Pauka. Doch als Hauptverteidiger muss er auch Kritik dulden.

Nebenkläger-Anwalt Bronisch: "Man hat den Eindruck, es geht nicht mehr um die Frage, ist jemand schuldig oder nicht - sondern, wie toll sich jemand mit den Richtern duelliert". Bronisch wünscht sich "manchmal eine härtere Gangart gegen effekthaschende Aktionen". Einig sind die meisten Anwälte, Zuschauer und Angeklagte aber in einem Punkt, den Anwalt Pauka so formuliert: "Nach 89 Prozesstagen stehen wir immer noch am Anfang". Pauka fürchtet, der Prozess könnte "vor allem durch Fehlplanungen der Kammer" noch zu einer "mehrjährigen Verhandlung" werden.

(RP)