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Rosenmontagszug 2020: Die Mottowagen in Düsseldorf - mit Hanau-Wagen

Rosenmontagszug in Düsseldorf : Höcke mit Hitlergruß und Mottowagen zu Hanau-Anschlag

Der Rosenmontagszug in Düsseldorf ist wieder hochpolitisch: Das Erdbeben in Thüringen wird von Wagenbauer Jacques Tilly aufgespießt. Nach dem Anschlag von Hanau ist dessen Botschaft: Der Rechtspopulismus und der Rechtsextremismus sind die Einflüsterer der rassistischen Mörder.

 Der Karneval in Düsseldorf nimmt Stellung zum Terroranschlag in Hanau. Nicht irgendwo, sondern ganz vorne im Rosenmontagszug. Ein Kopf reißt auf diesem Mottowagen seinen Mund auf, eine große Pistole ragt aus diesem Schlund, auf ihr steht „Rassismus“. Der Kopf ist ebenfalls beschriftet: „Aus Worten werden Taten!“

Für Wagenbaumeister Jacques Tilly ist dies eine wichtige Botschaft: Es geht nicht um die eine Tat oder die nächste oder übernächste, es geht darum zu verstehen: Der Rechtspopulismus und der Rechtsextremismus sind Geschwister, sie sind die Einflüsterer der rassistischen Mörder. In der letzten Minute haben Tilly und sein Team die Namen auf den Sockel der Figur geschrieben, die mit den Bluttaten verbunden sind: NSU, Lübcke, Halle, Hanau.

Der Terror hat seinen Stammplatz in Deutschland erobert, der Rechtsextremismus breitet sich aus, deswegen finden sich unter den international beachteten Mottowagen aus Düsseldorf jetzt mehr innenpolitische Motive als in den Vorjahren.

Thüringen am 5. Februar: Das steht auf dem rechten blauen Arm von Björn Höcke geschrieben. Es ist der Tag, da AfD, CDU und eine Handvoll Liberaler den FDP-Mann Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten in Thüringen wählen. Höckes Arm ist auf diesem Mottowagen in Manier des Hitler-Grußes in die Höhe gereckt. Der Arm wird gestützt von zwei kleinen Helferlein, die sich aus braunem Morast erheben: Kemmerich und Mike Mohring (CDU). Die Höcke-Figur trägt eine Armbinde. Auf ihr steht nicht „Heil Hitler“, sondern „Heilt Höcke“.

Tilly hat sich die AfD schon oft vorgenommen, im Umzug 2020 tut er es ein weiteres Mal. Ein AfD-Mann beugt sich nach vorn und schaut durch die eigenen Beine nach hinten. Offenbar weiß er gar nicht um seine Verrenkungen und dass für ihn die Welt nun auf dem Kopf steht, denn er brüllt mit hochrotem Kopf „In Deutschland läuft alles verkehrt“.

Grüne und FDP kommen nicht im jecken Panoptikum vor, dafür CDU und SPD. Bei den Christdemokraten ist „Reines Männer-Sack-Hüpfen“ angesagt, die Aspiranten auf Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur, Spahn, Merz und Laschet, hüpfen schon in Hodensäcken, als Nummer vier hat sich ein kleiner Nachzügler hinzugesellt: Norbert Röttgen.

Rosenmontagszug in Düsseldorf: Das sind die Mottowagen 2020

Die SPD wird dank ihrer Doppelspitze bei Tilly zum siamesischen Zwilling. Auf dem Torso sitzen die Köpfe von Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken. Sie winken mit Fähnchen und verkünden, dass sie wieder Farbe in die SPD bringen. Der Wagen signalisiert das Gegenteil: Er ist komplett schwarz-weiß.

Das ist die Kunst des Düsseldorfer Wagenbaumeisters: Seine Motive sind zur Plastik gewordene Karikaturen, die kurze, treffende Botschaften vermitteln, die gleichwohl Tiefgang haben können. Sie sind im Handumdrehen beziehungsweise Vorbeifahren zu verstehen. „Treffen sich zwei Päpste“ beispielsweise ist ein einfacher Satz, den man auch anders verstehen kann: Die Päpste Benedikt und Franziskus versetzen sich oberhalb dieses Satzes satte rechte Schwinger mitten ins Gesicht. Man sieht: Der Zölibat kann auch alte Herren ganz schön aggressiv machen.

Ganz harmonisch dagegen kuscheln die Präsidenten des Iran und der USA miteinander – sie haben gerade keine Lust auf Krieg. Das Vereinigte Königreich wiederum ist zerrissen: Boris Johnson trägt den Union Jack, aber seine untere Körperhälfte macht sich davon. Sie trägt den Schottenrock und läuft wohl Richtung Europa.

Konflikte, Ängste und Katastrophen sind weitere Themen des Düsseldorfer Zuges: Brasiliens Präsident Bolsonaro thront in Form des bleichen Jesus von Rio de Janeiro über abgesägten Baumstümpfen. Seine Augen sind blutunterlaufen, und Blut tropft von den ausgestreckten Armen des „Klimakillers“ – diese entpuppen sich als Kettensägen.

Die gepeinigte Natur spiegelt sich zudem im Gesicht eines flüchtenden Kängurus. Es brennt, so wie es an vielen Stellen in der Welt brennt: Australien, Kalifornien etc. Zur Bedrohung hat sich auch Facebook entwickelt, bei Tilly ist das Netzwerk ein Alien, das Hetze und Hass bringt.

Die Welt, so zeigt dieser Rundumblick, gerät aus den Fugen. Wie gut, dass der Karneval mit beißendem Humor für Entspannung sorgt. Der fröhliche Karnevalsvirus zeigt dem grimmigen Coronavirus die lange Nase. Und ehe wir es vergessen: Anders als im Vorjahr kommt auch Düsseldorf im Rosenmontagszug vor. Mit einem „Super-Geisel“, der im Stil des Supermanns zwei aufeinander zufahrende Autos auseinanderhält. Das eine steht für das drohende Dieselfahrverbot, das andere für die Proteste gegen die Umweltspur. Tilly lässt offen, wie lange Geisel den Kraftakt durchhält.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Mottowagen beim Rosenmontagszug 2020 in Düsseldorf