Rheinbahn-Kontrolleure in Düsseldorf: Bedrohungen gehören zum Alltag

Arbeitsalltag der Rheinbahn-Kontrolleure : „Seid froh, dass ich kein Messer dabei habe“

Täglich sind die Fahrkartenkontrolleure der Rheinbahn in Düsseldorf wüsten Beschimpfungen und Drohungen von Passagieren ausgesetzt. Dennoch mögen sie ihren Job. Auch wegen des Nervenkitzels. Denn jeder Schwarzfahrer reagiert auf die Kontrollen anders.

Ein junger Mann springt von seinem Sitz in der Straßenbahn auf, drängt sich eilig durch die Menschenmenge bis zum Ausgang. Jeder in seinem Weg wird aggressiv zur Seite geschubst. Doch an der Tür ist Schluss. Sein rabiater Fluchtversuch scheitert am Widerstand der Fahrkartenkontrolleure. Ein Job, für den man robust sein muss. Denn nur ein einziger Satz kann aus einer ruhigen Person einen aufbrausenden Querulanten machen: „Guten Tag, einmal Ihre Fahrausweise, bitte.“

Um sieben Uhr morgens startet der Arbeitstag von Dieter, Irene, Sabrina und Simon. Ihre richtigen Namen wollen sie nicht nennen. Zu groß ist die Sorge, dass jemand an ihnen Rache nehmen könnte. Rache dafür, dass sie ihren Job machen und Fahrscheine überprüfen. Doch diese Sorge hat Gründe. Obwohl die vier erst seit einigen Monaten bei der Rheinbahn sind, haben sie schon viele Geschichten zu erzählen. Einmal wurde Simon von einem Fahrgast mit einer Glasscherbe angegriffen. Ein anderes Mal bedrohte ein Passagier Irene und ihre Kollegin Sabrina, als sie dessen Personalien aufnehmen wollten: „Seid froh, dass ich kein Messer dabei habe“, sagte er. Und trotzdem gehen die vier gerne ihrer Arbeit nach. „Klar, in solchen Situationen geht das Adrenalin nach oben“, sagt Simon, „doch wenn man einmal tief durchgeatmet hat, geht es wieder.“ Gelassenheit ist in ihrem Job sehr wichtig.

Ihr Weg führt die vier Kontrolleure an diesem Tag zur Stadtgrenze von Düsseldorf und Neuss. Denn dort wird häufig das auf eine der beiden Städte limitierte Ticket eigenmächtig um ein paar Haltestellen erweitert. Trotz der Freundlichkeit, mit der die Kontrolleure dort auf die Passagiere zugehen, reagiert die Mehrheit von ihnen genervt und abwertend. Augenkontakt oder Gespräche werden möglichst vermieden. Wenn es doch einmal dazu kommt, dann nicht selten mit einer abfälligen Botschaft. „Wir werden häufig als Ein-Euro-Jobber bezeichnet“, erzählt Irene. Aber damit gehen die vier entspannt um. Entgegen aller Vorurteile und Anfeindungen sind sie keine ungelernten Hilfsarbeiter. Dieter war vorher Bestatter, Irene Flugbegleiterin, Simon arbeitete bei der Post und Sabrina als Redakteurin beim Fernsehen. Zur Rheinbahn kamen sie alle, weil sie sich beruflich umorientieren wollten, was in diesem Job schnell zu realisieren ist. Nach einer dreimonatigen Fortbildung, zwei Monate Theorie und vier Wochen Praxis, geht es bereits in den Einsatz. Zudem seien die Arbeitsbedingungen sehr attraktiv.

An ihrer Tätigkeit schätzen die Kontrolleure die Abwechslung. „Man weiß nie, was heute passiert“, erzählt Simon. „Es ist immer auch ein wenig Kribbeln dabei, bevor man in die Bahn steigt“, ergänzt Irene. Denn die Reaktionen der Schwarzfahrer sind nicht vorhersehbar. Nur die wenigsten akzeptieren, dass sie erwischt wurden. So auch bei Sabrina, die einen Jugendlichen kontrollieren will. Während dieser theatralisch in all seinen Hosentaschen nach einem Ticket sucht (er wird keins finden), steht neben ihm ganz entspannt ein anderer Herr auf, läuft zum Entwerter, stempelt sein Ticket ab, um es danach mit breiter Brust Sabrina unter die Nase zu halten. Der 60 Euro hohen Strafe entgeht er trotzdem nicht. „So ein Verhalten ist einfach nur dreist“, sagt Sabrina.

Aber es geht den Kontrolleuren nicht darum, möglichst viele Sünder abzukassieren. Eine Erfolgsprovision gibt es nicht. Manchmal wird auch ein Auge zugedrückt wie im Fall von Irene, die einen Mann aus Meerbusch kontrolliert. „Sein Ticket war bis in die Altstadt gültig, aber nicht bis nach Hamm“, sagt sie. Denn Düsseldorf ist nicht Düsseldorf. Die Stadt ist in unterschiedliche sogenannte Waben eingeteilt, nach denen sich die Tarife berechnen. Ein System, das nicht jeder durchschaut. So auch der Meerbuscher. „Der Mann wirkte glaubwürdig, deshalb habe ich ihn ein Zusatzticket nachziehen lassen“, erzählt Irene, „man lernt irgendwann, was man den Leuten glauben kann und was nicht.“ Eine gute Menschenkenntnis ist wichtig.

Auf die Tricks der Fahrgäste ist man gewappnet. Zum Beispiel beim hastigen Aussteigen zweier Damen, nachdem sie die Kontrolleure noch vor Abfahrt erspäht haben. „Oft nehmen die Leute dann einfach die nächste Bahn, deshalb steigen auch wir eine Haltstelle später wieder aus und warten dann ebenfalls auf die nächste Bahn“, erzählt Simon.

Zu ihrer Sicherheit arbeiten die Kontrolleure immer in Teams von mindestens zwei Leuten. Auch weil immer ein Zeuge dabei sein soll. Das wird dann wichtig, wenn die Polizei hinzugezogen werden muss wie im Falle des jungen Mannes, der beim Fluchtversuch von den Kontrolleuren aufgehalten wurde. Da der nach eigenen Angaben aus Georgien stammende Mann nicht nur kein Ticket, sondern auch keinen Ausweis vorzeigen kann, geht es für ihn zusammen mit den Einsatzkräften in Handschellen zur Polizeiwache.

Für die vier Kontrolleure geht es dagegen wieder in die nächste Bahn. 1300 Fahrgäste werden sie am Ende des Tages kontrolliert haben, rund 20 davon ohne Fahrschein. Ein verhältnismäßig niedriger Wert. Doch damit das so bleibt, braucht es die Kontrollen.

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