Düsseldorf: Rekord: Schon 88 846 Briefwähler

Düsseldorf : Rekord: Schon 88 846 Briefwähler

Im städtischen Wahlamt geht es in den letzten Tagen vor der Abstimmung über den Bundestag zu wie in einem Taubenschlag. Viele verreisen am Wochenende und kommen direkt in die Behörde, um dort ihre Stimme abzugeben.

Da soll noch mal einer sagen, die Düsseldorfer seien wahlmüde: Immer wieder bilden sich an diesem Vormittag Schlangen im Wahlamt. Es sind Briefwähler, die ihre Unterlagen am Schalter beantragen und entgegennehmen, in einer der aufgestellten Wahlkabinen ausfüllen, in den Umschlag stecken und direkt in den Schlitz der Wahlurne werfen. Der Akt der Bundestagswahl ist für sie abgeschlossen.

Karsten Ewald schiebt den Kinderwagen mit seinem Sohn Johannes durch das Briefwahllokal an der Brinckmannstraße. "Wir sind am Wochenende bei meiner Familie in Niedersachsen", erklärt er. Eigentlich wollte er die Unterlagen schicken. Als der Umschlag schon zugeklebt war, hatte Ewald gemerkt, dass er ein Formular vergessen hatte. "Ich will, dass meine Stimme zählt. Das Wahlrecht ist mir viel wert." Sicherheitshalber ist er heute vorbeigekommen. Damit alles wirklich seine Ordnung hat.

Ähnlich argumentieren viele Briefwähler an diesem Tag. Monika Solbach-Kückemanns ist auf dem Sprung zu einer Radtour entlang der Elbe und sagt: "Wahlrecht ist für mich Wahlpflicht." Straßenbauer Ralf Senke nutzt die Mittagspause für den Besuch im Wahlamt. Er stammt aus Thüringen, wird dort auch den Wahlsonntag verbringen, und hat die DDR erlebt. "Ich weiß, wie wichtig Wählen für Freiheit und Demokratie ist."

Nicht nur die Mitarbeiter, die am Schalter die Wahlunterlagen ausgeben, haben alle Hände voll zu tun. Die meiste Arbeit fällt schon jetzt im Hintergrund an. Einige Meter hinter dem Briefwahllokal ist ein Großraumbüro zum Sortierzentrum umfunktioniert: Dutzende Helfer sortieren die Briefwahlumschläge — zunächst nach den beiden Düsseldorfer Wahlkreisen 106 und 107, anschließend nach den Wahlbezirken. 32 Zeitarbeitskräfte hat die Stadt für die Briefwahl zusätzlich zum festen Mitarbeiterstamm im Wahlamt verpflichtet.

Auch wenn in den nächsten Tagen noch Tausende Briefwahlumschläge ankommen, steht bereits jetzt fest, dass bei diesem Wahlgang ein neuer Rekord bei der Briefwahl erreicht wird: 88 846 Briefwähler sind es gestern zum Dienstschluss in der Behörde. Mehr als 90 000 hatte Wahlamtsleiter Manfred Golschinski vor knapp einem Monat prognostiziert. "Das schaffen wir bis Sonntag locker", sagt er jetzt. Rückschlüsse auf die Wahlbeteiligung will er daraus jedoch nicht ziehen.

Zwar liegen im Wahlamt jetzt schon Zehntausende ausgefüllte Stimmzettel — ausgezählt werden auch sie erst am Tag der Bundestagswahl, nachdem um 18 Uhr die Wahllokale schließen. Das Amt ist als ausführende Behörde nicht beim Auszählen beteiligt, dies obliegt alleine den Wahlvorständen in den einzelnen Bezirken: Das sind jeweils ein Vorsteher, sein Stellvertreter, ein Schriftführer sowie vier weitere Beisitzer. Diese Zusammensetzung gilt auch in den Briefwahlbezirken.

Briefwahlunterlagen können noch bis zum Wahlsonntag abgegeben werden (siehe Info-Kasten). "Wer sie noch beantragen will, sollte das am besten mit dem Online-Antrag machen", empfiehlt Golschinski. Andernfalls bestehe die Gefahr, dass die Unterlagen per Post nicht rechtzeitig eintreffen. Es ist aber auch möglich, bis Freitag um 18 Uhr die Unterlagen im Wahlamt abzuholen oder dort direkt zu wählen. Denn das Gefühl der Abstimmung in der Wahlkabine möchten viele nicht missen.

So wie Valentin Weinhold, der im britischen Brighton Politik und internationale Beziehungen studiert. Er hat gerade den Umschlag in die Wahlurne geworfen. Es ist seine zweite Bundestagswahl. "Ich habe wegen meines Studiums viel Interesse an Politik, beschäftige mich aber auch in der Freizeit damit." Dass viele in seinem Alter aus Unzufriedenheit mit der Politik und als Zeichen des Protests gar nicht oder ungültig wählen, kann er nicht nachvollziehen. "Ich finde es schwierig, wenn Leute Kritik üben, sich dann aber gar nicht beteiligen."

Das sieht auch Klaus-Peter Maier so. Er ist mit seiner Frau Anna-Maria, aber auch mit der Tante und dem Onkel, die nicht mehr so gut zu Fuß sind, ins Wahlamt gekommen. Für sie alle ist Wählen Bürgerpflicht. "Wir sind am Wochenende nicht da, weil wir schon lange eine Reise nach Ulm gebucht haben", erklärt Maier und auch, dass er seit langem politisch festgelegt ist: "Ich will den Wechsel — und verleihe auch keine Zweitstimme." Wem er seine Stimmen gegeben hat, verrät Maier auch: Andreas Rimkus von der SPD. "Wir kennen uns gut. Ich bin Stadtwerker wie er."

(RP)
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