Wiedereröffnung des „Reinraum“ in Düsseldorf Kultur im Untergrund feiert Comeback

Düsseldorf · Vier Jahre lang war der Reinraum in Düsseldorf-Friedrichstadt geschlossen. Nach umfangreicher Sanierung des gar nicht so stillen Örtchens öffnete der kulturelle Hot Spot für Kunst und Musikjetzt seine Pforten mit einer Ausstellung und Konzerten.

Zur Eröffnung kuratierte Jessica Tille (2. v. l.) – hier mit Künstlerinnen und Künstlern – die erste Ausstellung der Reihe „Anthology“.

Zur Eröffnung kuratierte Jessica Tille (2. v. l.) – hier mit Künstlerinnen und Künstlern – die erste Ausstellung der Reihe „Anthology“.

Foto: Georg Salzburg (salz)

Nach vier langen Sanierungsjahren gibt es wieder Kunst im Untergrund. Der Reinraum feierte am Freitagabend mit Konzerten und einer Ausstellung die Wiedereröffnung an der Adersstraße 30a in Friedrichstadt. Damit ist jetzt die Neugestaltung oberhalb wie unterhalb des Platzes zwischen Aders- und Hüttenstraße abgeschlossen. Der Ort hat das Potenzial zum neuen alten Hot Spot der Underground-Kulturszene zu werden, weil mit der Umgestaltung des Platzes sich die Aufenthaltsqualität deutlich verbessert hat. Damit bekommt der Reinraum mehr Aufmerksamkeit für geplante Ausstellungen und auch Konzerte.

Zum Kick-off schauten mit Bezirksbürgermeister Dietmar Wolff und der Beigeordneten für Kultur und Integration, Miriam Koch, auch Vertreter aus Politik und Verwaltung vorbei. Beide waren maßgeblich daran beteiligt, dass dem Reinraum nicht das gleiche Schicksal ereilte wie den Vereinen Damen und Herren oder Die Brause, die aus unterschiedlichen Gründen ihre Basis einbüßten: Damen und Herren wurde der Mietvertrag gekündigt, Die Brause musste aus ihrem Domizil raus, weil das Haus abgerissen werden sollte.

Während letztere immer noch in Underground-Kultur machen, haben sich Damen und Herren aufgelöst. „Sie haben überlegt, was sie mit dem restlichen Geld in der Vereinskasse machen könnten und entschieden, es uns zu geben“, freut sich Kay Heite, bei Reinraum zuständig für die Musiksparte. Mit der unerwarteten Finanzspritze, Geldern aus dem Pandemie-Hilfsfonds „Neustart Kultur“ und viel Enthusiasmus legte das Reinraum-Team auch selbst Hand an, um neue Türen und Fenster einzubauen.

Die Stadt als Eigentümerin erklärte sich bereit, die Decke zu sanieren. Die hatte nämlich bei der Neugestaltung des Platzes darüber schweren Schaden genommen. Wasser drang ein und Schimmel bildete sich. Eine Nutzung als Ausstellungs- und Konzertraum wäre auch ohne die Corona-Einschränkungen nicht mehr möglich gewesen.

Bilder des Tages aus Düsseldorf
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Foto: Olaf Oidtmann

Die Eigentumsverhältnisse spielten dem Verein dabei in die Karten. Denn das für den oberirdischen Umbau zuständige Amt für Verkehrsmanagement gab die Zuständigkeit ans Kulturamt weiter. Dort stellte man fest, dass – würde man sich nicht kümmern – in den Stadtteilen Bilk und Friedrichstadt keine festen Off-Räume mehr für Underground-Kultur zur Verfügung stünden. So gab es grünes Licht für den Erhalt des ehemaligen stillen Örtchens. „Zeitweilig stand die Überlegung im Raum, die stillgelegte öffentliche Toilette am Kirchplatz als Ausgleich umzubauen“, erinnert sich Kay Heite. Doch bei einer Begehung stellte sich heraus, dass die Räume noch sanierungsbedürftiger waren als die an der Adersstraße.

Das besondere Flair dieses stillgelegten Pissoirs hat der Reinraum erhalten. „Wenn ich bei Bands anfrage, ob sie bei uns spielen möchten, locke ich sie immer damit, dass sie später behaupten können, in einer früheren Toilette aufgetreten zu sein“, verrät Heite mit einem Schmunzeln. Die beiden Räume fassen rund 50 Gäste. Im früheren Herrenbereich sind die Urinale erhalten geblieben und indirekt beleuchtet worden. Auch die alten Fliesen auf dem Boden erinnern an die ursprüngliche Nutzung. Übrigens wurden neue Hängeklos für die Gäste eingebaut. Nostalgie trifft hier auf Moderne.

Zur Eröffnung kuratierte Jessica Tille die erste Ausstellung der Reihe „Anthology“, die in der Folge an unterschiedlichen Orten weitergeführt werden soll. Ausgangspunkt ist immer ein Buch. Im Fall des Reinraums „List of Cultures – Fungi and Yeasts“. Es befasst sich mit Schimmelpilzen. Nomen est Omen sozusagen. Schließlich war es Schimmel an der Decke, der fast das Ende des Vereins eingeläutet hätte.

Das Buch diente als Inspiration, sich vor allem mit Sound-Installationen dem Thema zu nähern und den ungewöhnlichen Ort zu bespielen. Beispielsweise ließ Jessica Tille für ihr performatives Objekt „Jukebox_Sampler“ eigens Texte von Autoren auf kleine Münzen stanzen, die erst unter einem Mikroskop gelesen werden können. Diese Texte wählte sie aus einer fiktiven Liste von Künstlern aus, die sich mit Klang-Artefakten befassen.