Rat der Künste in Düsseldorf zieht Bilanz

Interessenvertretung zieht Bilanz : Rat der Künste vergibt Schmähpreis

Die Institution wurde vor einem Jahr gegründet und zog nun Bilanz. Der LVR bekam eine sanfte Ermahnung.

Verena Meis ist Hochschuldozentin und war erstaunt, als sie mit Germanistikstudenten ein Stück im Schauspielhaus ansah: Für einen Großteil der Studenten war es das erste Theatererlebnis. Sie lasen in der Uni die Literatur, weil sie mussten, aber warum auch die Inszenierung anschauen? Dass Bühnenfassungen zur Ausbildung eines Germanisten gehören, dass sie neue Perspektiven eröffnen und begeistern können, führte ihnen erst Meis vor Augen. Auch wegen solcher Begebenheiten ist sie Mitglied im Rat der Künste geworden – damit mehr Menschen vom Erkenntnisgewinn, von der Schönheit und dem Unterhaltungspotenzial kultureller Formate profitieren.

Der Rat der Künste hat sich im vergangenen Jahr in Düsseldorf konstituiert. Bei der ersten Jahrespressekonferenz ließen seine Vertreter jetzt durchblicken, dass es manch einem in der Verwaltung wohl lieber gewesen wäre, man hätte bloß einen Haken hinter die Gründung des neuen Gremiums gemacht und gut wär’s gewesen. Die Künstler und Wissenschaftler jedoch wollen etwas bewirken, denn eine unzulängliche Förderstruktur und Raumnot sind als Problematiken schon lange erkannt, nur angepackt hat sie bislang niemand. Deswegen beschäftigt sich die AG „Kultur plus“, eine von vier Arbeitsgemeinschaften, aktuell mit der möglichen Einführung einer Kulturtaxe. Die Verhandlungen mit Düsseldorfer Hoteliers laufen bereits. Köln und Berlin haben solche Übernachtungsabgaben eingeführt. In Köln beträgt der Abgabesatz fünf Prozent dessen, was ein Gast für eine Übernachtung bezahlt, Geschäftsleute sind davon ausgenommen. Die jährlichen Einnahmen in Köln liegen bei rund sieben Millionen Euro, ein Teil davon fließt in die Kultur.

Im Kleinen hat sich in Düsseldorf nun eine ähnliche Partnerschaft ergeben. Hoteldirektoren mit Häusern in der Bahnhofsgegend haben ein Projekt des Künstlers Markus Ambach unterstützt. Ambach hat mit anderen Kulturschaffenden die Vielschichtigkeit des genannten Quartiers anhand von Bildern, Projektionen und Performances künstlerisch aufbereitet. Eine schöne Sache fanden die Hoteliers und spendierten Künstlern, die von weiter herkamen, im Gegenzug die Übernachtung.

Fehlende Räume, ob zum Proben oder für Darbietungen, zumal in der Freien Szene, sind das andere große Thema, das den Rat der Künste bewegt. Kunstvereine wie die Brause oder das Damenundherren erhielten die Kündigung, und es ist fraglich, wie lange sie ohne festen Standort durchhalten. „Wir schlagen deswegen vor, dass Kunst und Kultur künftig fester Bestandteil eines Bebauungsplans sein sollten“, sagt Meis. „Jedes Hotel, das neu entsteht, könnte einen Kunst- und Kulturraum zur Verfügung stellen.“

Auch die Zwischennutzung hat man im Blick, denn von der Leerstandspolitik der Stadt profitieren die Künstler wenig, meinen diese. Vor ein paar Jahren wurde aus eben diesem Grund eine Stelle beim Amt für Wirtschaftsförderung eingerichtet, die Kunstschaffende kurzfristig über freie Räume informieren sollte. „Das ist jedoch oft mit hohen Kosten verbunden und hilft den Künstlern daher nicht“, sagt Jochen Molck, Geschäftsführer des Zakk und Mitglied des Rats der Künste. „Andere Städte veröffentlichen im Internet eine Leerstandsliste, die ständig aktualisiert wird. Das sollte bei uns auch so sein.“ Eine Radtour wird vorbereitet, bei welcher ungenutzte Objekte angefahren werden.

Der Rat der Künste hat zudem mit dem Pferdeapfelpreis eine neue Auszeichnung in der Stadt eingeführt. Sie schmeichelt nicht, ist aber auch nicht böse gemeint. Der Preis hat die Form eines Pferdapfels und verweist auf das Pferdeäpfelattentat gegen König Friedrich Wilhelm IV. Das Volk hatte den Monarchen 1848 auf der Kastanienallee (heute Königsallee) mit Mist beworfen, aus Empörung über neue Verordnungen. Erster Pferdeapfelpreisträger ist der Landschaftsverband Rheinland (LVR), der regelmäßig einen Frauenkulturpreis vergibt, allerdings nur an solche Bewerberinnen, die nicht älter als 40 Jahre sind. „Wir meinen, dass das nicht richtig ist. Ältere Künstler, die nicht viel Geld verdienen, aber trotzdem durchhalten, werden durch solche Altersgrenzen diskriminiert“, sagt Corina Gertz, Sprecherin des Rats der Künste. Älteren Künstlern fiele das Leben und Arbeiten ohnehin ungleich schwerer.

Ulrike Kessing vom Kulturdezernat nahm den Pferdeapfelpreis stellvertretend für den LVR entgegen. „Wir haben die Auszeichnung extra für Frauen eingerichtet, die nach der Geburt ihrer Kinder wieder zu ihrer künstlerischen Tätigkeit zurückkehren. Gerade weil wir festgestellt hatten, dass dieser Schritt für Frauen zwischen 30 und 40 Jahren nicht einfach ist.“ Die Herausforderung, die Altersgrenze zu überdenken, nehme sie jedoch gerne mit.

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