Quartiersspaziergang: Die meisten Bewohner des Bahnhofsviertels in Düsseldorf fühlen sich sicher

Rundgang durchs Düsseldorfer Bahnhofsviertel : Wo Junkies mit Kirchenleuten Kekse backen

Das Bahnhofsviertel gilt vielen als unsicher: Sie denken an Müll, Drogenkonsum und Kriminalität. Den Bewohnern des Viertels macht etwas ganz anderes Sorgen: Gentrifizierung.

Vielleicht wird unsere Gesellschaft ja mal von Frauen über 50 gerettet. Frauen mit Erfahrung und ohne falsche Scham. Eine Reihe solcher Frauen steht an der Ecke Karlstraße/Friedrich-Ebert-Straße und möchte jetzt mal über diesen Platz reden. Sie sind zu einem Quartiersspaziergang gekommen, den die Bahnhofsmission mit zwei Wuppertaler Soziologen ausrichtet. Es geht um Sicherheit im Bahnhofsviertel. Ein Thema, zu dem nicht nur Polizei und OSD (der Ordnungs- und Sicherheitsdienst) etwas sagen können, sondern auch das Stadtplanungsamt. Wilfried Brandt ist hier und erklärt, dass dieser Platz gerade für 500.000 Euro saniert wurde. „Als das Ganze geplant wurde, war die Maxime: Möglichst clean wollen wir es haben“, sagt er. „Das ist ja ganz gut gelungen“, sagt eine der Teilnehmerinnen ironisch.

Am Platz vor dem Immermannhof kann man sehen, was die Konflikte im Bahnhofsviertel sind. 2005, so beschreibt es eine OSD-Beamtin, habe es hier Hochbeete und Bänke gegeben. Ergebnis: Relativ viele Drogensüchtige konsumierten zwischen den Rabatten. „Auf die Bänke hat sich kein vernünftiger Mensch gesetzt.“ Jetzt ist der Platz „clean“ – oder anders gesagt: kahl. Drei spindeldürre Bäume, keine Beete, keine Bänke und kein Schatten. Auch keine Junkies mehr. Für die ist der Platz genau so ungemütlich wie für sogenannte „vernünftige Menschen“. „Was ist mit uns?“, will eine Teilnehmerin des Spaziergangs wissen.

Was auf diesem Platz umgesetzt wurde, steht vermutlich auch dem Bahnhofsvorplatz und dem Bertha-von-Suttner-Platz auf der Bahnhofsrückseite bevor: „eine reine Negativnutzung“ nennt Stadtplaner Brandt das. Und die Junkies? Die fixen jetzt auf dem Worringer Platz.

Ein gutes Dutzend Menschen ist der Einladung der Bahnhofsmission gefolgt, bei einem Spaziergang über das Thema Sicherheit im Bahnhofsviertel zu sprechen. Die meisten von ihnen wohnen hier. Das Erstaunliche: Kaum einer von ihnen fühlt sich bedroht. Die Unsicherheit ist eher sozialer Natur „Hier passiert viel“, sagt eine Frau. „Ich würde nur gerne mal wissen, was.“

1000 neue Wohnungen sollen nordöstlich des Bahnhofs auf dem ehemaligen Post-Gelände entstehen. Auf der anderen Seite des Bahnhofs: drei neue Hotels. Für die Moskauer Straße gibt es ebenfalls Hotelbaupläne, die teils schon realisiert werden. Und so weiter. Sehr wahrscheinlich werden die Mieten hier steigen, eine neue, zahlungskräftige und – wie es Soziologe Tim Lukas formuliert – beschwerdemächtige Klientel wird ins Viertel ziehen. Das Ergebnis, fast sicher: Verdrängung. Doch wo sollen die hin, die arbeitslos, suchtkrank oder einfach arm im Alter sind?

Lukas erforscht im Projekt Sicherheit im Bahnhofsviertel die beiden Seiten der Medaille: auf der einen Seite, wie es mit dem Sicherheitsgefühl der Bürger bestellt ist, die hier wohnen, arbeiten oder verreisen; auf der anderen Seite, wie sich eigentlich sozial benachteiligte Menschen fühlen. Ein vielleicht gar nicht so überraschendes Ergebnis: Auch Wohnungslose oder Drogensüchtige haben Angst in dunklen Unterführungen oder fühlen sich in vermüllten Ecken unwohl. Sie haben nur keine andere Wahl, als sich dort aufzuhalten.

Letzte Station des Quartiersspaziergangs: die Bendemannstraße. Im Karree zwischen Immermann-, Karl-, Charlotten- und Kurfürstenstraße läuft sie einmal rund um ein riesiges Parkhaus. Hier kann man nirgendwo weiter sehen als 60 Meter, dann kommt wieder eine Ecke. An einer Ecke hat die evangelische Freikirche ihre Räumlichkeiten, an einer anderen die Diamorphinambmulanz. Diamorphin ist der klinische Name für die Substanz Heroin. Bis zu drei Mal täglich können Suchtkranke sich hier ihre Dosis holen – aber nur, wenn sie über 23 sind, seit mindestens fünf Jahren süchtig und zwei erfolglose Therapien nachweisen können. „Die Crème de la Crème der Suchtkranken“ seien das, sagt Barbara Kempnich von der Bahnhofsmission dazu. Auf der anderen Seite des Bendemannstraßen-Karrees, am Trafo-Haus, zeigt sich die andere Seite der Sucht: Hier spritzen sich Menschen Straßenheroin. „Man sieht viel Elend“, sagt Christian Kupfer, Pastor der Freien Evangelischen Gemeinde.

Neugierig seien seine Gemeindemitglieder auf die Diamorphinambulanz an der Ecke gewesen, erzählt er. „Wir wollten wissen, was die da eigentlich so machen.“ Schließlich gab es einen Kontakt. Man beschloss eine gemeinsame Aktion: Kekse backen für und mit den Patienten. „Wir hatten ganz schön Manschetten“, sagt der Pastor. „Aber am Ende war es ein total entspannter, schöner Nachmittag.“ Man habe dann sogar noch eine gemeinsame Weihnachtsfeier auf der Bendemannstraße veranstaltet.

Eine Frau meldet sich. „Ich wohne hier um die Ecke“, sagt sie. „Könnten Sie nicht beim nächsten Mal Bescheid sagen, wenn Sie so etwas planen?“

Mehr von RP ONLINE