Düsseldorf: Puzzle mit dem Marstallgiebel

Düsseldorf: Puzzle mit dem Marstallgiebel

Ein Team des städtischen Restaurierungszentrums bereitet die Restaurierung des wertvollen geschnitzten Gebäudeschmucks aus der Zeit Jan Wellems vor. Die Einzelteile werden in die richtige Reihenfolge gebracht und analysiert. Ein Abschlussbericht soll Ende des Jahres vorliegen.

Mit 5,50 Metern Höhe und 15 Metern Länge bieten die geschnitzten Giebel des Marstalls, den Kurfürst Jan Wellem einst am Schloss Jägerhof errichten ließ, ein imposantes Bild. Aber auf dem Boden der ehemaligen Stadtdruckerei gelagert, haben sie auch Ähnlichkeit mit einem Puzzle, weil die einzelnen Teile des Kunstwerks deutlich zu erkennen sind.

Mit detektivischem Spürsinn hat ein Team des Düsseldorfer Restaurierungszentrums einige Fragmente wieder geschnitzten Figuren zuordnen können. "Die Fratze im Zentrum des Hauptgiebels hatte ursprünglich keine Nase mehr, das entsprechend geformte Stück haben wir unter den Einzelstücken gefunden", berichtet Restaurator Jürgen Bandsom.

Mit Skalpell und Pinzette

Die Giebel waren nach einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Nur Einzelteile wurden damals geborgen und zwischengelagert. Lange Zeit lagen sie im Keller von Schloss Benrath, dann gingen sie zwecks Restaurierung auf Reise. Im Restaurierungszentrum durchliefen sie beispielsweise die Stickstoff-Kammer, "in der die gemeinen Nagekäfer, besser bekannt als Holzwürmer, getötet wurden", erklärt Restauratorin Bettina Lutzke. Weil die Giebel in ihrer Gesamtheit zu groß für normale Arbeitsräume sind, wurden die behandelten Fragmente dann in die ehemalige Stadtdruckerei gebracht und dort auf dem Boden Einzelstück für Einzelstück aufgereiht.

Durch die Vorarbeit von Kunsthistorikern war klar, dass der Hauptgiebel fast vollständig erhalten ist und nur kleinere Schäden hat. Die restlichen großen und kleinen Stücke von den beiden anderen Giebeln mussten noch eingeordnet werden.

"Zu unserer Überraschung stellten wir fest, dass die Stücke alle eine Hälfte des zweiten Giebels ergeben", berichtet Cornelia Weyer, Leiterin des Restaurierungszentrum, von der erfolgreichen Puzzle-Arbeit. Dem Team war es gelungen, die einzelnen schmalen Balken, aus denen die Figuren reliefartig geschnitzt worden waren, in die richtige Reihenfolge zu bringen.

Nach der Zuordnung beginnt jedoch erst die eigentliche Arbeit. Unter einem so genannten Technoskop überprüft Lutzke die Oberfläche. In vierfacher Vergrößerung ist deutlich zu sehen, dass auf dem Holz Farbschichten aufgetragen sind. Die Restauratorin löst vorsichtig winzige Bröckchen mit Skalpell und Pinzette für eine mikroskopische Untersuchung der Farbfassung. "Wir können davon ausgehen, dass das Holz bemalt war", berichtet Lutzke.

Welche Schicht eine Grundierung ist und welche Farben verwendet wurden, soll eine chemische Analyse klären. Aber ernüchtert ist das Team schon jetzt. Denn die kurfürstlichen Wappen, die Tiere und das Blattwerk waren nicht bunt, obwohl in einer 1895 erschienen Beschreibung der Autor Walter Jost die Giebel in prächtigen Farben schildert. "Aber wir haben keine bunten Spuren gefunden, nur ein steingrau", berichtet Lutzke. Möglicherweise waren die Schnitzereien so übermalt, dass sie wie Stein wirkten. "Im Barock war dies durchaus üblich", erklärt Weyer.

In einem weiteren Schritt werden die einzelnen Balken digital fotografiert. Die Abbildungen dienen den Restauratoren als eine Karte, auf der sie die Befunde genau eintragen können, beispielsweise wo Farbreste sind, wo es schon einmal Ausbesserungen gab, wo noch Lücken sind oder wie die Befestigung aussah. "Aufgrund des Befundes können wir dann eine Empfehlung für die Restaurierung geben und die Kosten abschätzen", erklärt Weyer. Bis Ende des Jahres soll der Bericht vorliegen.

Denn die Einsicht wächst, dass die Marstallgiebel wieder aufgestellt werden sollten. Darum bemühen sich eine Initiative um Klaus Pfeffer und die Derendorfer Jonges. Der Wert der Giebel steht fest, sie sind die einzigen aus der Barockzeit, die in Deutschland noch erhalten sind. Und die Restauratoren haben ihre Schönheit bei der intensiven Arbeit lieben gelernt. "Die Szenen zeigen, wie prunkvoll eine Jagd im Barock war und dass sie einen hohen Stellenwert hatte", sagt Lutzke. Und Bandsom schwärmt von "den vielen kleinen Szenen der Jagd, die mit viel Liebe zum Detail herausgearbeitet sind".

(RP)