Serie: Strafjustiz in Düsseldorf: Prozesse hinter Panzerglas

Serie: Strafjustiz in Düsseldorf: Prozesse hinter Panzerglas

1976 beginnt in Düsseldorf zum ersten Mal ein Prozess gegen Terroristen der Roten Armee Fraktion. Die so genannte zweite Generation der RAF hatte versucht, den Kern der Baader-Meinhof-Bande mit einem mörderischen Überfall auf die Stockholmer Botschaft freizupressen.

Bis Mai 1976 war der Terror der RAF vor Düsseldorfs Toren geblieben. Sicher, auch hier verfolgte man den seit einem Jahr laufenden, so genannten Stammheim-Prozess, in dem sich der Kern der Roten Armee Fraktion — Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Enßlin und Jan-Carl Raspe — verantworten mussten. Und natürlich hörte man auch hier mit Angst und Schrecken von den Anschlägen der später nächsten Generation der RAF.

Doch am 6. Mai 1976 spüren die Düsseldorfer mit Beklemmung erstmals hautnah, wie ernst der Staat die Gefährdung durch die Terroristen nimmt. Unter extremen Sicherheitsvorkehrungen beginnt an diesem Tag der Prozess um den Überfall auf die Deutsche Botschaft in Stockholm. Weil mit der zwölffachen Geiselnahme Verfassungsorgane genötigt werden sollten, ist das Oberlandesgericht an der Cecilienallee zuständig für die Angeklagten: den Psychologiestudenten Lutz Taufer (31), dessen Freundin, Soziologiestudentin Hanna Krabbe (29), den ehemaligen Reprofotografen Bernd Rößner (28) und den Ex-Briefträger Karl-Heinz Dellwo, damals 23 Jahre alt.

Am 24. April 1975, so der unstrittige Anklagevorwurf, waren diese vier mittags um 12.30 Uhr in die Botschaft am Skarpötan gekommen, hatten sich mit Maschinenpistolen Zugang zu den Büros verschafft und zwölf Menschen im Zimmer des Botschafters gefesselt zu Boden gebracht. Weil die Polizei nicht, wie von ihnen verlangt, das Gebäude verließ, erschossen sie den Botschaftsattaché Andreas von Mirbach. Dann verlangten sie die Freilassung ihrer inhaftierten Genossen. "Innerhalb von sechs Stunden" sollten Baader, Meinhof und 23 andere vom Frankfurter Rhein-Main-Flughafen ausgeflogen werden, diktierte einer der Maskierten einer Botschaftssekretärin. Und herrschte sie an, gefälligst die RAF-typische Kleinschreibung zu beachten.

Auch im Düsseldorfer Prozess wird später eine zwölf Schreibmaschinenseiten umfassende Erklärung ohne Großbuchstaben zu den Akten genommen. Darin erklärt das "Kommando Holger Meins", benannt nach einem in Haft gestorbenen Baader-Adlatus: "Um das Kommando zu entwaffnen, sprengte die BRD-Regierung ihre eigene Botschaft in Luft." Anderthalb Stunden, nachdem die Terroristen den Wirtschaftsreferenten Heinz Hillegart ermordet hatten, war ihr Sprengsatz offensichtlich ungeplant explodiert. Zwei der Terroristen wurden dabei tödlich verletzt: Ulrich Wessel starb noch in der Nacht, Kommando-Chef Siegfried Hausner zehn Tage später.

Im Düsseldorf behauptet auch Rößners Anwalt Hans-Christian Ströbele, Spezialeinheiten hätten "mit Billigung des Bundeskanzlers" die Explosion der 15 Kilogramm TNT ausgelöst. Das erklärt das Oberlandesgericht in seinem Urteil für ausgeschlossen. Aber auch einen "gemeinsamen Entschluss" der Täter, die sich als Kriegsgefangene der BRD bezeichnen, hält die Kammer für unwahrscheinlich, nimmt stattdessen "Unachtsamkeit" oder "technisches Versagen" an.

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Ohne die tödlichen Schüsse auf die Botschaftsmitarbeiter einem der Täter zuzuordnen, verurteilt das Gericht im Juli 1977 alle vier Angeklagten zu lebenslanger Haft. 99 Verhandlungstage hat es gedauert, bis zunächst wieder normales Leben in Düsseldorf, vor allem an der Cecilienallee, einkehrt. Auch für die Richter, die unter permanentem Personenschutz standen. Einer hat aus Angst vor einem Anschlag während des Prozesse grundsätzlich nicht mehr vor roten Ampeln angehalten. Das alles scheint vorbei.

Doch der Deutsche Herbst steht erst unmittelbar bevor. Die Stammheimer Angeklagten sind bereits im Mai 1977 verurteilt worden, Ulrike Meinhoff hatte im Jahr zuvor Selbstmord begangen. Und die RAF formierte sich unter dem Namen des in Stockholm ums Leben gekommenen Siegfried Hausner zu dem Kommando, das im September 1977 Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer entführt und ermordet. Zu den Forderungen gehört nun auch die Freilassung der Stockholm-Täter.

Einige der Schleyer-Entführer tauchen 1978 für eine Weile in einer Düsseldorfer Wohnung an der Augustastraße unter. Entdeckt wird sie, nachdem Komplize Willy-Peter Stoll an der Oststraße von einem Polizisten erkannt und in Notwehr erschossen wurde. Im Oberlandesgericht tauchen immer wieder neue Angeklagte auf, deren Foto Jahre lang auf Fahndungsplakaten gedruckt war: Angelika Speitel (1979 verurteilt), Christof Wackernagel und Gert Schneider (1980), Schleyer-Entführer Stefan Wisniewski (1981), Adelheid Schulz und Rolf-Clemens Wagner (1985), Ramstein-Bomber Helmut Pohl (1986).

Im Jahr 1991 bringt sich die RAF mörderisch in Düsseldorf in Erinnerung: Das Kommando "Ulrich Wessel" erschießt Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder in seiner Villa in Oberkassel. Wessel war einer der toten Terroristen aus der Stockholmer Botschaft. Seine einstigen Komplizen wurden drei bis fünf Jahre nach dem Rohwedder-Mord begnadigt.

(RP)
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