Obdachlosigkeit in Düsseldorf Vier Wände und ein neues Leben

Düsseldorf · Volker war wohnungslos und heroinabhängig. Nun hat er über „Housing First“ wieder eine Wohnung gefunden. 50 Menschen hat das Projekt schon von der Straße in eigene Wohnungen geholt – kann es die Obdachlosigkeit abschaffen?

Volker lebt seit Oktober wieder in einer eigenen Wohnung, die er über das Projekt „Housing First“ bekommen hat.

Volker lebt seit Oktober wieder in einer eigenen Wohnung, die er über das Projekt „Housing First“ bekommen hat.

Foto: Anne Orthen (orth)

Volker war in seinem Leben länger drauf als clean. Mit sechs Jahren rauchte er seine erste Zigarette, als Jugendlicher konsumierte er das erste Mal Marihuana, dann ging es los mit dem Heroin. 38 Jahre lang hat er mit dieser Droge gelebt, 16 ohne. Nun ist er wieder clean, das allererste Mal als erwachsener Mann. Er fühlt sich wieder frei, sagt er und klingt, als könne er es selbst kaum glauben.

In seiner kleinen Wohnung hängt kein einziges Bild an den Wänden, die Eimer mit weißer Farbe stehen noch im Flur. Wo eine Lampe hängen könnte, hängen Kabel aus der Decke. Sofa, Schränke, eine winzige Küche – drei Monate nach seinem Einzug ist eigentlich alles da, doch bis auf einen Aschenbecher und ein paar Briefe auf dem Wohnzimmertisch sieht es noch ein wenig unbelebt aus. Aber Volker hat Pläne.

An dieser Wand, sagt er und zeigt auf die Seite mit den Schränken und dem Fernseher, wolle er die Raufasertapete abkratzen, alles neu verputzen und geometrische Formen in Schwarz-Weiß aufmalen. Die anderen Wände will der gelernte Maler und Lackierer so verspachteln, dass es aussieht, als seien sie aus Marmor. Volker wirkt mit seinen langen Haaren und dem Piercing in der Unterlippe ohnehin jünger als 54. Doch wenn er von seiner Wohnung spricht, ist seine Freude fast kindlich.

Es ist für ihn eine unbekannte Form der Freiheit, eine eigene Wohnung zu haben, in der er die Wände gestalten kann, wie er mag. Volker war sieben Monate lang wohnungslos. Vor einem Jahr hat er sich mit der Vermieterin seines damaligen WG-Zimmers überworfen und zog aus. Weil er keine Wohnung fand, bezog er ein Zimmer im betreuten Wohnen. Aber auch das verließ er nach Streitigkeiten. Also hat er bei Freunden und Bekannten übernachtet, bei seinem früheren Chef und seiner Ex-Freundin. „Platte“ habe er nicht einen Tag gemacht, sagt er irgendwie stolz.

In dieser Zeit hat er von dem Projekt „Housing First“ gehört. Der Düsseldorfer Verein will Menschen von der Straße holen und hat mittlerweile 50 Wohnungen an Obdachlose vermittelt, zwei weitere stecken gerade in der Abwicklung, sagt Projektleiterin Alexandra Didszun. Der Housing-First-Fonds finanziert sich etwa durch den Verkauf von Kunst. Gerhard Richter spendete dem Projekt eine eigene Edition von 18 Bildern, deren Verkaufserlöse direkt in den Fonds fließen.

Die meisten dieser Wohnungen hat bislang die Obdachlosenhilfe Fiftyfifty gekauft. Immer häufiger stellen mittlerweile auch private Investoren und Vermieter ihren Wohnraum zur Verfügung, sagt Didszun. Für die Betroffenen ist alles ganz normal, sie werden von Wohnungslosen zu Mietern mit eigenem Vertrag, mit allen Rechten und Pflichten. Die einzige Besonderheit: Sozialarbeiter bieten ihnen wohnbegleitende Hilfen an.

Das Projekt hat ein hochgestecktes Ziel – es will die Obdachlosigkeit abschaffen. In Finnland hat sich die Zahl der wohnungslosen Menschen seit Einführung von „Housing First“ halbiert. Auch wissenschaftliche Begleitung und Auswertungen zeigen: Der Ansatz holt acht von zehn Personen langfristig von der Straße. Die Stadt Düsseldorf hat das Projekt nach zwei Jahren Probephase nun fest im Haushalt verankert.

Aus diesem Anlass kamen sie am Donnerstag alle in Volkers kleine Wohnung: Oberbürgermeister Stephan Keller als Schirmherr des Vereins, Miriam Koch als Dezernentin für Kultur und Integration, zuständig für die Unterbringung von wohnungslosen Menschen, Housing-First-Vorstandsmitglied Hubert Ostendorf, Sozialarbeiterin Alena Hansen und jede Menge Journalisten mit Kameras standen in seinem Wohnzimmer.

Volker lebt hier nun seit Oktober, er ist clean und will es auch bleiben. Seinen ersten Entzug hatte er im März gemacht, um vom Diamorphin loszukommen, dem Substitut für Heroin, von dem er sechs Jahre lang abhängig war. Zu dieser Zeit lebte er noch im betreuten Wohnen. Der zweite, wie er sagt, schlimmere Entzug folgte vor wenigen Monaten. Er wollte richtig drogenfrei sein und auch die Benzodiazepine, die er gegen seine Panikattacken nahm, absetzen. „Es war schön, aus der Entgiftung in eine eigene Wohnung zurückkehren zu können“, sagt er. Seine eigenen vier Wände in Bilk, weit genug weg von der Szene.

Dennoch fährt er fast jeden Tag zur Flurstraße in Flingern, wo das Suchthilfezentrum liegt und das etliche Abhängige ansteuern. Er ist nun aktiv bei JES, kurz für die Selbsthilfeorganisation „Junkies, Ehemalige und Substituierte“. Er macht Streetwork, verteilt Fixerbesteck an Drogenabhängige, berät andere Suchtkranke. „Wer kann uns denn besser helfen, als wir uns selbst?“, sagt Volker.

Bevor er sich in seiner Wohnung um die Wände kümmert, will er noch seinen ganzen Hausrat abholen. Den hat er bei einer Bekannten untergestellt, bevor er wohnungslos wurde. In den Kisten ist alles drin, sagt Volker, und nun hat er wieder Schränke, die er füllen kann.

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