Pro und Contra zur Umweltspur in Düsseldorf

Pro und Contra: Ist die Umweltspur auf Düsseldorfer Straßen wirklich sinnvoll?

Jost Schmiedel vom Verkehrsclub Deutschland und IHK-Geschäftsführer Ulrich Biedendorf erklären, welche Argumente es für die Einrichtung solcher Spuren und welche es dagegen gibt. Nächste Woche entscheidet die Politik.

Jost Schmiedel vom Verkehrsclub Deutschland hält die Umweltspur für einen grundsätzlich richtigen Ansatz

Jost Schmiedel ist im Vorstand des Verkehrsclubs in NRW. Foto: Endermann Andreas

Warnungen vor einem Verkehrskollaps werden immer lauter und kommen von verschiedenen Seiten. Wer viel in Düsseldorf unterwegs ist, kann das vermutlich gut nachvollziehen. Immer mehr Menschen wollen in Städten wie Düsseldorf leben – und immer mehr Autos fahren und stehen hier herum.

Wer selbst am Steuer eines Autos sitzt, ist häufig geneigt, die Augen vor der Erkenntnis zu verschließen, dass die bei weitem zahlreichsten Hindernisse im Straßenverkehr diese vielen Autos sind. Ein nüchterner Blick auf unsere Straßen in der Rush-Hour zeigt aber: Autos, so weit das Auge reicht. Deshalb müssten eigentlich alle das gemeinsame Ziel haben, dass die Zahl der Kraftfahrzeuge auf unseren Straßen sinkt – gerade auch diejenigen, die weiterhin mit dem eigenen Auto oder dem Firmenwagen unterwegs sein müssen oder wollen.

Wie aber bringt man Menschen dazu, ihr Auto öfter stehen zu lassen oder es gleich ganz abzuschaffen? Vor allem dadurch, dass attraktive Alternativen angeboten werden. Das ist nicht ganz einfach, auch weil Menschen und ihre Lebensumstände sehr verschieden sind. Klar sollte aber jedenfalls sein, dass der Platz im öffentlichen Straßenraum anders verteilt werden muss. Das ist einerseits eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Nutzung alternativer Verkehrsmittel attraktiver wird – und andererseits auch für den Autoverkehr kein Problem, wenn es denn demnächst weniger Autos gibt.

Vor diesem Hintergrund ist die Einrichtung von Umweltspuren auf einigen Verkehrsachsen ein grundsätzlich richtiger Ansatz. Ob ein Miteinander von Bussen, Taxen, Elektroautos und Fahrrädern auf einer gemeinsamen Fahrspur in der Praxis und dauerhaft gut funktionieren wird, kann man durchaus bezweifeln. Wenn die Zahl der Elektroautos demnächst tatsächlich stark steigen sollte, wäre die Umweltspur schnell genau so verstopft wie andere Fahrspuren. Deshalb ist es richtig, wenn das Projekt als Versuch begriffen wird, aus dessen Ergebnis Schlussfolgerungen für die weiteren Planungen zu ziehen sind.

Jedenfalls ist davon auszugehen, dass die Schadstoffbelastung in der Atemluft in den besonders betroffenden Straßenzügen sinken wird, und damit ist es vermutlich die einzige praktikable Maßnahme, mit der nach Lage der Dinge Dieselfahrverbote vermieden werden können. Die Anwohnerinnen und Anwohnern dieser Gebiete, die schon seit Jahrzehnten einer gesundheitsschädlichen Luftbelastung ausgesetzt sind, haben ein Anrecht auf eine nunmehr kurzfristige Verbesserung der Situation.

Es gibt viele, gute Argumente dafür, die täglichen Wege zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit Bus und Bahn zurückzulegen – wenn es denn möglich und praktikabel erscheint. Eines, das in der öffentlichen Wahrnehmung bisher noch wenig Beachtung findet: Wer nicht mit dem Auto fährt, leistet einen wichtigen Beitrag dazu, dass der Straßenverkehr in unserer Stadt weiterhin funktionieren kann. Das sollte entsprechend gewürdigt werden durch eine Politik, die entsprechende Anreize schafft, und durch bisher nicht immer erkennbare Rücksichtnahme seitens derjenigen, die mit dem Auto unterwegs sind oder es gerade irgendwo abstellen wollen.

  • Förderung des ÖPNV in Düsseldorf : Kommt eine „Umweltspur“ auf der Corneliusstraße?
  • Konzept gegen Dieselfahrverbote : Umweltspuren sollen quer durch Düsseldorfer Innenstadt führen

IHK-Geschäftsführer Ulrich Biedendorf fürchtet, dass eine Umweltspur das Straßennetz noch mehr belastet

Ulrich Biedendorf leitet bei der IHK die Abteilung Handel. Foto: Bretz, Andreas (abr)

Nun sollen es also Umweltspuren richten. Aus Angst vor drohenden Fahrverboten sollen auf verschiedenen Einfallstraßen Fahrspuren zumindest für Busse, Taxen, E-Autos und Fahrräder reserviert werden. Dem Auto- und Lieferverkehr wird damit Verkehrsraum entzogen. Das habe, so das Land, Signalwirkung im Sinne eines verkehrlichen Umdenkens und führe wegen abnehmender Individualverkehre zu besseren Luftwerten.

Kann man glauben, muss man aber nicht. Zumindest dann, wenn wie im vorliegenden Fall die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Die Umweltspuren stehen zwar verschiedenen Verkehrsträgern offen. Aber das Konzept ist im Wesentlichen auf den ÖPNV ausgerichtet. Er soll vor allem die Pendler am Stadtrand abholen und in die Innenstadt bringen. Dazu werden weitaus mehr P+R Plätze gebraucht als aktuell vorhanden sind. Das ist der Verwaltung bewusst, die neue Umsteigeplätze prüft. Aber ob die reichen? Immerhin werden nicht einige hundert, sondern einige tausend zusätzliche Parkplätze gebraucht, um einen nennenswerten Effekt zu erzielen. Man kann großen Zweifel daran haben, dass diese in kurzer Zeit zur Verfügung gestellt werden können. Hinzu kommt, dass auf den Umweltspuren die Verkehrsgeschwindigkeit vom langsamsten Verkehrsmittel vorgegeben wird: dem Fahrrad. Das steigert nicht unbedingt die Attraktivität des Konzeptes.

Die Konsequenz: Viele Berufspendler werden auch weiter mit ihren Fahrzeugen nach Düsseldorf kommen und die dann verengten Straßen noch deutlicher überlasten als bisher. Sie werden darauf mit zwei Strategien reagieren: Indem sie entweder die zusätzliche Stauzeit einplanen und früher von zu Hause losfahren oder andere Wege ins Zentrum suchen. Die Völklinger Straße wird im zweiten Fall genauso eine Kandidatin für Ausweichverkehre wie die Cecilienallee. Ob man so Fahrverbote verhindert?

Das heißt aber nicht, dass alles so weitergehen soll wie bisher. Denn auch viele Unternehmen sind mit der Verkehrssituation unzufrieden. Die IHK setzt sich deshalb schon seit längerem für zukunftsfähige Verkehrskonzepte ein. Dazu gehören betriebliche Anreize, auf das Auto zu verzichten, die Stärkung des ÖPNV, der Ausbau der City-Logistik oder die Stärkung des Fahrradverkehrs. Aber nicht alle gehören auf dieselbe Spur. Das Radwegenetz gehört nicht auf die Magistralen der Stadt, sondern auf parallel verlaufende Seitenstraßen.Und bevor Umweltspuren eingerichtet werden, sollten Linienbusse auf der Corneliusstraße zwischen Erasmus- und Herzogstraße auf die betonierte Straßenbahntrasse gelenkt werden. Unabdingbar ist die Taktverdichtung beim ÖPNV. Wer hat schon Lust, zehn Minuten oder länger auf eine überfüllte Bahn zu warten? Auch der Ausbau von P+R Plätzen in der Region ist richtig. Er kann aber nur mittelfristig im gebotenen Umfang stattfinden.

Insofern hat die Stadt noch einige kurz- und mittelfristig umsetzbare Optionen im Köcher, die sie in die Waagschale bei einem Gerichtsverfahren legen kann. Mit ihnen sollte sie selbstbewusst in die Diskussionen des neuen Jahres gehen. Auf das unreife Konzept der Umweltspur sollte sie dabei verzichten.

Mehr von RP ONLINE