Pro und Contra: Kontroverse um das Plakat zum Leichtathletik-Meeting 2019 mit Sandi Morris

Pro und Contra: Sollte dieses Plakat aus Düsseldorf verschwinden?

Die Plakatwerbung für eine Sportveranstaltung in Düsseldorf erregt Anstoß, weil einige es als sexistisch empfinden. Nun wird das Motiv entfernt. Ist das eine gute Idee? Ein Pro und Contra.

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Pro: Es ist richtig, das Plakat zu überkleben, findet Nicole Lange

Zunächst dies: Nein, ich möchte nicht in einer Welt leben, in der jede Abbildung eines knapp verhüllten Frauen- oder Männerkörpers gleich als anstößig gilt, als schmuddelig oder als sexistisch. Leistungssportlerinnen und -sportler arbeiten außerdem hart für ihre Fitness, und nicht wenige von ihnen dürften entsprechende Freude daran haben, das sichtbare Ergebnis ihrer Mühen am Wettkampftag nicht nur in Form sportlicher Leistung vorzuzeigen. Und das sei ihnen gegönnt.

Aber: Die Plakate, die aktuell in Düsseldorf für das Leichtathletik-Meeting im kommenden Februar werben, offenbaren eben nicht nur Bewunderung für trainierte Sportlerkörper, sondern vor allem einen nicht wegzuredenden unterschiedlichen Umgang mit Frauen und Männern auch im Sport. So wurde von Tomáš Stanek ein Bild in Jubelpose gewählt, um es auf das Plakat zu drucken. Sympathisch, emotional, aber nicht sexy. Von Sandi Morris und anderen Athletinnen existieren solche Motive sicher auch – stattdessen wurde eines gewählt, das den Po und die Figur der Sportlerin im knappen Höschen ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Man wählt eine Perspektive, die möglichst sicher jenen „Oho“-Effekt auszulösen vermag, der mit dem Slogan daneben zufällig oder bewusst formuliert wird.

Ebenfalls ein Motiv der Plakat-Kampagne: Tomáš Stanek. Foto: D.Live

Es ist nicht der Gipfel der Geschmacklosigkeit, aber in seiner Botschaft so eindeutig anders als das Männer-Motiv, dass man fragen muss: War das nicht doch Absicht? Sex sells, fragen Sie mal diejenigen, die den Beachvolleyballerinnen (nur den Frauen!) eine Höchstlänge ihrer Hosenbeine und das Tragen von Bikini/Badeanzug vorschreiben wollten – um den Sport für Zuschauer attraktiver zu machen. Mir wäre es lieber, die Sportstadt würbe mit Stimmung und athletischen Top-Leistungen.

Contra: Das Plakat zu überkleben, löst nicht das Sexismus-Problem, findet Helene Pawlitzki
Sexismus bedeutet, ein Geschlecht dem anderen für überlegen zu halten und dementsprechend zu handeln. In der aktuellen Debatte wird Männern unterstellt, sie würden sich Frauen überlegen fühlen und sie deshalb als Mittel zum Zweck gebrauchen – zum Beispiel zur Befriedigung des eigenen Sexualtriebs.

Ein Plakatmotiv kann man dementsprechend sexistisch nennen, wenn die Abbildung einer Frau nur dem Zweck dient zu erregen. Wenn die Person der Frau eigentlich keine Rolle spielt – sondern nur ihr Körper.

Das trifft auf das Plakat, das Sandi Morris zeigt, nicht zu. Es zeigt diese Frau bei einem entscheidenden Moment ihrer Arbeit, kurz vor dem Anlauf zum Sprung. Die Botschaft ist nicht: Schaut her, ein Frauenpo. Sondern: Schaut her – eine Spitzensportlerin. Verwendet wurde ein gutes, weil situatives Foto.

Ja – Morris ist von hinten zu sehen. Aber da eine Frau auf ihrer Rück- wie auf ihrer Vorderseite sekundäre Geschlechtsmerkmale vorweisen kann, spielt das eigentlich keine Rolle. Hätte man sie von vorne gezeigt, hätte man sich über ihren Bauch oder ihre Brüste aufregen können.

Für manche Betrachter mag der der Spruch „Finale oho!“ anzüglich klingen. Selbst bei etwas banalem wie einem Werbeplakat schuldet man es dem Urheber aber, bei der Interpretation dessen Intention nicht zu ignorieren. Die Tatsache, dass auch ein männlicher Sportler mit diesem Spruch abgebildet wird, sollte deutlich machen, dass das „oho“ nicht auf Sandi Morris’ Rückseite gemünzt ist.

Darüber zu diskutieren, wo die Grenze zum Sexismus – oder zur übertriebenen Sexualisierung – verläuft, ist eine gute Sache. In diesem Fall wäre es aber besser gewesen, die Debatte erst zu Ende zu führen, bevor das Plakat entfernt wird. Sonst kommen wir in dieser Sache nie vom Fleck.

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