Poetry-Slam-Meister Jean-Philippe Kindler aus Düsseldorf im Porträt

Poetry-Slam-Meister aus Düsseldorf : Jean-Philippe Kindler ist dagegen

Jean-Philippe Kindler ist 24 Jahre alt und hat gerade die deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften gewonnen. Jetzt will er aufhören: „Das ist alles Selbstbeweihräucherung. Auch das, was ich mache.“

In diesem Wohnzimmer einer sehr hübschen Wohnung in einem sehr hässlichen Teil von Bochum steht ein kuriöses Möbel: ein Hybrid aus Regal, Schreibtisch und Hausbar. Ganz oben hängen Weingläser und Masken aus Mali. In der Mitte stehen unter anderem ein Becher Tee, zwei Flaschen Bio-Merlot, ein Tetrapack mit Milch, Butterkekse mit Schokolade, zwei Fernbedienungen, eine Lampe und eine Apple-Notebook.

So sieht also der Arbeitsplatz eines Poetry-Slammers aus. Jedenfalls dieses Poetry-Slammers. Morgens Tee und Kekse, mittags schreiben, abends Merlot.

Ein Poetry-Slammer ist ein Mensch, der im Wettbewerb mit anderen auf der Bühne selbstgeschriebene Texte vorträgt. Die Texte können lustig oder ernst sein. Entscheidend ist: Der Autor wirbt mit seiner Performance um die Gunst des Publikums. Jean-Philippe Kindler ist darin sehr, sehr gut. Der Beste im deutschsprachigen Raum. Fand jedenfalls das Publikum bei den Slam-Meisterschaften im November.

Als ich zum ersten Mal auf einer Bühne stand, um einen Text vorzutragen, saß meine Mutter im Publikum und sagte nach meinem Auftritt: „Die anderen waren zwar deutlich besser, aber du warst auch echt... da.“

Das erste Mal Poetry-Slam (im Zakk in Düsseldorf) ging voll in die Hosen für Kindler. „Ich wollte das eigentlich gar nicht. Aber meine beste Freundin hat mich gezwungen.“ Sie überredete ihn, als beide betrunken im Füchschen im Kaiserswerth saßen. „Ich habe fünf Tage vorher zwei Texte geschrieben, die vorgelesen und bin gescheitert.“ Aber es reichte zum Weitermachen.

Jetzt ist er der Beste, jetzt will er aufhören. Nicht sofort, aber bald. Er moderiert drei bis vier Veranstaltungen im Monat, schreibt Auftragstexte für Magazine, Verbände, Unternehmen, ist gerngesehener Gast auf jedem Slam. Was er eigentlich will: Nur noch schreiben. Einen Roman, einen Lyrikband vielleicht. Vielleicht auch mal ein bisschen Journalismus. Aber bitte, bitte nicht mehr so viel reisen. Nicht zwölf Mal im Monat woanders schlafen. Kindler hat eine stressbedingte Magenschleimhautentzündung und keinen Bock mehr.

Ich habe das Gefühl, die Dinge oft nicht zu verstehen. Es ist mir größtenteils suspekt und außerdem zu laut, was hier passiert.

Da kommt einer oben an in seinem Genre und will dann nicht mehr. Einfach so. Ist das okay? Naja, der Mann ist halt ehrlich, jedenfalls klingt es so, und außerdem, so sagt er selbst: nicht der glücklichste Mensch. Ein Pessimist. Jean-Philippe Kindler ist erst mal: dagegen. Nicht auf agressive, aber doch auf überzeugte Art. Und aus dem Dagegen schält sich dann manchmal ein Dafür heraus. Aber manchmal eben auch nicht.

Er ist zum Beispiel gegen Poetry-Slams, genauer: gegen die Illusion mancher Poetry-Slammer, sie könnten mit ihren Auftritten die öffentliche Meinung bewegen. „Das suggeriert ja, dass es einen persuasiven Effekt hätte, wenn man den Menschen etwas vom guten Leben erzählt. Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Das ist alles Selbstbeweihräucherung. Auch das, was ich mache.“

Der Mensch irrt, wenn er sagt, dass ihm die Worte fehlen.
Es sind nämlich nicht die Worte, die ihm fehlen, nein, ihm fehlt viel eher die Erkenntnis, dass vieles erst im Schweigen wirkt.

Er ist auch irgendwie gegen vieles, was die Partei Die Linke tut, dabei ist er selbst Parteimitglied, was er, wie sagt, immer wieder bereut. Seine besten Texte spießen linken Unsinn auf; ebenso großartig schreibt er aber auch über den Unsinn, den rechte Medien über linke Politik schreiben.

Überhaupt kann der Mann politische Satire. Ist aber gegen Deutschlands Vorzeige-Satiriker Jan Böhmermann, den er unerträglich selbstgerecht findet. Er mag keine Hippies, die lieber im Hambacher Forst „Zuchini-Streich auf ein Brot knallen“, als in der wirklichen Welt etwas zu verändern. Er ist dagegen, mit Nazis zu reden, weil man einen Menschen, der sich dafür entschieden habe, Ausländer zu hassen, nicht mit Argumenten umstimmen könne. „Und weil ich es mir emotional einfach nicht zutraue, mit diesen Menschen zu reden. Es macht mich ja schon so traurig und betroffen und wütend, dass Ausländer immer Menschen zweiter Klasse sind – egal, wie lange sie hier leben.“

Oh ja, und Düsseldorf kann er auch nicht leiden. „Ich war sehr froh, als ich weggezogen bin und will auch nie mehr zurück.“ Zu neoliberal. Zu privilegiert. Zu wenig Verständnis. Die bürgerlichen Verhältnisse hätten ihn angekotzt. Ein Wendepunkt sei es für ihn gewesen, als seine Mutter, eine Sozialarbeiterin, vor ein paar Jahren begann, ein Flüchtlingsheim in der Mathildenstraße in Düsseldorf zu leiten. „Die Leute da haben mir eine Realität eröffnet, die ich nicht kannte. Anders als die pubertären Probleme, die ich und meine Freunde so hatten.“ Das war die Initialzündung. Kindler fing an zu lesen. Und jetzt schreibt er.

Er recherchiere viel für seine Texte, sagt Jean-Philippe Kindler. Sagt aber auch mit entwaffnender Ehrlichkeit: „Ich glaube, viele Dinge, von denen ich lese, verstehe ich auch einfach nicht. Und wenn man Dinge nicht versteht, ist der einfachste Schritt, sie scheiße zu finden.“

Flüchtlingsheime brennen?
Find ich nicht gut,

bin ich dagegen.

Feuer ist ja heiß. Habe ich letztens noch gelesen, dass Feuer heiß ist, bin ich dagegen, ne, wirklich.

Ja, letztens wollte ich sogar fast auf ’ne Demonstration dagegen gehen.

Eigentlich könnte das Leben einfach sein für Jean-Philippe Kindler: slammen, chillen, Rotwein trinken. Ist es aber nicht. Jean-Philippe Kindler ist dagegen. Man ist geneigt zu sagen: gut so. Da kommt noch was.