Düsseldorfer Geschichten: "Plötzlich hatten wir 5000 neue Nachbarn"

Düsseldorfer Geschichten : "Plötzlich hatten wir 5000 neue Nachbarn"

Wie lebt es sich in einem 100 Jahre alten Viertel im Schatten des neuen Vodafone-Campus? Ein Besuch in der Viersener Straße in Heerdt.

Eigentlich hätten sie allen Grund zum Feiern. Behauptet sich doch ihre Insel mitten in der Großstadt Düsseldorf nun schon seit 100 Jahren. Andererseits ist ihnen nicht so recht zum Feiern zumute, denn ihr Idyll ist bedroht und verwandelt sich immer mehr zu einer Art Verkehrsinsel. Immer häufiger wird das Vogelgezwitscher von Motorenlärm übertönt. Die Bewohner der Viersener Straße in Heerdt haben sich in den letzten Jahren an vieles gewöhnen müssen. Sie haben neue Nachbarn akzeptiert, die so klingende Namen tragen wie Heine-Gärten oder Prinzenpark.

So ganz passt es nicht in die Reihe der alten Häuser an der Viersener Straße: Das moderne Gebäude von Vodafone. Foto: Hans-Juergen Bauer (hjba)

Sie haben den Vodafone-Campus in den Himmel wachsen sehen und den Baulärm viele Monate ertragen, einige direkt neben ihrer Balkonbrüstung. Wie lebt es sich auf einer alten Straße im Schatten dieser neuen Bürowelten? Mit der Erinnerung an Vergangenes und mittendrin in einer galoppierenden Gegenwart?

Das Café Freund ist ein beliebter Treffpunkt bei den Bürgern. Aber auch die "Vodafonis" kommen gerne in der Mittagspause zum Essen. Foto: Hans-Juergen Bauer (hjba)

Als das Wort Community noch schlicht Gemeinschaft hieß, haben sie das hier schon gelebt: Nachbarschaft im besten Sinne. Für Ruth Stupperich bedeutet das die Balance zwischen Nähe und Diskretion. "Wir hier praktizieren dieses Kunststück, das können Sie mir glauben."

Das kann ein Gespräch von einem Garten zum anderen sein, eine Verständigung der kurzen Wege: "Ich hab' Salat und Kartoffeln, was hast du? Wollen wir heute Abend zusammen kochen?" Man kommt gern zusammen, ohne sich dem anderen aufzudrängen. Man hilft sich ohne viele Umstände, leiht sich Werkzeug aus, übernimmt die Einkäufe, wenn mal jemand krank ist. Andernorts stellen sich Planer so eine Gemeinschaft vor, wenn sie über urbane Zukunftskonzepte diskutieren.

Vor 26 Jahren zog Ruth Stupperich mit ihrem Mann, dem Bildhauer Clemens Stupperich, auf die Viersener Straße. Die Fassade ihres Hauses ist schlicht grau, vor der Haustür duften Rosen. Im Inneren bietet ihr Zuhause überraschend viel Platz bis zum Atelier im Dachgeschoss. "War der pure Zufall, das erste Angebot, das wir damals bekamen, war das hier." Den beiden gefiel vor allem diese Mischung aus städtisch und ländlich, aus Jung und Alt, aus Ruhe und Rheinnähe. Und überhaupt: Ein Glücksfall war das.

Doch wenn sie heute in ihrem Garten stehen, den sie so liebevoll bepflanzt haben, wenn sie ihren Bambus und die blühenden Malven gießen, dann ist es immer da, mal mehr oder weniger stark: das Rauschen des Verkehrs. "Ganz schlimm ist es an einem frühen Montagmorgen, und wenn es dann noch regnet...", Ruth Stupperich spricht den Satz nicht zu Ende und blickt einen Moment ganz finster. Dann mag sie die Fenster nicht mehr öffnen, auch wenn es draußen noch so schön ist. Aber all das hier aufgeben?

Die Viersener Straße ist ein Architektur-Ensemble, wie man es selten findet. "Sie hat eine einzigartige Baugeschichte", sagen ihre Bewohner mit Respekt. Denn zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts gründete das Heerdter Bürgertum einen Bausparverein, zahlte fleißig Geld ein, um schließlich eine Siedlung mit hübschen Häusern zu bauen, jeweils 60 Quadratmeter auf drei Etagen, im Erdgeschoss oft ein Handwerksbetrieb. Vorne fein, hinten ländlich — denn die Gärten waren groß genug, um Gemüse zu pflanzen, Hühner und Kaninchen zu halten.

Alle Grundrisse ähnelten einander, alle Häuser waren mit Terrazzo-Böden in den Treppenhäusern und Holzdielen in den Wohnräumen ausgestattet — das sparte Kosten. Für 8000 Reichsmark wurden die Pioniere der Siedlung zu glücklichen Eigenheimbewohnern. Die Fassaden aber bewiesen immer schon Individualität: Elemente des Neo-Barock gleich neben Jugendstil, noch heute schmückt sich jedes Haus mit einem anderen Giebel und unterschiedlichen Farben — die Palette reicht von Pistaziengrün, Gelb, Himmelbau, nur ein Haus blieb bei der strengen Backsteinfassade von einst, während sein Gegenüber üppig Efeu wuchern lässt.

"Die wollten hier Oberkassel imitieren", berichtet der Bildhauer Clemens Stupperich. Etliche Künstler haben sich in der Nachbarschaft niedergelassen, schätzen die bezahlbaren Miet- oder Kaufpreise.

Die ältesten Bewohnerinnen, von der Gemeinschaft der Nachbarn umsorgt, sind vor einigen Monaten gestorben, die eine mit 101 Jahren, ihre Nachbarin nur wenige Jahre jünger. Und wenn dann mal ein Haus oder auch nur eine Wohnung frei wird, sind Nachfolger schneller gefunden, als es der Maklerzunft lieb sein kann. "Mittlerweile ziehen unsere erwachsenen Kinder wieder zurück", sagt Britta Korbmacher.

Sie, selbst seit Jahrzehnten hier zuhause, hat auf der Viersener Straße einen Treffpunkt der besonderen Art etabliert: das Café Freund. Der Name ist Programm. In Berlin würde man sagen: ein echtes Kiez-Café, alle kennen sich, alle duzen sich. Es hat sich allerdings herumgesprochen, dass das Mittagessen im "Freund" nach einer Prise Kindheit schmeckt, von Britta Korbmachers Mutter schräg gegenüber gekocht und dann über die Straße getragen. Längst kommen auch viele Büromenschen, "Vodafonis" genannt, in der Mittagspause mal eben um die Ecke. Vertilgen mit beträchtlichem Tempo Hackbraten oder Heringsstipp und sind nach einem eiligen Espresso schnell wieder verschwunden.

Doch meistens bleibt die Nachbarschaft unter sich. Wenn mittwochs der Gemüsewagen Frisches vom Feld direkt vor die Haustür liefert, liegt nichts näher, als ein Plausch auf der alten Kirchenbank draußen auf dem Bürgersteig. Bei schlechtem Wetter trifft man sich im Café Freund unter einer bemalten Decke. Ein befreundeter Künstler hat sie nach den Wünschen der Wirtin komponiert. Nun ist über den Köpfen der Gäste ein Zebra unterwegs und ein Porträt von Picasso trifft auf das Fortuna-Emblem. Am Aufgang zu einem zweiten Gastraum steht ein "Kleiner Freund" zum Mitnehmen bereit. Die Mini-Skulptur stammt von der Künstlerin Nele Waldert, die ein paar Häuser weiter wohnt, und wechselt für 300 Euro ihren Besitzer.

Spätestens am Abend, wenn die neuen Nachbarn längst ihre Büros verlassen haben, genießen die Anwohner Feierabend-Idylle. Aber eine, die immer wieder getrübt wird. Denn manchmal treffen sie sich im Café Freund auch, um ihren Ärger loszuwerden. Neulich haben sie einen Offenen Brief an die Stadt geschrieben, nachdem eine Bürgeranhörung im Juni viele ihrer Fragen unbeantwortet gelassen hatte. Unter anderem geht es um den geplanten Anschluss des Heerdter Lohwegs an die Brüsseler Straße und weiter an die A 52. Sara Hornäk, Künstlerin und Professorin an der Uni Paderborn: "Es ist zu befürchten, dass diese neue Autobahnabfahrt 20 000 zusätzliche Autos in unseren Stadtteil ziehen wird und uns noch mehr Lärm und eine stärkere Luftbelastung beschert." Sie und ihre Mitstreiter fordern eine umweltbewusste, bürgerfreundliche Planung, vor allem ein umfangreiches Gesamtgutachten. "Wir appellieren an die Stadt, unsere Bedenken ernst zunehmen."

Es hat auf der Viersener Straße schon Tradition, sich einzumischen und bei Bürgerbeteiligungen mitzumachen. Ob das in der Vergangenheit die gewünschten Effekte erzielte, ist mehr als zweifelhaft. Das nüchterne Fazit von Clemens Stupperich: "Wir haben mitgeredet, entschieden haben andere. Letztendlich konnten die Investoren doch immer machen, was sie wollten." Klingt enttäuscht. "Na ja, es gibt wohl keinen zweiten Stadtteil, der so brutal verändert wurde."

Doch auch seiner Nachbarin Sara Hornäk geht es wie den meisten hier, sie will diesen Ort nicht aufgeben. Während ihres Studiums zog sie auf die Viersener Straße, in das Haus, das einst ihren Urgroßeltern gehört hat. Dass sie durch Vodafone plötzlich 5000 neue Nachbarn bekam, lässt sich nun mal nicht ändern. Über Ärger stolpert sie trotzdem gelegentlich, wenn sie mal wieder die Zigarettenkippen vor ihrer Haustür wegfegen muss, "aber seitdem ich ein Schild 'Keine Kippen' aufgestellt habe, ist es besser geworden." Der Konzern sei zudem überaus gesprächsbereit, weise jetzt überall darauf hin, doch bitte keine Kippen oder Müll auf die Straße zu werfen.

Kopfschüttelnd registrieren die Anwohner auch, wenn etliche "Vodafonis" partout nicht ins firmeneigene Parkhaus fahren, sondern lieber einen Platz für ihr Auto auf der Viersener Straße, oder der benachbarten Neuwerker Straße suchen. "Oft ist hier alles völlig verstopft", berichtet Wirtin Britta Korbmacher, selbst die Müllabfuhr muss manchmal kapitulieren. Vor allem dann, wenn sich Lastwagen mit alten Navigationsgeräten in der neuen Straßenführung verirren. "Wir wollen gar nicht darüber nachdenken, wenn in einer solchen Situation mal ein Rettungswagen durch muss." Und wenn sie und ihre Nachbarn Gäste erwarten, dann raten sie denen, doch lieber gleich mit der Straßenbahn zu kommen.

Das gilt auch, wenn im "Café Freund" mal wieder groß gefeiert wird, wie neulich bei einer Hochzeit. Die Braut wuchs auf der Viersener Straße auf, kennt "die Britta", wie alle Wirtin Korbmacher nennen, seit Kindertagen. Also lud das junge Paar seine Gäste nach dem Standesamt ins Eck-Café ein, wohin sonst? Die dabei waren, berichten von einer ausgelassenen Party. Überhaupt hat sich das "Freund" in dem ersten Jahr seiner Existenz zu einem Ankerplatz der Nachbarschaft entwickelt. "Es war unsere Rettung", sagt eine Anwohnerin.

Vielleicht liegt es auch ein bisschen an diesem Ort, dass bisher niemand die Absicht hat, irgendwo anders hinzuziehen. Trotz des Gefühls, dass das Einzigartige dieser Straße bedroht ist. Clemens Stupperich: "Eigentlich hat uns das noch näher zusammenrücken lassen."

(RP)
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