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Norbert Lammert brüskiert Uni Düsseldorf wegen Annette Schavan

Festrede in Düsseldorf abgesagt : Lammert brüskiert Uni wegen Schavan

Der Bundestagspräsident sagt eine Festrede in Düsseldorf ab und kritisiert das Plagiatsverfahren gegen seine Parteifreundin.

Mit einem öffentlichen Paukenschlag hat der zweite Mann im Staat den Konflikt zwischen der Politik und der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität wiederbelebt. Bundestagspräsident Norbert Lammert sagte in einem zuerst in den Medien auftauchenden Brief eine erst in über einem Jahr geplante Rede an der Uni zu deren Geburtstagsfeier ab - unter ausdrücklichem Hinweis auf den Umgang mit seiner Parteifreundin, der früheren CDU-Spitzenpolitikerin und Bildungsministerin Annette Schavan. Die Uni hatte Schavan die Doktorwürde aberkannt.

War schon am Verfahren selbst Kritik entstanden unter anderem wegen des Verzichts auf andere Gutachter, so brachte bei Lammert die nunmehr vorgenommene Auszeichnung von Beteiligten wegen ihrer "Zivilcourage" das Fass offenkundig zum Überlaufen. Er sei als Festredner zum 50-jährigen Bestehen der Uni "ungeeignet", befand Lammert in dem Brief. Er habe "unterschätzt, welche Bedeutung das Verfahren zur Aberkennung des Doktorgrades von Annette Schavan noch immer nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung, sondern auch im Selbstverständnis der Düsseldorfer Hochschule" habe.

Der Parlamentspräsident belässt es nicht bei dieser Andeutung, sondern kommt explizit auf die "demonstrative Auszeichnung" von zwei Professoren zu sprechen, die bei dem Verfahren gegen Schavan die zentralen Rollen gespielt hatten. Er sei irritiert, schreibt Lammert, "dass jegliche kritische Stimmen auch und gerade von hochangesehenen Wissenschaftlern und aus den akademischen Spitzenverbänden ausnahmslos für eine unerwünschte Einmischung und unzulässige versuchte Einflussnahme erklärt werden".

Erst vor wenigen Tagen war ein internes Papier der Uni bekannt geworden, in dem sowohl die massiven Versuche der Einflussnahme geschildert werden als auch die Standhaftigkeit der beteiligten Düsseldorfer Professoren. Zur Verstärkung dieser Sicht hatte die Uni die Professoren Bruno Bleckmann und Stefan Rohrbacher mit der Universitätsmedaille ausgezeichnet, Rektor Hans Michael Piper die Kollegen ausdrücklich für ihre "beispielhafte akademische Zivilcourage" gelobt. Sie hätten die Freiheit zur Kritik fehlerhafter wissenschaftlicher Arbeiten in einem Fall großer öffentlicher Einflussnahme mutig verteidigt.

Der Hintergrund dazu: Rohrbacher hatte für die Uni die Dissertation bewertet, Bleckmann als Dekan der Philosophischen Fakultät dem Fakultätsrat vorgesessen, der Schavan vor gut einem Jahr wegen "vorsätzlicher Täuschung" in ihrer Promotionsarbeit den Doktortitel entzog. Die gerichtliche Nachprüfung hatte die Entscheidung der Universität bestätigt.

Deutliche Worte der Kritik an die Adresse der Heine-Universität richtet indes auch der emeritierte Düsseldorfer Literaturwissenschaftler und Theologe Wilhelm Gössmann. Nach seinen Worten hat Schavan in ihrer Dissertation keine Denkresultate anderer übernommen, was ein Plagiat erst ausmache. In ihrer Arbeit über "Person und Gewissen" aus dem Jahr 1980 gebe es eine solch skrupellose Fremdübernahme eben nicht. Allenfalls fänden sich "Übernahmen in der Qualität von Aufarbeitungen". Daher habe sich die Heine-Universität mit ihrer falschen Beurteilung "blamiert". Da es den pädagogischen Fachbereich heute nicht mehr gebe, hätten die entsprechenden Fachleute gefehlt, erklärt Gössmann. Dass Schavans Doktorarbeit "hohen wissenschaftlichen Wert" besitze, sei dagegen "bedauerlicherweise nicht Gegenstand der Bewertung" gewesen. Nun sei zu befürchten, dass im Fall Schavan alle Betroffenen Schaden erlitten.

Als bedauerlich bezeichnete ein Uni-Sprecher die Absage Lammerts, von der die Hochschule aus den Medien erfahren habe und die in Düsseldorf noch nicht schriftlich vorliege. Man hätte sich sehr gefreut, Lammert als Repräsentanten der Bundesrepublik begrüßen zu dürfen. Süffisant stellt die Hochschule weiter fest: "Da der Festakt für den November 2015 vorgesehen ist, kommt die Absage aber noch mehr als frühzeitig, um die Planungen weiterzutreiben."

Sigrid Beer, die Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen im NRW-Landtag, forderte Lammert auf, seine Entscheidung noch einmal zu überdenken. Sie sei "unsouverän". Zudem stünde es Lammert als Bundestagspräsident gut zu Gesicht, seine "parteipolitischen Solidaritätsadressen" hintanzustellen. Beer drehte den Spieß um: Lammerts Begründung lasse die politische Einflussnahme während des Plagiatsverfahrens erahnen. Seine Kritik an den beiden Professoren unterstreiche, "dass die beiden Wissenschaftler wohl zu Recht für ihre akadamische Zivilcourage ausgezeichnet" worden seien.

Lammert war mit seiner eigenen Dissertation ins Visier der Plagiatsjäger geraten, im Unterschied zu Schavan aber ohne Folgen aus dem Verfahren herausgekommen. Seine Feststellung spielt darauf an: "Für einen unbefangenen Beobachter des Düsseldorfer Verfahrens kann und will ich mich nicht halten, aber für fragwürdig im wörtlichen Sinne halte ich es allerdings."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das ist Annette Schavan

(RP)