Interview: "Neosalafismus ist eine große Versuchung"

Interview: "Neosalafismus ist eine große Versuchung"

Der Vorstand des Vereins "Wegweiser" spricht über gewaltbereite Salafisten und die Gründe für die Radikalisierung von Jugendlichen.

Herr Sauerborn, die Zahl der gewaltbereiten Salafisten ist in den vergangenen Jahren sprunghaft angestiegen. Wie schätzen Sie die Lage in Düsseldorf ein?

Dirk Sauerborn Düsseldorf ist kein Hot-Spot der Szene, aber das Phänomen ist deutlich spürbar. Nahezu jeden Tag erreichen uns Anfragen. Viele Schulen berichten, dass dort junge Muslime unterwegs sind, die teilweise sehr rigide auf andere Muslime zugehen und sie auffordern, den Islam viel ernster zu nehmen und viel strenger nach den Glaubensrichtlinien zu leben. Das sind Schüler, die für den gewaltbereiten Salafismus zu gewinnen sind. Auch die muslimischen Religionsgemeinschaften machen sich deshalb Sorgen. Wir hören an vielen Stellen von jungen Männern, die drohen, in die Radikalisierungsfalle zu tappen und am Ende zum Jihad nach Syrien zu fahren. Davor wollen wir sie bewahren.

Gibt es ein Zentrum der Salafisten in der Stadt?

Sauerborn Nein. Es gibt zwar Treffpunkte, aber die Szene organisiert sich nicht offen um eine Moschee wie in Dinslaken oder Solingen. Das macht sie schwerer zu greifen. Für uns bedeutet das: Wir müssen in die Fläche schauen.

Sie sprechen ausdrücklich von "gewaltbereiten Salafisten" oder "Neosalafisten".

Sauerborn Ja. Das ist wichtig zur Abgrenzung: Der Salafismus ist eine alte Glaubensrichtung im Islam. Viele Muslime bezeichnen sich als Salafisten, sind aber strikt gegen die Gewalt und die Gräueltaten des IS. Um die geht es uns nicht. Der Verein "Wegweiser" richtet sich gegen die Neosalafisten, also die Menschen, die die Religion für ihre politischen Zwecke instrumentalisieren, um Macht, Geld oder Gebietsansprüche durchzusetzen. Die Behörden zählen 1800 Personen in Nordrhein-Westfalen zu dieser Gruppe, wobei auch nicht alle gewaltbereit sind.

Der Verein "Wegweiser" hat sich vor rund einem Jahr gegründet, um Aufklärung zu betreiben und Jugendlichen beim Ausstieg zu helfen. Wie lautet die erste Bilanz nach zwölf Monaten Arbeit?

Sauerborn Wir haben gemerkt, dass ein Bedarf für unsere Arbeit vorhanden ist. Die beiden Berater, die jeweils mit einer halben Stelle für den Verein arbeiten, haben viel zu tun. Sie sind beide Muslime und unterstützen Eltern, Lehrer und Jugendliche bei Fragen zum Neosalafismus. Es melden sich aber auch Eltern mit anderen Sorgen, die wir dann weitervermitteln. Die Berater sprechen eine Vielzahl von Sprachen, aber die Gespräche laufen in der Regel auf Deutsch, denn die Jugendlichen sind hier aufgewachsen.

Was macht der Verein noch?

Sauerborn Wir haben inzwischen ein breites Netzwerk bei Behörden, Hilfseinrichtungen und Vereinen aufgebaut, auf das wir zurückgreifen können. Wir arbeiten mit vielen Moschee-Vereinen zusammen und wurden auch eingeladen vom Kreis der Düsseldorfer Muslime, um über unsere Arbeit zu informieren. Ich spüre da eine gute Zusammenarbeit.

Wie hilft der Verein?

Sauerborn Wir merken, dass es zum Beispiel einen großen Bedarf bei Lehrern gibt, das Thema einzuordnen: Wann ist ein Schüler nur ein junger, religiöser Mann, und wann ist die Schwelle zur Radikalität überschritten? Manche Pädagogen haben Angst vor dem Rassismus-Vorwurf - den die Salafisten strategisch einsetzen. Wir bestärken die Lehrer bei Besuchen in Schulen oder Beratungsgesprächen darin klare Regeln durchzusetzen. Wenn sich ein Schüler nicht mehr von einer Lehrerin unterrichten lassen will, ist die Schwelle ganz klar überschritten. Das ist mit unserem Grundgesetz nicht vereinbar.

Wie gehen die Muslime selbst mit dem Phänomen um?

Sauerborn Auch da beobachten wir eine Unsicherheit. Bei vielen Jugendlichen gibt es eine Art Individual-Radikalisierung durch das Internet, von der die Erwachsenen oft nichts mitbekommen. Das ist eine Welt, in die sich auch ein Imam hineinfinden muss. Das ist aber wichtig, und dabei wollen wir unterstützen: Eltern und Autoritätspersonen müssen mit Jugendlichen ins Gespräch kommen, damit sie nicht den Radikalen in die Hände fallen.

Was macht den Neosalafismus überhaupt so attraktiv?

Sauerborn Wir beobachten, dass vor allem junge Männer im Alter von 16 bis 24 von der Ideologie angezogen werden. Die Neosalafisten vermitteln ihnen, dass sie angenommen und wertgeschätzt werden. Sie sagen ihnen: Du gehörst zu den Auserwählten. Das ist in einem Alter, in dem man nach Orientierung sucht, eine große Versuchung.

Es klingt komisch, wenn Sie den Neosalafismus als "wertschätzend" bezeichnen.

Sauerborn Das gilt natürlich nur für die Anhänger. Gegenüber "Ungläubigen" gibt es eine krasse Verachtung. Ein Aussteiger hat uns kürzlich gesagt, er könne nicht glauben, wie kaltherzig er als Neosalafist geworden sei. Die Kehrseite spüren auch die, die aussteigen wollen.

Sind denn alle Jugendlichen gefährdet?

Sauerborn Nein, viele lässt der Neosalafismus völlig kalt. Es gibt bestimmte Merkmale, die wir bei gefährdeten Jugendlichen immer wieder beobachten. Oft fehlt es ihnen an Anerkennung in Elternhaus und Schule. Sie sehen für sich keine Perspektive und fühlen sich abgehängt in einer Leistungsgesellschaft. Das sind Lebensläufe, die ich übrigens auch bei Rechtsradikalen oft beobachtet habe. Dazu kommen Ausgrenzungserfahrungen als Moslem. Unter dem Motto: Selbst wenn es gut läuft, werde ich höchstens toleriert. Die Salafisten nutzen das aus. Wenn es schlimm läuft, erhalten die Jugendlichen eine Gehirnwäsche und sind unter Umständen bald auf dem Weg nach Syrien.

Wie kann man gefährdeten Jugendlichen helfen?

Sauerborn Es hilft nichts, nur Broschüren zu verteilen. Das A und O ist der persönliche Kontakt. Das gilt für unsere Beratungen, aber auch für Lehrer. Man muss sich Zeit nehmen und mit den Jugendlichen auf Augenhöhe reden. Wir suchen nach den Ressourcen, die sie haben, und helfen dabei, diese zu mobilisieren. Irgendwann erkennen die Jugendlichen, dass ihr Wegweiser in die falsche Richtung gezeigt hat und stellen ihn um - der Name des Vereins passt also. Wir unterstützen durch unser Netzwerk dann, um eine Perspektive aufzuzeigen.

Was bedeutet das konkret?

Sauerborn Wir helfen bei der Suche nach einer Wohnung in einem anderen Stadtteil, begleiten zum Gespräch mit einem Arbeitsvermittler oder vermitteln sie in eine Bildungseinrichtung. Dabei hilft unser gutes Netzwerk. Jeder, der nicht in die Szene reinrutscht, ist ein Erfolg. Ein junger Mann hat sogar einen unserer Berater aus Dankbarkeit kürzlich zu seiner Hochzeit eingeladen. Wenn ein solcher Neuanfang gelungen ist, merken wir, dass unsere Arbeit Sinn macht.

Muss der Verein einspringen, weil die Polizei zu wenig macht?

Sauerborn Nein, ausdrücklich nicht. Die Polizei hat ihre Aufgaben, und es ist richtig, wenn sie - neben der Präventionsarbeit - konsequent gegen Straftaten gewaltbereiter Salafisten vorgeht. Aber darüber hinaus ist ein gesellschaftliches Engagement in Form eines sehr niederschwelligen Angebotes wichtig. Wir als Verein sehen uns als einen Baustein in einem Mosaik. Prävention ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Wie sind die Pläne für das nächste Jahr?

Sauerborn Wir haben das Jahr genutzt, um uns als Verein aufzustellen, nun wollen wir mehr Projektarbeit in Schulen machen und auch Abende in Freizeiteinrichtungen organisieren. Außerdem wollen wir uns weiter bekanntmachen. Unser festes Netzwerk besteht aus rund 45 Personen. Wir leben davon, dass es immer weiter wächst.

ARNE LIEB FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

(RP)
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