Analyse: Nasen-Wahl - Politik ist jetzt zweitrangig

Analyse : Nasen-Wahl - Politik ist jetzt zweitrangig

Kurz vor dem Tag der Entscheidung wissen die Parteien, dass es jetzt nur noch um die beiden OB-Kandidaten und ihr Ansehen geht. Also konzentriert man sich jetzt auf deren Außendarstellung.

Die OB-Stichwahl bewegt auch Menschen, die sich sonst nicht für Kommunalpolitik interessieren - und wird heißer diskutiert als die Wahl vor rund zwei Wochen, als neben dem OB auch der Stadtrat und die Bezirksvertretungen zur Abstimmung standen. In den unterschiedlichsten Kreisen erzählen plötzlich viele ungefragt, für welchen Oberbürgermeister-Kandidaten sie bei der Stichwahl am 15. Juni ihre Stimme abgeben werden. In den sozialen Netzwerken verbreiten sich Wahlaufrufe mit großer Geschwindigkeit. Und im Biergarten hört man die Leute darüber debattieren, ob Dirk Elbers (CDU) oder Thomas Geisel (SPD) die bessere Wahl für Düsseldorf ist.

Erstaunlich ist dabei: Über Politik wird nur noch am Rande geredet. Vorbei ist die Zeit vor der Kommunalwahl, als Themen wie Schuldenfreiheit, Mietpreise oder Schulsanierung die Diskussion bestimmten. Im Mittelpunkt dieses verlängerten Wahlkampfs steht das Bild, das die Menschen von den beiden Kandidaten haben, und fast nur noch das. Wer wirkt sympathischer? Wem traut man ein Führungsamt eher zu? Wer passt zu Düsseldorf?

Natürlich liegt das auch in der Natur dieser Abstimmung. Eine direkte Personenwahl folgt einer anderen Logik als ein Urnengang, bei dem Parteien und ihren Programme zur Wahl stehen. Wer einen Politiker direkt wählen soll, fragt umso mehr nach dem Menschen, der dahintersteckt. Der OB ist Chef eines Großkonzerns und zugleich oberster Repräsentant der Stadt, und ein gewinnendes Auftreten erwarten die Wähler auf jeden Fall.

Dass der Wahlkampf so auffällig unpolitisch ist, ist aber auch Folge der Strategien beider Bewerber. Weder der Amtsinhaber noch sein Herausforderer haben ein Interesse an einer politischen Zuspitzung. Nicht, dass sie nicht über Politik reden, aber ein zu scharfes Profil will keiner mehr aufbauen. Denn beide wissen: Wer zu stark polarisiert, kann nur verlieren.

Dirk Elbers hat das im Wahlkampf eindrücklich lernen müssen. Sein Spruch über die Zäune im Ruhrgebiet (über denen er nicht mal tot hängen wollte), eigentlich nur eine Randbemerkung auf dem Parteitag, empörte die Anhänger des Gegners. Und Empörung, das wissen alle Wahlkampf-Experten, treibt auch Wähler zur Urne, die sonst vielleicht zu Hause geblieben wären. Für den Wahlkampf zur Stichwahl setzt Elbers deshalb auf Versöhnlichkeit. Berater Coordt von Mannstein, der für die CDU einst die "Rote Socken"-Kampagne entwickelte, sich also hervorragend auf Zuspitzung versteht, inszenierte Elbers auf den neuen Plakaten als Wohlfühl-Kandidaten: "Wohlfühlen, Wirtschaft, Wachstum." Konkrete politische Projekte werden nicht genannt.

Dazu passt auch das neue Unions-Plakat, auf dem der Kandidat gar nicht mehr auftaucht, dafür aber eine Gruppe von Menschen, vor allem junge Leute. Die Zusammensetzung dieser Gruppe ist sorgfältig inszeniert - ein Älterer, eine Frau in mittleren Jahren, ansonsten Youngster inklusive einer dunkelhäutigen Frau, also einer Düsseldorferin mit Migrationshintergrund.

Eigentlich erstaunlich, dass es beim Herausforderer ähnlich ist. Thomas Geisel muss gegen den Bonus des Amtsinhabers ankämpfen und kann sich nicht darauf verlassen, dass man ihn kennt. Er muss ins Gespräch kommen. Geisel betreibt dazu enormen Aufwand, täglich ist er in der Stadt unterwegs. Aber auch er hat seit dem ersten Wahlgang kein Interesse mehr, dass zu viel über Politik diskutiert wird. Neue Themen setzt Geisel für die Stichwahl nicht mehr. "Der Bessere soll gewinnen!", hat er auf seine Plakate drucken lassen. Oder "Mehr Düsseldorf für alle". Auch Geisel hat gelernt, dass Anecken gefährlich ist, als er sich als Anhänger des umstrittenen Frackings präsentierte. Und er weiß vor allem: Auch zu viele sozialdemokratische Parolen können ihm nun den Sieg kosten. Denn um den Rückstand von rund 20 000 Stimmen beim ersten Wahlgang aufzuholen, muss er für bürgerliche Wähler interessant werden und zugleich bei Anhängern von Grünen und Linken punkten - das geht nur, wenn er Projektionsfläche bleibt.

Also wird die Wahl am 15. Juni aller Voraussicht nach wirklich in großem Maße eine Abstimmung zwischen zwei Persönlichkeiten - und dem Bild, das sie den Wählern von sich vermitteln konnten. Insider sprechen, sehr salopp, von einer Nasen-Wahl.

(RP)
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