Nach Prügelattacke an Bushaltestelle: Düsseldorfer kämpft sich zurück ins Leben

An Bushaltestelle verprügelt: Düsseldorfer kämpft sich zurück ins Leben

Vor einem Jahr wurde ein Düsseldorfer auf dem Weg zur Arbeit niedergeschlagen und schwerst verletzt. Unsere Autorin hat den Mann getroffen und mit ihm über die schwierige Zeit nach dem Angriff gesprochen.

Christian Ziemke (Name geändert) bestellt einen "Ingo" - frische Minze, Orangenscheiben, heißes Wasser. Den Duft, der aus dem Becher aufsteigt, kann er nicht wahrnehmen. Ziemke riecht nichts mehr seit dem 22. Dezember 2016.

Es war ganz in der Nähe des Bilker Cafés, in dem wir sitzen, an der Straßenbahnhaltestelle Friedrichstraße. Ziemke nennt sie ironisch "seine" Haltestelle. Auf dem Weg zur Arbeit wurde der heute 44-Jährige von einem Mann mit einem Faustschlag niedergestreckt. Offenbar anlasslos. Die Folgen: Schädelbruch, Hirnblutung, Schwellung. Und ein Schaden des Riechnervs. Der ist bis heute nicht verschwunden. "Lustig, dass Sie mich gerade danach fragen", sagt Christian Ziemke. "Das wäre mir gar nicht als erstes in den Kopf gekommen."

Leben ist nicht wieder wie vorher

Die Frage war: Wie geht es Ihnen heute, ein Jahr nach dem Angriff? Zwischen Januar und März hatten wir uns einige Male getroffen. Ergebnis war ein Artikel zum "Tag des Kriminalitätsopfers". Seitdem hatten wir keinen Kontakt. Erster Eindruck: Christian Ziemke hat das Gewicht, das er während seiner Gesundung verlor, nicht wieder drauf - sieht aber insgesamt gesund und zufrieden aus. Und zumindest äußerlich ist auch alles wieder beim Alten: Er arbeitet Vollzeit bei einem Düsseldorfer Telekommunikationsunternehmen, seiner Frau und seinen beiden Kindern geht es gut. Rehabilitation gelungen.

Ganz wie vorher ist Ziemkes Leben aber nicht. "Einige Sachen sind schon schlechter, als sie vorher waren", sagt er. "Zum Beispiel beim Thema Dauerbelastbarkeit. Da merke ich jeden Tag, dass ich Defizite habe." Stress halte er nicht gut aus, er sei leichter ablenkbar und habe größere Schwierigkeiten, schnell von einer Tätigkeit auf die andere umzuschwenken als vorher. Wenn die Belastung zu groß werde, sei er schnell genervt von anderen Menschen. Ob das eine Nachwirkung des psychologischen Traumas ist oder eine Folge der physischen Verletzung? Genau weiß Ziemke das auch nicht. Ganz sicher ist: Der Faustschlag, der ihn traf, hat dauerhafte Schäden hinterlassen. Der Neurologe hat sie ihm auf Abbildungen seines Gehirns zeigen können.

Viele Pausen, Meditation im Ruheraum

Allerdings würde niemand, der Christian Ziemke das erste Mal trifft, annehmen, dass dieser Mann nicht auf der vollen Höhe seiner geistigen Fähigkeiten ist. Er redet schnell und gewandt über komplexe Sachverhalte. Nur er selbst merkt wahrscheinlich, dass das Niveau nicht das alte ist. Im Alltag muss er mit seinen Kräften haushalten. Bei der Arbeit macht er alle zwei Stunden 15 Minuten Pause und meditiert in einem Ruheraum.

Was noch? Eine leise Höhenangst hat sich eingestellt seit dem Faustschlag. Warum, weiß Ziemke nicht. Und Gewalt kann er nicht mehr gut haben - nicht in Filmen, nicht in Büchern. "Auch, wenn mir nur verhältnismäßig wenig Gewalt widerfahren ist - sie hat ihre Abstraktion verloren." Ebenso findet er es schwierig, Geschichten über schwere Krankheiten zu hören. Sein Urvertrauen in die eigene Gesundheit sei weg, hat Christian Ziemke in den Interviews für den ersten Artikel erzählt. Damals hatte er auch seine Wut über den unbekannten Täter geschildert, der mit einem einzigen Hieb das Gefüge seines Lebens erschütterte. Von der ist heute nicht mehr viel übrig. Sein Menschenbild ist wieder positiver. "Der Mann war eindeutig ein Arschloch", sagt er. "Solche Leute laufen da draußen herum. Aber auf so einen kommen Hunderte Menschen, die eigentlich ganz nett sind."

Hinweise verliefen im Sand

Wer und warum ihn niederschlug - das ist weiter unklar und wird es vielleicht auch immer bleiben. Im Sommer bekam Ziemke seine Jacke von der Polizei zurück - sie war auf DNA-Spuren untersucht worden. Doch die Hinweise verliefen im Sand. "Wenn ich an der Haltestelle vorbeikomme, gucke ich schon immer noch", sagt er. "Aber ich glaube, ich würde den Täter ohnehin nicht erkennen." Er kann sich an nichts erinnern. Es gibt nur eine vage Personenbeschreibung zweier Zeuginnen.

Er habe überlegt, ob er am Morgen des 22. Dezember zur Haltestelle fahren sollte, sagt Ziemke. Aber seine Tochter habe an dem Morgen einen Weihnachtsgottesdienst in der Schule. "Es war auch eher ein Gedankenexperiment, um zu gucken, ob mir das noch Sorgen macht. Und ich glaube, das tut es eigentlich nicht." Der Faustschlag, der vor einem Jahr alles aus den Fugen riss - er hat die Macht über Christian Ziemkes Leben verloren.

(hpaw)