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Düsseldorf: Mythos Ratinger Straße lebt im Netz

Düsseldorf : Mythos Ratinger Straße lebt im Netz

Bei Facebook erinnert die Gruppe "Freunde der Ratinger Straße" an die wilden Zeiten der Düsseldorfer Altstadt. Dort tummeln sich nicht nur Zeitzeugen, sondern auch Jüngere, die sich für Punk, Kunst und Musik interessieren.

Die Ratinger Straße gilt als Keimzelle der Punk-Musik in Deutschland. Um die Zeit zwischen Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre ranken sich wilde Geschichten, die im Rückblick wie Legenden aus einer längst vergangenen Zeit wirken.

Doch auch heute noch ist die Ratinger Straße für viele Düsseldorfer der Gegenentwurf zu den mit Touristen überladenen Teilen der Altstadt. An Abenden, an denen es das Wetter zulässt, stehen hier Studenten, Künstler und Kreative gemeinsam auf der Straße und an den Theken der Brauereien.

Die Ratinger Straße war schon immer anders. Zwischen 1979 und 1989 war sie aber vor allem wilder als der Rest Düsseldorfs, wilder als der Rest Deutschlands. Es war die Zeit, in der Düsseldorf das Zentrum der deutschen Punkbewegung war. Die Toten Hosen, Die Krupps und andere erfolgreiche Bands spielen an der Ratinger Straße ihre ersten Konzerte.

Ela Eis hat diese Zeit nicht nur miterlebt, sondern mitgestaltet. Für sie hatte die Zeit, die sie auf der Ratinger Straße und im Lokal "Ratinger Hof" verbracht hat, einen besonderen "Geist".

Heute ist Ela eines von 677 Mitgliedern in der Facebook-Gruppe "Freunde der Ratinger Straße". In dem sozialen Netzwerk erinnern sich Zeitzeugen an Abende im "Einhorn", gemeinsame Partys, Konzerte oder Filmprojekte. Was bei den geteilten Fotos auffällt: Der Punk mit Irokesenschnitt, wie er im Klischee stattfindet, ist nur selten zu sehen. "Am Anfang war vieles anders, als es später dargestellt wurde", erklärt Ela und ergänzt: "Es gab unheimlich schöne Mädchen, die sich geschminkt und zurechtgemacht haben für Partys." Einige der schönen Mädchen sind heute im Modedesign oder anderen kreativen Bereichen tätig.

Auch Ela ist heute Designerin. In ihrem Laden an der Birkenstraße in Flingern verkauft und erstellt sie Schmuck. Ela Eis ist Autodidaktin, wie viele Stammgäste des Ratinger Hofes es waren. "Die Menschen kamen aus allen Schichten, es gab einen unheimlich hohen Intellekt. Man kann sagen, wir waren wie eine ganz große Künstlergruppe", erinnert sie sich.

Ela war 18 Jahre alt, als sie Carmen Knoebel und Ingrid Kohlhöfer als Kellnerin in den Ratinger Hof holten. Bekannt war sie aber schon vorher. Sie war die erste Frau in einer deutschen Punkband, später machte sie Plakate für die Toten Hosen und drehte Filme. Ihr Archiv ist nach mehreren Umzügen zusammengeschrumpft. Deshalb freut sie sich heute, auf Facebook die Bilder aus den Archiven anderer Zeitzeugen zu sehen. Die Fotos erzählen Geschichten von Jugendlichen aus der Provinz, die nach Düsseldorf kamen und das erste Mal ein Gefühl von Zugehörigkeit erlebten — den Geist der Ratinger Straße.

Doch finden sich in der Facebook-Gruppe nicht nur Zeitzeugen. "Es gibt auch jüngere Mitglieder in der Gruppe, die sich für Punk, Kunst und Musik interessieren", sagt Ela. Eine Chronistenpflicht sieht die ehemalige Kellnerin nicht. Es ist "eher eine Lust, den Geist der Zeit zu vermitteln." Teil dieses Geistes sind ihrer Meinung nach alle Facetten des Lebens. Unter vielen Fotos finden sich Trauerbekundungen, die verstorbenen Freunden gewidmet sind. Doch nicht alle Geschichten finden den Weg in das digitale Netzwerk. Sehr Privates wird eher bei persönlichen Treffen erzählt.

Neben dem Ratinger Hof findet man bei Facebook auch Bilder aus anderen Lokalen wie dem "Einhorn", dem "Ohme Jupp" oder aus den Brauhäusern, wie dem "Füchschen". Vor allem in den Brauhäusern war in den 1980er Jahren ein eher traditionelles Publikum anzutreffen. "Geliebt waren wir nicht immer", erinnert sich Ela Eis. Aber auch die Gäste der anderen Lokale auf der Ratinger Straße hätten mit der Zeit erkannt, dass aus dem Ratinger Hof heraus gute Musik und Kunst entstanden sei. Die "Freunde der Ratinger Straße" zeichnen im Internet ein unglaublich abwechslungsreiches Bild. Es ist bunt, kreativ und überall gibt es Neues zu entdecken. Ein Riss durch die digitale Leinwand beschreibt das Jahr 1989, in dem der Ratinger Hof geschlossen wurde. Auf Facebook wird auch die Frage nach einem Ort gestellt, der das ehemalige "Wohnzimmer" Ratinger Hof ersetzen kann. "Wenn überhaupt spüre ich einen besonderen Zeitgeist in Flingern. Hier sind wir auch alle vernetzt und planen gemeinsame Sachen", sagt Ela Eis.

(ac)