Rückkehr nach Düsseldorf: Müllers schwerer Abschied aus Berlin

Rückkehr nach Düsseldorf : Müllers schwerer Abschied aus Berlin

Nach 26 Jahren muss der 61-jährige Düsseldorfer, den einige 2005 schon als Umweltminister gesehen hatten, die bundespolitische Ebene verlassen. Der Mann des linken Flügels will nun unter anderem ein Theaterprojekt vollenden. Es dreht sich um die Zeit.

In Berlin stapeln sich die Umzugskisten. Zahlreiche Bundestagsabgeordnete räumen ihre Büros. In der Minderheit sind jene Frauen und Männer, die sich freiwillig aus der großen Politik zurückziehen. Andere hat es überraschend getroffen, weil sie nicht damit rechnen konnten. Vor allem SPD-Politiker hat es kalt erwischt. Irgendwie mittendrin in dieser Stimmungslage: Michael Müller. Natürlich hatte der 61-jährige Düsseldorfer damit gerechnet, dass es eng für ihn werden würde. Der Trend sprach nicht gerade für die SPD, und eine WDR-Umfrage knapp eine Woche vor der Wahl sah ihn bei 36, den CDU-Neuling Thomas Jarzombek bei 45 Prozent.

Es kam noch ärger: Müller, der 26 Jahre für die SPD im Bundestag gesessen hatte, erhielt nur noch etwas mehr als 28 Prozent. Das Desaster deutete sich schnell an, nachdem die ersten Stimmbezirke ausgezählt waren. Und wie ein angezählter Boxer verfolgte er konsterniert das, was im Rathaus im Minutentakt über die Bildschirme flimmerte — vereint, geeint mit SPD-Parteichefin Karin Kortmann, die ebenfalls ihre Berliner Karriere beenden muss. Als alles vorbei war, sprach er von der "Auflösung der Volksparteien". Doch nicht nur die Wähler zeigten ihm die kalte Schulter; auch die eigene Partei versagte Müller die Anerkennung. Listenplatz 20 in NRW war selbst zu einem Zeitpunkt, als die SPD glaubte, sie habe ihr Umfragetief bereits erreicht, eine Demütigung.

2005, da war Müller fast mal Minister für Umwelt. Sigmar Gabriel wurde es, für den Düsseldorfer blieb der Posten des Staatssekretärs. Ein wenig mediale Öffentlichkeit wird ihm jetzt noch einmal zuteil. Der "Spiegel" und die "Frankfurter Rundschau" widmen ihm Artikel. Denn mit Müller verlässt, so deren These, auch ein Stück linkes Gewissen die SPD-Bundestagsfraktion.

Dort wird mit solchen Sätzen zitiert: "Das Grunddilemma der heutigen Politik besteht darin, dass wir zu 99 Prozent nur noch reagieren. Wir gestalten nicht mehr selbst, wir verwalten nur noch. Die Technokraten und Funktionäre überlagern alles, sie verhindern visionäre, vorausschauende Politik." Oder dass er die Ökologie aus der Schmuddelecke ins Zentrum gerückt habe. Als er 1983 in den Bundestag einzog, war die Förderung des Fahrradverkehrs seine erste Initiative.

"Beschissen" gehe es ihm, wird er in der Frankfurter Rundschau zitiert. Sein Abgeordneten-Büro hat Müller, der 1968 in Willy Brandts SPD eingetreten war, zuerst ausgeräumt, danach auch das im Umweltministerium. Einen schöneren Abschied hätte er sich schon gewünscht, räumte er verbittert ein. Als "Vordenker", wie er sich sieht und ihn andere sahen, waren Atomausstieg, ökologische Kreislaufwirtschaft, Schutz der Atmosphäre seine Themen. Sie werden es wohl auch künftig sein. Nur werden ihm nicht mehr so viele zuhören, wenn er darüber doziert.

Denn auch das schreiben "Spiegel" und Rundschau übereinstimmend: Müllers missionarischer Eifer ging so manchem auf den Wecker. "Einigen in der SPD sind seine zahllosen Aufsätze und Wortmeldungen zur Lage der Welt und ihrer Katastrophen zu nervig geworden. Man hörte ihn an, ihm aber nicht wirklich zu." Bei seinen Düsseldorf-Besuchen, die immer seltener wurden, diskutierte er über Gentechnik in der Landwirtschaft, die Folgen der US-Bankenkrise und die Folgen der Wirtschaftskrise für die Arbeitnehmer.

Die großen Fragen sind sein Ding. Und die Begegnungen mit den Großen. 2007 kam Ex-Kanzler Gerhard Schröder, als Müller in Berlin (wo sonst?) ein neues Buch vorstellte, den "UN-Weltklimareport", den er zusammen mit Ursula Fuentes und Harald Kohl herausgegeben hatte. Müller, so steht es im "Spiegel" habe mehr Bücher geschrieben, als mancher in der SPD gelesen habe.

Als es auf den Wahltag im September zuging, überraschte der 61-Jährige mit Forderungen nach mehr Bürgerbeteiligung beim Neubau des Fachhochschul-Campus und Stehplätzen in der Esprit-Arena. Als Sportanhänger war er weniger bekannt denn als Theatergänger. "Es gibt keine Premiere in der Hauptstadt, über die man mit Müller nicht fachsimpeln könnte", schreibt der "Spiegel".

Seit Jahren schreibe er selbst an einem Theaterstück, es soll darin um die Zeit gehen. Möglicherweise wird es autobiografisch geprägt. Die Zeit habe ihn, den Vordenker für den Klimawandel, nicht akzeptiert, sagt Müller.

(RP)