Düsseldorf : Mordsarbeit

Stefan Keller hat einen Krimi geschrieben, der in Düsseldorf spielt - nach fünf Geschichten aus Köln. "Das Ende aller Geheimnisse" ist bei Rowohlt erschienen.

Der Autor hat seine Handschuhe vergessen. Nicht gut bei Temperaturen im unteren einstelligen Bereich. Keller steigt vom Rad und reibt sich die geröteten Hände. 234 Meter über unseren Köpfen verschwindet die Spitze des Rheinturms im Grau des Himmels. Bei Nieselregen posiert Keller, den Landtag im Rücken, für den Fotografen. Seine Kappe hat er abgenommen, einen prüfenden Blick auf sein im Handy gespiegeltes Konterfei geworfen. Die Frisur sitzt, die Bilder sind schnell im Kasten.

Der Landtag ist einer der Schauplätze von Kellers jüngstem Krimi, den der Autor in Düsseldorf angesiedelt hat. Die vorangegangenen fünf spielen in Köln. 20 Jahre hat Keller in der Domstadt gelebt. Vor vier Jahren zog er in die NRW-Kapitale. Seitdem wohnt er in Unterbilk, unweit des Friedensplätzchens. Mit der Städte-Fehde hat der Schreibende nichts am Hut. Düsseldorf empfindet er im Vergleich zu Köln als dynamischer: "Wenn man hier eine U-Bahn baut, wird die auch fertig." An der Domstadt hingegen schätzt er die vielfältige Kultur-Szene, gerade im Bereich Musik. Keller hat früher mal Punkmusik gemacht.

Sein Schriftsteller-Dasein begann im Jahr 2010 mit dem Erscheinen seines ersten Domstadt-Krimis "Kölner Kreuzigung". Seitdem hat Keller jedes Jahr ein Buch nachgelegt, nicht alle sind Krimis. "Das Ende aller Geheimnisse" ist sein achtes Werk. Drei Jahre hat er daran gearbeitet. Hauptfigur des Romans ist Heidi Kamemba, eine afrodeutsche Kriminalkommissarin. Die Figur habe er bewusst so angelegt, sagt der 49-Jährige. Eine schwarze Kommissarin sei ein Novum im deutschen Kriminalroman. In der deutschen Wirklichkeit gebe es sie seiner Recherche nach bis heute nicht. "Ich finde aber, das sollte es geben." Das mit so einer Figur einhergehende Thema Rassismus war zunächst auch Teil der Story, erzählt Keller. Die entsprechenden Passagen habe er allerdings nach und nach wieder rausgestrichen. "Man kann eine Figur nicht über ihre Hautfarbe vermitteln, sondern nur über ihren Charakter", lautet seine Erkenntnis.

Kamemba tritt also ihren Dienst im Düsseldorfer Polizeipräsidium an, und ihr erster Fall lässt nicht lange auf sich warten. Im Wald wird eine verkohlte Leiche gefunden. Mit zertrümmertem Gesicht und abgeschnittenen Fingerkuppen. Erste Ermittlungen ergeben, dass es sich bei dem Opfer um einen Programmierer handelt. In dessen Wohnung findet man einen USB-Stick mit einer Software, die im Netz den Zugang zu eigentlich geschützten Daten ermöglicht. "Die Ur-Idee kam mir in der Zeit der Snowden-Enthüllungen", erinnert sich Keller. Ausgangspunkt seiner Überlegungen: Was passiert, wenn eine Information in die falschen Hände gerät?

Die Story hat der Autor bereits komplett im Kopf, bevor der Schreibprozess beginnt. Das Unterfangen Roman bedarf bei Keller einer minuziösen Vorbereitung: Er legt einen Strukturplan an, fertigt Beschreibungen der Charaktere, sammelt Fotos von Personen und Orten. Zu den Schauplätzen von "Das Ende aller Geheimnisse" zählt neben dem Polizeipräsidium auch die Marina im Hafen, das Café "Frl. Buntenbach" an der Bilker Kirche und das Landesamt für Verfassungsschutz, ein grauer Kasten mit abgedunkelten Scheiben an der Friedrichstraße. Das Schreiben selber ist bei Keller keine zähe Angelegenheit. Der Schriftsteller hat ein Büro auf dem Factory Campus in Lierenfeld gemietet. Seine Arbeitstage haben eine klare Struktur: 20 Minuten braucht er mit dem Rad von Unterbilk nach Lierenfeld. 9.30 Uhr ist er dort. E-Mails checken, langsam in den Schreibprozess reinkommen. Gegen 10 Uhr beginnt die eigentliche Arbeit. "Ich bin ein Schnellschreiber", sagt Keller über sich. Bis 13 Uhr schafft er meist so um die 10.000 Zeichen. Den Rest des Tages erledigt er Bürokram. Und zwei Mal die Woche fährt er nach Köln. An der Uni unterrichtet er kreatives Schreiben. Eine schöne Abwechslung zu seiner Arbeit als Autor, findet er: "Ich sitze ja sonst nur im stillen Kämmerlein."

Keller hat Germanistik und BWL studiert. Eine ungewöhnliche Kombination. An der Uni Bonn war sie möglich. Nach dem Studium arbeitete er als Wirtschaftsredakteur bei der Deutschen Welle. Später als Dramaturg im Theater in Wuppertal-Cronenberg. Er schrieb Drehbücher für Filme und TV-Serien, entwickelte Konzepte für Fernsehshows. "Gut bezahlte Jobs", sagt er rückblickend. Leider seien viele der Konzepte nie realisiert worden. "Das ist auf Dauer unbefriedigend." Bei den Büchern sei das gänzlich anders. Das Nächste erscheint bereits im April. Kein Krimi diesmal, sondern ein Düsseldorf-Stadtführer, der die Stadt anhand unterschiedlicher Personen - vom Bürgermeister über die Künstlerin bis zum Blogger - vorstellt.

Auch der zweite Krimi mit Protagonistin Heidi Kamemba ist bereits in der Mache. Da sei es für ihn manchmal regelrecht schwierig, gedanklich zum gerade erschienenen Buch zurückzufinden, sagt Keller. Wie lautet eigentlich dessen erster Satz? Der Autor stutzt einen Moment. Und muss lachen. Er hat ihn vergessen. "Aber kein Problem, ich habe ein Exemplar dabei, in dem ich nachschauen kann." Er fischt das Buch aus seiner Tasche, liest zunächst still und befindet: "Ja, der ist gut." Der erste Satz lautet: Er blickte in die Mündung einer Pistole.

(RP)