Altersarmut in Düsseldorf: Mit 312 Euro durch den Monat

Altersarmut in Düsseldorf : Mit 312 Euro durch den Monat

Immer mehr Senioren in Düsseldorf können von ihrer Rente nicht leben. Hans Lautensack ist einer von ihnen. Mit der Grundsicherung kann er sich gerade so durch den Monat retten. Einblick in ein Leben in Altersarmut.

58 Euro in der Woche. Damit muss Hans Lautensack über die Runden kommen. Essen, Zigaretten, Kleidung, Frisör. Was er auch braucht, er muss es von diesem Geld bezahlen. Immerhin hat er ein Dach über dem Kopf: Eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Oberbilk. Selbstverständlich ist das nicht. Müsste der 66-Jährige ausschließlich von seiner Rente leben, wäre selbst das Leben auf der Straße zu teuer.

Lautensack ist einer von 536.000 Senioren in Deutschland, die ohne Grundsicherung nicht über die Runden kämen. Es ist eine Art Sozialhilfe für Rentner, die monatlich weniger als 781 Euro zur Verfügung haben. Die letzten Zahlen für Düsseldorf stammen aus dem Jahr 2014. Damals bekamen in der Landeshauptstadt 10.700 Menschen die Grundsicherung - Tendenz steigend. Das Problem: Die Unterstützung sichert den Senioren zwar das Überleben, aus der Armut holt es sie aber nicht.

Was das bedeutet, bekommt Lautensack seit 16 Jahren täglich zu spüren. "Ich kann mir nur das Allernötigste leisten. Aber zum Glück esse ich ja nicht viel", sagt er. Immer wenn er atmet, fährt ein lautes Pfeifen aus seiner Lunge. Das Aufstehen fällt ihm sichtlich schwer. Die Wohnung ist geputzt, aber das hat gedauert. Länger als zehn Minuten körperliche Anstrengung sind kaum noch möglich.

Alte Möbel und ein fast leerer Kühlschrank

"Dass es mal so kommt, hätte ich niemals gedacht", sagt der gebürtige Leipziger. "Aber irgendwann ist es auf der Arbeit einfach passiert." Ein Herzinfarkt streckt den Sicherheitsbeauftragten mit 50 bei einer Schicht an der Düsseldorfer Messe nieder. Von einem Moment auf den anderen wird er arbeitsunfähig, verliert sein Einkommen und seine Perspektive für das Alter. "Mir fehlen neun Jahre, um die 30 Jahre Arbeitszeit voll zu machen — aber weiterzuarbeiten, wäre lebensgefährlich gewesen."

Das war im Jahr 2000. Ab dann bekommt Lautensack nicht mehr 2900 DM netto im Monat. Sondern muss bald von Hartz IV leben. Seit er Frührente bezieht, macht das 312 Euro. Wer so wenig Einkommen im Alter hat, bekommt seit 2003 Grundsicherung. In Lautensacks Fall sind das 109 Euro, plus Miete und Heizkosten. Von den Kosten für die Krankenversicherung ist er fast vollständig befreit.

Strom, Telefon, Kosten für den Fernseher und die rund 36 Euro für das Sozialticket der Rheinbahn muss er selbst übernehmen. In den Taschenrechner getippt sind das:

312 Euro Rente
+ 109 Euro Grundsicherung
- 191 Euro Fixkosten
= 230 Euro zum Leben (von insgesamt 421 Euro Gesamteinkommen)

Also 58 Euro in der Woche. "Aber was ist das für ein Leben?", sagt er. "Ich kann mir nichts erlauben. Nichts machen." Wer in Lautensacks Kühlschrank guckt, findet zwei Packungen fertige Bratkartoffeln vom Discounter, ein paar Flaschen Wasser und Medikamente. Die Löcher und Flecken in den abgewohnten Möbeln überdeckt er mit Handtüchern. Manchmal liegt er nachts im Bett und fragt sich, wozu das alles noch? Wozu die Anstrengung?

Fünf Jahre in Haft

Dabei ist Lautensack eigentlich einer, der sich nicht unterkriegen lässt. Dafür hat er einfach zu viel erlebt. In der DDR aufgewachsen, weiß er, was es heißt wenig zu haben. "Damals in Leipzig habe ich als Dreher gearbeitet und am Wochenende in einer Gaststätte die Disco gemacht." Reich wurde man davon nicht, aber für seine Frau und die vier Kinder hat es gereicht. Ein stabiles Leben, bis ihn eines Tages die Stasi abholte und für fünf Jahre ins Arbeitslager steckte.

"Das war, weil ich zwei Tage nicht zur Arbeit erschienen bin. Da hieß es in der DDR damals, das sei asoziales Verhalten. Und dann war ich weg." 60 Monate im Knast verändern einen Menschen. Lautensack weiß jetzt, dass er einstecken kann, wenn ihn die Lager-Wache beim Arbeiten unter Tage mit dem Knüppel prügelt. Und dass er austeilen kann, wenn ihn ein Mitinsasse zwingen will, seine Schuhe zu putzen.

Er denkt gerne an sein Leben in der DDR zurück, obwohl er aus Düsseldorf nicht mehr weg möchte. Seit dem Mauerfall ist er hier. Hat sich eine Existenz aufgebaut und in zehn Jahren als Wachdienst viele Einbrecher gestellt. "Einmal hat mich einer auf der Provinzial-Baustelle in Wersten mit einer Waffe bedroht. Dem habe ich gesagt 'Los, dann mach es, erschieß mich doch‘. Ich dachte mir, jetzt kannst du nur stark bleiben und mit ihm diskutieren, bis die Polizei kommt." Die Situation geht gut aus. Lautensack nimmt einen Tag Urlaub. Am nächsten ist er direkt wieder im Einsatz. Er mag den Adrenalinkick. Das Gefühl, Dinge zu erleben, die man sonst nur im Fernsehen sieht. "Mein Leben war ein bisschen wie so ein Tatort."

Dann ging Lautensack eines Tages zu Boden. "Man fragt sich, wieso musste das jetzt sein mit diesem Infarkt?" Seitdem heißt es nur noch wollen, aber nicht können. Das ist das Schlimmste für ihn. Arbeiten möchte er, kann es aber nicht. Seine 89-jährige Mutter nochmal in Leipzig besuchen möchte er, kann sich das Zugticket aber nicht leisten. Nichts lieber hätte er, als mit jemandem zusammenzuwohnen, aber seine Frau ist aus Angst vor der Kriminalität in Oberbilk in eine Wohnung in Derendorf gezogen.

Das Büdchen als wichtigste Anlaufstelle

Mit seinen vier Kindern hat Lautensack keinen Kontakt. Die meiste Ansprache findet er beim Büdchen gegenüber. Dort trinkt er regelmäßig einen Kaffee für einen Euro, auch an Ostern und zu Weihnachten. Wenn er alles nochmal machen könnte, wüsste er genau, was er anders machen würde: Sparen. "Ich würde, wo ich nur kann, Geld beiseitelegen für später." Schwach ist Lautensack inzwischen, aber nicht naiv. Er weiß, dass es noch 30 Jahre so weiter gehen kann. "Am liebsten würde ich mich irgendwann einfach ins Krankenhaus legen. Das müsste ja auch der Staat bezahlen."

Einen Lichtblick gibt es aber noch. Die Caritas hat ihm geholfen, eine Entschädigungsklage wegen der Zeit in DDR-Haft einzureichen. Das wären 350 Euro pro Monat. Ob und wann es klappt weiß keiner. Aber wenn, hat Lautensack einen Plan: "Einmal richtig aus der Bude raus. Mal was anderes sehen. Ans Meer, in die Sonne. Vielleicht nach Mallorca." Auch diese Gedanken macht er sich, wenn er nachts im Bett liegt, und die machen das Leben dann doch wieder lebenswert:

Hier geht es zur Bilderstrecke: So lebt Hans Lautensack in Düsseldorf Oberbilk