MINT-Berufe: In Düsseldorf herrscht großer Mangel

Ausbilderkreis Düsseldorf wird 50 : In MINT-Berufen herrscht großer Mangel

Der Vorsitzende des Ausbilderkreises spricht über die Unterstützung von Firmen bei der Talente-Gewinnung.

Fachleute aus den Bereichen Informatik, Mathematik, Naturwissenschaften und Technik: Unternehmen in der Region suchen diese Experten händeringend. Den Fachkräftebedarf mit den geeigneten Mitarbeitern zu decken, ist mittlerweile zu einer der größten Herausforderungen für Betriebe geworden. Hilfestellung bietet hier der gemeinnützige Düsseldorfer Ausbilderkreis (D.A.K.).

Der Düsseldorfer Ausbilderkreis feiert in diesem Jahr sein 50-jähriges Jubiläum. Wenn Sie zurückblicken, was hat sich in den vergangenen fünf Jahrzehnten alles verändert?

Wolfram Brecht Es waren vor allem die großen Düsseldorfer Handelshäuser Karstadt, Kaufhof und Hertie, die den Ausbilderkreis 1969 ins Leben gerufen haben. Das geschah als Reaktion auf die Pläne der damaligen Bundesregierung, welche die berufliche Bildung verstaatlichen wollte. Diese Pläne zeugten von einem tiefen Misstrauen der Wirtschaft gegenüber und unterstellten implizit, dass Unternehmen ihrer Pflicht zur beruflichen Bildung nicht nachkämen. Heute hingegen ist der Düsseldorfer Ausbilderkreis eine kleine Abbildung der regionalen Wirtschaft mit 125 Mitgliedern, zu denen neben Firmen auch Privatpersonen, Berufskollegs, Hochschulen, selbstständige Coaches und Wirtschaftsverbände, wie die IHK und die Unternehmerschaft Düsseldorf, gehören.

Das heißt, bei Ihnen ist die gesamte Wertschöpfungskette der beruflichen Bildung vereint.

Brecht Ja, genau. Außerdem hat sich der Schwerpunkt immer mehr weg von Handelsunternehmen hin zu Dienstleistern und Industriebetrieben verlagert. So gehört beispielsweise auch Henkel zu unserem Ausbilderkreis und seit vergangenem Jahr auch die Kreishandwerkerschaft. Der Einzugsbereich des Vereins hat sich deutlich erweitert, weit über Düsseldorf hinaus. Und die Pläne zur Verstaatlichung der beruflichen Ausbildung sind natürlich auch schon längst vom Tisch.

Welche Dienstleistungen bietet der Düsseldorfer Ausbilderkreis den Unternehmen denn konkret an?

Brecht Wir bieten in der Regel ein gutes Dutzend Veranstaltungen pro Jahr an. Die Themen dafür kommen sehr oft von den Unternehmen selbst. Diese werden dann in Workshops oder Seminaren behandelt oder wir organisieren einfach ein Treffen zum Gedanken- und Erfahrungsaustausch. In der Regel stellen wir den Teilnehmer die Frage, wie sie ein bestimmtes Problem gelöst haben. Von dieser Erfahrung können dann alle lernen. Auf diese Weise arbeiten wir auch „Best Practices“ heraus. Das gilt auch im Bereich Integration von Migranten im Betrieb. Wir zeigen anhand von Beispielen, wo Probleme entstehen und wie man Lösungen entwickeln kann.

Und die Frage der beruflichen Integration von Migranten geht ja auch weit über die Sprachkompetenz hinaus.

Brecht Ja, da geht es auch um interkulturelle Kompetenzen. Insofern sind unsere Kernthemen in diesem Jahr neben der Digitalisierung und dem Datenschutz die Migrantenausbildung. 2018 hatten wir einen sehr interessanten Workshop dazu, wie man als Firma an die richtigen Talente kommt und vor allem auch, wie man diese Talente fördert und langfristig an das Unternehmen bindet. Idealerweise finden die Veranstaltungen immer bei einem Mitglied statt. Für die betreffende Firma ist das jeweils auch ein Mehrwert, weil sie sich anderen präsentieren kann. Die Kreishandwerkerschaft hingegen erwartet von uns, dass wir sie bei der Lösung des Fachkräftemangels unterstützen. Wir bieten aber auch politische Podiumsdiskussionen an. So haben wir im Wahljahr 2017 Bildungspolitiker verschiedener Parteien an einen Tisch gebracht, um abzuklopfen, wie sie zu Themen wie Fachkräftemangel und berufliche Bildung stehen.

Stichwort Fachkräftemangel. In welchen Bereichen ist denn der Bedarf an geeignetem Personal in den Unternehmen gegenwärtig am größten?

Brecht Das sind ganz klar die so genannten MINT-Berufe, also in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Dass immer weniger junge Menschen in diese Berufsfelder nachrücken, ist auch auf die sinkende Zahl der Schulabgänger zurückzuführen. So haben wir beispielsweise im Bereich Wirtschaftsinformatik einen riesigen Bedarf, der nicht gedeckt werden kann. Da müssen wir mehr junge Leute ins duale Studium bekommen, ganz konkret eine eindeutige Erwartung zum Beispiel der Wirtschaft in Ratingen. Die deutsche Wirtschaft kauft sehr viele IT-Leistungen im Ausland, beispielsweise in Indien, ein, weil es hierzulande nicht genügend Fachkräfte gibt.

Es geht Ihrem Verein auch ganz stark um Networking. Warum ist das für Sie so wichtig?

Brecht Das Networking ist das A und O in Wirtschaftsbeziehungen. Über den Ausbilderkreis bringen wir potentielle Geschäftspartner zusammen und die Unternehmen können voneinander lernen. Auch wenn man neue Ideen und Projekte umsetzen will, funktioniert das immer sehr gut, wenn ein starkes persönliches Netzwerk vorhanden ist. Die Wichtigkeit dieser Kontakte kann gar nicht oft genug betont werden. Deswegen halte ich es auch für völlig falsch, wenn sich Firmen von älteren Mitarbeitern trennen, weil dann deren Netzwerk verloren geht. Und da das Networking für uns so wichtig ist, können gerne auch Unternehmen, die nicht Mitglied im Ausbilderkreis sind, als Gäste zu unseren Veranstaltungen kommen, um sich von den Vorteilen einer Mitgliedschaft zu überzeugen.

Sie sind schon länger in Pension und engagieren sich noch immer ehrenamtlich im Düsseldorfer Ausbilderkreis. Warum?

Brecht Ich bin Überzeugungstäter im Bereich Bildung, und das ist für mich wesentlich, im Bereich Entwicklung der Persönlichkeit, denn es ist wichtig, dass jeder Mensch seine private und berufliche Erfüllung findet. Dazu möchte ich meinen Beitrag leisten.

Was ist denn von zentraler Bedeutung, damit Menschen Erfüllung im Beruf finden?

Brecht Das Menschliche und das Selbstvertrauen in die Entwicklung der eigenen Potenziale stehen ganz oben. Ich habe mein ganzes Berufsleben hindurch dafür den direkten Kontakt mit den personalverantwortlichen Menschen im Betrieb, das direkte Gespräch, gesucht. Mir war es wichtig, so wenig wie möglich schriftlich zu kommunizieren, sondern so viel wie möglich mit den Leuten zu reden. So habe ich die Menschen und sie mich auch besser kennengelernt. Und die Kontakte, das Netzwerk, das ich aufgebaut habe, deren Vertrauen habe ich bis heute.

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