Mike Tyson in Düsseldorf: So war seine Champions Tour im Cinestar

Boxlegende in Düsseldorf: Auf der Suche nach dem wahren Mike

Mike Tyson war ein großer Boxer, dann stürzte er ab. Heute will er Drogensucht und Schulden besiegt haben. Sein Image als "Baddest Man on the Planet" verkauft er live auf der Bühne. Am Mittwoch war er in Düsseldorf.

Pascal macht keine großen Worte. Er lässt seine Hosen sprechen. MIKE TYSON steht darauf, wie auch auf dem Oberteil seines Jogginganzugs. Darunter der Schattenriss eines Mannes in Siegerpose. Darunter noch einmal der Schriftzug TYSON. Und darunter ein Faksimile von Mike Tysons Autogramm.

Pascal ist 21, kommt aus Duisburg und ist selbst Boxer. Warum er Mike Tyson mag? "Einfach sein Auftreten, seine Art", sagt er. Er wirkt ein bisschen aufgeregt. Er sieht Tyson heute zum ersten Mal live. Und vielleicht auch zum letzten Mal.

Pascal Herzbergs Jogginganzug sagt alles: Der
Pascal Herzbergs Jogginganzug sagt alles: Der Amateurboxer ist Tyson-Fan. Foto: Helene Pawltizki

Der jüngste Heavyweight-Champion in der Boxgeschichte. Der jüngste, der je die Meisterschaftsgürtel aller drei Verbände hielt. Der Boxer, der den schnellsten Knockout in der Boxgeschichte geschafft haben soll - nach acht Sekunden, im Alter von 14 Jahren. Von den Fans auch gerne als "Baddest Man on the Planet" bezeichnet, als miesester, härtester Kerl der Welt. Der Name des Mannes, der all diese Titel hält, ist wie ein Mantra im Cinestar in Düsseldorf-Lörick, einem linksrheinischen Stadtteil, in dem vor allem Gutbetuchte leben. Heute sind aber auch die gekommen, die nicht direkt zur Creme de la Creme der Stadtgesellschaft gehören.

Jogginghosen, Tattoos, enge Shirts und Muskelpakete

Sie sagen niemals "Tyson", sie sagen "Mike", manchmal auch "Iron Mike". Der Champ ist einer von ihnen, ein Kumpel, ein Freund. Mit 51 Jahren ein älterer Freund für die meisten - einer, der viel erlebt hat und viel zu erzählen.

Sie tragen Jogginghosen und Tattoos, enge Shirts und gewaltige Muskelpakete, teils auch Anzüge, die ein kleines bisschen zu blau sind. Einer steckt in einem dunkelgrauen Einreiher, über und über bedruckt mit knallgrünen Hanfblättern. Auf neun Männer kommt eine Frau, meist kräftig geschminkt und glitzernd gekleidet. Über das Soundsystem im Kinosaal läuft "Honky Tonk Women".

Mike Tyson ist auf "Champions Tour". Zehn Shows in zwölf Tagen, in Deutschland, Österreich und der Schweiz. 99 Euro kostet heute abend das günstigste Ticket, 349 Euro das teuerste. Dafür gibt es ein garantiertes Selfie mit dem Champ. Ab viertel nach sieben werden die Inhaber des Iron- und des etwas günstigeren Gold-Tickets von einem Moderator Reihe für Reihe durch eine Tür gelotst. Es gibt ein Foto pro Coupon. "Wenn ihr zu dritt gekommen seid, könnt ihr also auch ein Gruppenfoto mit Mike machen und zwei Einzelfotos. Was nicht geht, sind drei Einzelfotos und ein Gruppenfoto", erklärt der Moderator. "Bitte verzichtet darauf, Mike um ein Autogramm zu bitten, dafür ist einfach keine Zeit." Mike Tyson posiert an diesem Abend für etwas mehr als 450 Selfies. Danach braucht er erst mal eine Viertelstunde Pause.

Oliver, Salah und Saad haben es
Oliver, Salah und Saad haben es geschafft, vor der Show noch Autogramme zu bekommen. Foto: Helene Pawlitzki

"Er darf ja nicht mehr nach England, wegen seiner Verurteilung"

Vor dem Kino wird geraucht. Man sieht viele Gesichtstattoos. Kurt sticht trotzdem optisch hervor. Die Hälfte seines Schopfes ist platinblond, die andere rabenschwarz gefärbt. Einen langen dünnen Flechtzopf trägt er über die Schulter geworfen. Im Mund und in den Ohren hat er viel Metall. Er und sein Freund Ryan, 55 und 37 Jahre alt, sind extra aus dem englischen Leicester angereist. Ryan sagt nach jedem dritten Satz "innit?", frei übersetzt: "wollnich?". "Ich mag einfach den Sport, innit? Und Mike ist eine Legende. Wir waren auch schon in Vegas und haben uns seine Show angeschaut. Er darf ja nicht mehr nach England kommen, wegen seiner Verurteilung."

Sechs Jahre hat Tyson bekommen, drei abgesessen - wegen Vergewaltigung einer Schönheitskönigin. Klar, Vergewaltigung ist uncool, sagt Kurt. "Aber", sagt Ryan, "er war zu dieser Zeit der Größte und hatte Millionen von Dollar auf dem Konto. Er war leichte Beute." Glaubt er, dass Tyson unrechtmäßig verurteilt wurde? "Das wissen nur drei Leute: Er und die beiden Girls, die im Zimmer waren. Innit?"

"Man nimmt ihm diese Geschichte schon übel", sagt dagegen Sybille Nöthel, 56 und echte Lörickerin. Das Ticket hat sie zum Geburtstag von Sohn Frank (27) geschenkt bekommen, "weil ich einfach ein riesiger Fan bin." Daran hat auch die Verurteilung nichts geändert. 1996 hat sie Tyson vs. Bruno in Las Vegas gesehen, direkt nachdem Tyson aus dem Knast kam. Ihre Kinder hat sie früh indoktriniert. "In den 90ern, da war ich so fünf, haben mich meine Eltern manchmal um vier Uhr früh geweckt, damit wir die Kämpfe im Fernsehen anschauen konnten", erzählt Frank Nöthel. Er kennt das Bühnenprogramm, mit dem Tyson in den USA getourt ist, aus dem Internet. Eine tolle Mischung aus Humor und Tragik sei das, sagt er. Mike Tyson pur. Er erwartet heute abend ähnliches. Es soll nicht ganz so kommen.

Versprochen wird "der wahre Mike" - aber will den hier überhaupt jemand sehen?

Veranstaltet wird die Tour von einem tschechischen Team, dem es offensichtlich zu riskant war, Mike Tyson unbeaufsichtigt ins Scheinwerferlicht zu stellen. Vorsichtshalber bekommt er deshalb einen Moderator an die Seite gestellt, der Deutsch und Englisch spricht und Fragen vorliest, die eine feste Reihenfolge haben. Das erkennt man daran, dass sie zweisprachig auf die Kinoleinwand projiziert werden, unter der die beiden sitzen. Zwischendurch stellt er auch mal eine Frage, die nicht an der Wand steht - aber Mike Tyson antwortet stets wie aus der Pistole geschossen. Trotz allen Bemühungen des Moderators, alles ganz natürlich aussehen zu lassen, wirkt der Dialog eingeübt, inklusive Pausen für Gelächter und Applaus. Dabei hilft nicht, dass der Moderator in seiner Übersetzung gelegentlich Dinge sagt, die Tyson gar nicht erwähnt hat.

Ein "Wortgefecht" hatte der Moderator anfangs versprochen, in dem es um die "großartigen und die traumatisierenden" Momente in Tysons Leben gehen werde, in dem "einfach alles" auf den Tisch komme. "Ihr werdet den wahren Mike erleben!"

Aber will das hier überhaupt jemand?

Wer ist der wahre Mike Tyson?

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Der wahre Mike Tyson ist ein Boxer, der sehr jung schon sehr großes Talent zeigte und schneller und härter zuschlug als alle anderen Boxer. Mit 16 holte er zum ersten Mal Gold bei den Olympischen Spielen der Junioren. Sein ersten 19 Profikämpfe gewann er durch Knockouts, zwölf davon in der ersten Runde.

1986 wurde er mit 20 Jahren, vier Monaten und 22 Tagen der jüngste Heavyweight-Champion der Welt; ein Rekord, den er bis heute hält. Später hielt er als erster Schwergewichtler gleichzeitig die Meistertitel aller drei Verbände. In der Frühzeit seiner Karriere galt er als Idealfall der heilenden Kraft des Sports, der disziplinierend auf die sozial Schwachen wirkt und sie aus Armut und Elend zu Reichtum und Ruhm führt.

Der wahre Mike Tyson ist aber auch ein vaterloser Junge aus Brooklyn, der mit zwölf Jahren bereits über 30 Mal wegen teils schwerer Verbrechen verhaftet worden war und aus dem wahrscheinlich ein Räuber, Zuhälter oder Drogendealer geworden wäre, wenn er nicht zufällig von einem Boxtrainer von der Straße geholt worden wäre. Ein unsicherer Brillenträger, der Tauben züchtete und ausrastete, als jemand mutwillig einen seiner Vögel tötete. "I kicked his ass", lispelt er auf der Bühne, wenn es um die vielen Male geht, bei denen er zwischenmenschliche Probleme mit Gewalt gelöst hat.

Für einige Jahre lenkte sein Boxtrainer und Ersatzvater Cus D‘Amato seine Wut in geordnete Bahnen. Dann starb D‘Amato, kurz bevor Tysons Boxkarriere richtig abhob. Der Tod seines Mentors, Ruhm und Geld im Überfluss, dazu ein Umfeld, das ihn mehr und mehr als Gelddruckmaschine betrachtete, die man nach Belieben manipulieren konnte - all das führte zum Absturz. Mike Tyson hurte, trank und kokste - er nennt das "partying in my bedroom". Er gab all sein Geld für Autos, Flugzeuge, Goldschmuck und Tiger aus. Er wanderte in den Knast. 1997 biss er Evander Holyfield bei ihrem zweiten Kampf gegeneinander in beide Ohren und verlor für einige Zeit seine Boxlizenz. "Schmeckte scheiße", sagt er auf der Bühne in Düsseldorf.

"Mein Gesicht ist noch ganz unberührt", hatte er nach seinem Kampf gegen Donnie Long im Oktober 1985 geprahlt, den er in der ersten Runde mit einem K.O. besiegte. 2003 ließ er sich ein großflächiges Tribal-Tattoo auf der linken Gesichtshälfte stechen. Für viele ist es das Symbol für den Niedergang des Mike Tyson, das mit einer Pleite und einem Konkursantrag endete.

Maik Kurzweil hat ein Selfie mit
Maik Kurzweil hat ein Selfie mit dem Boxer bekommen, dessen Gesichtstattoo er kopiert hat. Foto: Helene Pawlitzki

Der Baddest Man on the Planet - ein Opfer der Umstände?

"Ich habe 15 Jahre lang den Gürtel sehr eng geschnallt", sagt Tyson auf das Stichwort des Moderators auf der Bühne des Cinestar. Heute sei er schuldenfrei, nehme keine Drogen mehr und habe eine Familie gegründet, sagt er. Alles dank seiner Frau Kiki. Für sie gibt es einen Achtungsapplaus vom Publikum. "Seither läuft alles glatt."

Glatt - so klingen die Geschichten, die auf der Bühne erzählt werden. Ja, es wird wenig ausgelassen - der Moderator fragt auch nach der womöglich vorgetäuschten Schwangerschaft seiner ersten Ehefrau, nach dem Unfalltod von Tysons damals vierjähriger Tochter, nach der Zeit im Gefängnis, nach Tysons Geschäftsbeziehung mit dem mehr als umstrittenen Boxpromoter Don King (Tysons Kommentar: "Bad idea.").

Doch eine wirklich ehrliche Abrechnung ist das natürlich nicht. "Er wollte nicht ins Gefängnis", übersetzt der Moderator eine Antwort von Tyson. "Klar, er war ja auch unschuldig..." Holyfield gebissen habe er nur, weil der ihn bei beiden Kämpfen immer wieder ins Gesicht gestoßen habe, bis er vor lauter Blut nichts mehr habe sehen können. Tyson verkauft hier heute abend sein Image als "Baddest Man on the Planet" — gleichzeitig aber will er an nichts so richtig Schuld gewesen sein.

Für die Zuschauer ist Mike Tyson ein Held

Das kommt an. Mit Standing Ovations wird Tyson begrüßt und entlassen. Zwischendurch versteigert der Moderator von Mike signierte Merchandising-Artikel. Ein Stück des Original-Ringbezugs aus dem Kampf gegen Lennox Lewis, den Tyson 2002 verlor, wechselt für 1300 Euro den Besitzer. "Ist das dein Blut oder das von Lennox?", fragt der Moderator. "My blood", antwortet Tyson stoisch. Ein signiertes Bleistiftporträt von Tyson geht für 2000 Euro weg, ein paar signierte schwarze Boxershorts für 3000. Kartenzahlung ist möglich. Wer etwas kauft, darf noch mal für ein Selfie auf die Bühne.

Erfahren Sie hier alles rund um den ehemaligen Boxweltmeister Lennox Lewis.

Nach der Show stehen 450 Personen
Nach der Show stehen 450 Personen für einen Ausdruck ihres Selfies an. Foto: Helene Pawlitzki

Dann ist alles vorbei und die Zuschauer drängeln sich nach draußen, wo auf Tischen die ausgedruckten Fotos vom Anfang liegen. Maik aus Leipzig ist sehr zufrieden mit seinem. Er hat selbst einen Boxclub und außerdem eine exakte Kopie von Mikes Tribal im Gesicht. Was war der beste Moment heute abend? "Das Fotoshooting mit ihm", sagt er. "Eine einmalige Situation. Wenn man jahrelang Fan ist und dann das Shake-Hands - das ist schon beeindruckend." Mike Tyson sei einfach ein Boxer mit einer tollen Persönlichkeit und einem tollen Stil gewesen - aggressiv, wie Profiboxen eben sei.

Und Sibylle und Frank aus Lörick? "War super", sagt Sibylle. "Ganz gut", relativiert sie dann. "Ich hab's mir fast gedacht", sagt Frank. "Der Moderator gibt natürlich die Schlagzahl vor. Wenn Mike Tyson allein ist, kommen noch ganz andere Storys." War das jetzt der wahre Mike Tyson? "Ich habe das schon so empfunden", sagt Sibylle Nöthel.

Sie stehen etwas ratlos vor der Schlange von 400 Personen, die ihr Foto abholen wollen. "Komm", sagt Frank, ganz der Löricker. "Wir gehen erst mal nach Hause, ein Weinchen trinken, und holen es dann nachher ab."

(hpaw)