Düsseldorf: Messe Veggieworld: Ganz schön korrekt

Düsseldorf : Messe Veggieworld: Ganz schön korrekt

Käse aus Kokosfett, Ente aus Soja, Lederhosen aus Kork - die Messe "Veggieworld" zeigte, was alles ohne tierische Produkte möglich ist.

Wer Buddhist ist, verfügt über den einzigen Grund für Fleischverzicht, den wirklich alle verstehen. Buddhisten glauben an Wiedergeburt und befürchten deshalb, ihre verstorbenen Verwandten zu essen. Weil die Mönche aber bereits vor Jahrhunderten Lust auf Abwechslung auf dem Teller hatten, bauten sie Fleisch einfach aus Soja nach, sogar ganze Hühner und Enten. Sagt Wei-Chen.

Wei-Chen ist Unternehmer. In Wien betreibt er einen Handel mit vegetarischen Lebensmitteln, die sehr nach Fleisch oder Fisch aussehen, aber weder Fleisch noch Fisch sind. Auf der Veggieworld in der Düsseldorfer Messe am vergangenen Wochenende war er nur einer von vielen, die Fleischersatz-Produkte anboten, aber der einzige mit dem unschlagbaren Wiener Akzent.

Es war die dritte Veggieworld in Düsseldorf, und sie zeigte, wie sehr vegetarische und vegane Ernährung in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Wer den typischen Öko suchte, der musste schon sehr genau hinsehen. Rund 80 Aussteller zeigten, was sie für zeigenswert hielten, alle Stellplätze waren ausgebucht. Wer flott vorankommen wollte, musste drängeln. Zu viel ließ sich kostenlos probieren.

Man kann auf zwei Arten über so eine Messe gehen. Zum einen als Überzeugter, zum anderen als Skeptiker. Zur ersten Gruppe gehörten, das überrascht nicht, die meisten. Wer als solcher durch die Veggieworld ging, dürfte begeistert davon gewesen sein, welche Möglichkeiten es gibt, sich zu ernähren und zu kleiden, ohne dabei tierische Produkte zu verwenden.

Es gab veganes Eis, vegane Schokolade, veganen Christstollen, Käse ohne Milch, allergenfreie Kekse aus Reis, Sojamilch und Joghurt, fair gehandelte Kokosprodukte, vegane Hamburger, Olivenöl, Kokosnüsse, aus denen man mit einem Strohhalm trinken konnte, vegane Schnitzel, Döner und Fischfrikadellen. Lederhosen aus Naturkork. Und weil das ganze Grünzeug auch irgendwie verarbeitet werden muss, stellten auch mehrere Anbieter ihre Hochleistungsküchenmaschinen auf.

Regina Hoffmann war aus Siegen angereist und sehr angetan von dem, was sie auf der Messe sah. "Man konnte so vieles probieren", sagte sie. Die 46-Jährige war jahrelang Vegetarierin und lebt seit vier Monaten zu 90 Prozent vegan. Zum Umdenken führte ein Buch, das von Krankheiten berichtete, die Kuhmilch auslösen könne. Weil sie aber auch Sojamilch im Kaffee nicht so wirklich gerne mag, trinkt sie mittlerweile eben fast keinen Kaffee mehr.

Ihre Entdeckung auf der Messe: ein neutrales Kokosfett. Bernd Schröter, 50, Düsseldorfer, war von einem Fruchtaufstrich begeistert. Der Mann, der seine Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, ist durchs Meditieren zum Fleischverzicht gekommen. "Seitdem schmecke ich einfach zu sehr das Tier aus dem Fleisch heraus."

Wer allerdings schon vorher am veganen und vegetarischen Lebensstil gezweifelt hatte oder an einzelnen Aspekten, dessen Zweifel wurden nach einem Besuch auf der Messe nicht unbedingt kleiner. Der sah, dass es auch Auswüchse gibt, weil diese Art der Lebensführung zum populären Lebensstil und damit zu einem wichtigen Wirtschaftszweig geworden ist.

Nicht Konsumverzicht ist die Devise, sondern Konsumumstellung. Zweifel waren schon deshalb angebracht, weil die Messe keine Zweifel wecken, sondern Gewissheiten vermitteln wollte. Denn nur mit Gewissheiten lassen sich Produkte verkaufen. Alles gesund. Oder fair. Oder bio. Oder lecker. Oder alles. Auf jeden Fall besser als konventionelle Lebensmittel. Auch die Vorträge, die in einem abgetrennten Bereich am Ende der Halle zu hören waren, sollten die Botschaft verbreiten: Nur vegan oder vegetarisch ist gut. Eine Diskussion, etwa auch mit den Skeptikern, stand nicht auf dem Programm.

Wer also zweifelte, dem erschien die Messe nicht wie ein Ort der Inspiration, sondern wie ein Ort der Transaktion. Geld gegen grüne Produkte. Die nicht alle sinnvoll erschienen oder zumindest aufgeblasen waren mit Bedeutung. Mit Wörtern wie Premium oder Manufaktur oder hochfrequent.

Braucht es veganen Käse, der aus Kokosfett, Stärke und Wasser zubereitet wird? Braucht es das Fruchtpulver von einem afrikanischen Baum oder gibt es nicht hierzulande Alternativen, die man nicht importieren muss? Ist Kaugummi nicht sowieso schon vegan? Sind Algenkapseln nicht schon Hokuspokus?

Man hätte es schon am Untertitel der Veranstaltung erkennen können. Der lautete: "Die Messe für nachhaltiges Genießen" und eben nicht "nachhaltiges Essen". Es ging um besondere Produkte, um Luxusprodukte, um etwas also, für das die Anbieter viel Geld verlangen können, weil es stark verarbeitete Lebensmittel waren.

Wer in einen Apfel beißen wollte, der musste sich schon selbst einen mitbringen. Am Ende war da eben die totale Überforderung: Wem glaubt man? Welcher Studie vertraut man? Ist das wirklich gut für mich? Und ist das Gegenteil davon wirklich gar nicht gut für mich?

An einer Wand hatten die Veranstalter weiße Tapeten aufgehängt, auf denen die Besucher nicht nur Lob äußern konnten, sondern auch Wünsche fürs nächste Jahr. Einer wünschte sich: eine "richtige Bratwurst".

(RP)