Messe Düsseldorf arbeitet an Navi für Messehallen

Düsseldorfer Messe-Digitalchef Christian Plenge im Interview: Navigationsgeräte für Messehallen

Mit ein paar Mausklicks kann sich ein Privatkunde alles Erdenkliche aus dem Internet bestellen, überall auf der Welt. Wozu braucht man da noch Messen? Messe-Digitalchef Christian Plenge spricht über Navigieren in Messehallen und einen Onlineshop für Aussteller.

Herr Plenge, wir leben im digitalen Zeitalter. Mit ein paar Mausklicks kann sich ein Privatkunde alles Erdenkliche aus dem Internet bestellen, überall auf der Welt. Und Industrieunternehmen können sich ebenso mit geringsten Kosten und tagesaktuell über Produkte und Märkte informieren. Wozu braucht man da noch Messen?

Christian Plenge Ohne Frage hat die Digitalisierung die Messewelt grundlegend verändert. Unsicherheit und Veränderungsdruck haben in allen Industrien deutlich zugenommen. Messen werden daher wichtiger als weltweite Treffpunkte der Player und Führungskräfte. Durch den dadurch auf Messen stattfindenden Austausch sind Messen Katalysatoren für Innovationen und Veränderungen. Deshalb werden Messen keineswegs abgelöst durch die digitale Welt. Sie werden dadurch mehr und mehr zu unverzichtbaren internationalen Community-Meetings.

Aber man kann nicht wegreden, dass einige Messen ihre Existenz durch das Internet eingebüßt haben. . .

Plenge Natürlich, etwa bei bestimmten Konsumgütern hat der stationäre Handel in Deutschland den Wettbewerb mit dem Internet nicht überstanden. Entsprechend gibt es hierfür auch keine Notwendigkeit von Verkaufsmessen mehr. Düsseldorf hat aber ein ganz anderes Messeportfolio. Die weitaus meisten Veranstaltungen sind reine Industriemessen, und die haben von der Digitalisierung als internationale Leitmessen nur profitiert. Darüber hinaus gibt es zwei Konsumgütermessen in Düsseldorf. Und ich kann Sie beruhigen: Segeljachten und Wohnmobile werden auch im digitalen Zeitalter selten bei Amazon bestellt (lacht).

Aber wie verändert die Digitalisierung nun Messeveranstaltungen?

Plenge Weltleitmessen wie unsere müssen die Speerspitze der Innovation zeigen und alle wichtigen Entwicklungen einer Branche adressieren, um für die internationaler werdenden Aussteller und Besucher relevant zu sein und zu bleiben. Denn die größten Verkaufsmärkte sind oft nicht mehr in Europa und damit besteht immer die Gefahr, dass Messen in den entsprechenden Märkten an Gewicht zunehmen. Entsprechend ergänzen wir unsere Messeformate um die Möglichkeiten, sich in zahlreichen Foren über die neuesten Entwicklungen zu informieren oder in begleitenden Konferenzen zu diskutieren. In jeder unserer Messen haben natürlich auch passende Start-Ups die Möglichkeit, ihre Innovationen einem breiten Publikum vorzustellen – das ist wichtig für beide Seiten. Und natürlich werden die inhaltlichen Themenschwerpunkte, die wir auf einer Messe zeigen, von Messe zu Messe in enger Zusammenarbeit mit der Industrie angepasst. Dadurch bleiben die Leitmessen hier in Düsseldorf, denken Sie an Drupa, Interpack oder die Kunststoffmesse K.

Was ändert sich denn konkret für die Messebesucher durch den digitalen Fortschritt?

Plenge Die Messe wird zum digitalen 360-Grad-Erlebnis. Schon vor dem Messebesuch kann sich der Gast ideal digital informieren, weil alle Informationen über Aussteller und Produkte online aufbereitet sind. Die Besucher und Aussteller können sich digital verabreden – mit unserem neuen Match-Making Tool wird diese Kontaktsuche sogar mit künstlicher Intelligenz unterstützt. Auch ganz praktisch bei unseren Investitionsgütermessen: Die Besucher erhalten etwa einen Batch am Eingang, einen Umhänger, auf dem sich ein QR-Code befindet. Besucht der Gast dann einen Stand, kann der Code dort eingescannt werden mit enormen Vorteilen für beide Seiten. Der Aussteller weiß genau, wen er vor sich hat, und kann die Messe mit dem Kunden nachbereiten, indem er ihn nach der Veranstaltung digital mit maßgeschneiderten Angeboten und Informationen versorgt. Das ist natürlich was für Industriemessen, bei denen genau so etwas von beiden Seiten gewünscht ist.

Wie verhält es sich mit der Quote bei den Online-Tickets für Besucher?

Plenge Wir verkaufen mehr als 90 Prozent unserer Tickets heute online. Und auch das wird immer bequemer. Früher wurde das Ticket ja nur ausgedruckt, heute kann man es sich wie bei den Bordkarten in der Luftfahrt einfach auf sein Wallet im Smartphone laden. Das hält man dann einfach über den Scanner am Messeeingang und fertig. Das hat Vorteile für Besucher und Messe. Denn den geringeren Aufwand, den wir mit den elektronischen Tickets haben, geben wir ja durch niedrigere Preise an den Kunden weiter. Karten im Präsenzverkauf sind deshalb in der Regel teurer als Onlinekarten.

Haben Sie auch spezielle Digital-Angebote für die Aussteller? Verändern sich dadurch die Prozesse?

Plenge Ja, und zwar erheblich. Bestes Beispiel dafür ist unser Onlineshop. Stellen Sie sich vor, es ist Aufbauzeit einer Messe und 6000 Aussteller bauen in kürzester Zeit parallel alle ihre Stände auf. Die brauchen Werkzeuge, Strom, Dienstleistungen, Caterer und vieles mehr. All diese Dinge können sie digital bei uns im neuen Onlineshop ordern. Das beginnt beim Gabelstapler, den man bucht, geht weiter über Abhänger mit Werbung oder Helfer bis hin zu frischen Brötchen für ein spezielles Kunden-event, wenn die Messe gestartet ist. Dieses Instrument macht uns stolz und wird sehr gut angenommen. Hier wäre unser Ziel, auch die Bezahlungen dabei durchgängig zu digitalisieren. Da wir aber viel mit regionalen mittelständischen Dienstleistern zusammenarbeiten, geht die Bezahlung heute oft noch klassisch über Rechnung. Und so arbeiten wir kontinuierlich weiter an digitalen Diensten für Besucher und Aussteller.

Was ist Ihr nächstes digitales Ziel, was bringt die nahe Zukunft?

Plenge Ein Beispiel: Heute navigieren die Menschen selbstverständlich mit Google, etwa wenn sie mit dem Auto auf dem Weg zum Geschäftstermin sind, oder abends aus einer fremden Stadt mit der Bahn oder dem Taxi nach Hause wollen. Outdoor funktioniert Google Maps wunderbar, Indoor, also etwa in einer Messehalle, gibt es das noch nicht. Doch eine Handynavigation wäre in den Messehallen ideal. Momentan haben wir neue interaktive Stelen, die neuerdings den Besuchern den Weg zu den Messeständen weisen, von dort kann man sich auch Daten aufs Handy herunterladen. Die Zukunft aber wird interaktive Handynavigation sein – denn die Besucher verstehen nicht, warum das, was sie im Alltag überall nutzen können, ausgerechnet auf einer Weltleitmesse nicht geht.

Was müssen Sie dafür tun?

Plenge Es gibt zwei Möglichkeiten: einerseits die Installation so genannter Beacons, also kleiner Sender. Das ist bei statischen Umgebungen, etwa Bürogebäuden ideal. Messestände aber sind nicht statisch, stehen oft nur wenige Tage. Daher haben wir uns für Lösung zwei entschieden und ein sehr leistungsfähiges W-Lan installiert, das als Basis für Handynavigation dienen wird.

Wie engagiert sich die Messe digital in der Stadt?

Plenge Sehr vielfältig. Wir sind seit der ersten Stunde bei der Initiative Digitale Stadt engagiert, die Stephan Schneider hervorragend entwickelt. Auch mit den Start-ups der Stadt suchen wir über den Digihub und Startplatzchef Lorenz Gräf sowie die Wirtschaftsförderung unter Uwe Kerkmann engen Kontakt. Die Zusammenarbeit ist gut und wird immer enger. Und natürlich vernetzten wir uns auch mit der Stadt, anderen Mittelständlern und den Konzernen zum Thema Digitalisierung, denn davon profitieren alle bei der Bewältigung der jeweils eigenen Digitalen Transformation – und das stärkt Düsseldorfs Wirtschaft auch insgesamt.

Thorsten Breitkopf
führte das Gespräch.