Texte in Neonazi-Organen veröffentlicht Menuhin-Stiftung entlässt Vorstand

Düsseldorf (dto). Die Yehudi Menuhin Stiftung Deutschland hat ihren Vorstandsvorsitzenden Gerard Menuhin seines Amtes enthoben. Der Sohn des jüdischen Stiftungsgründers und weltberühmten Geigers habe Kolumnen in der "National-Zeitung" des DVU-Vorsitzenden Gerhard Frey verfasst und dem NPD-Organ "Deutsche Stimme" ein Interview gegeben, teilte die Stiftung am Wochenende mit.

Man distanziere sich "inhaltlich in vollem Umfang von den Äußerungen Gerard Menuhins", erklärten Menuhins Stellvertreter Enrique Baron Crespo und Geschäftsführer Winfried Kneip. Am 2. November habe man erfahren, dass Menuhin auf der Internetseite der NPD im Vorabdruck eines Interviews der "Deutschen Stimme" zitiert werde. Eigene Recherchen hätten dann ergeben, dass er auch regelmäßig in der "National-Zeitung" Texte verfasse. Man missbillige "aufs Schärfste die Nennung unserer Stiftung und ihres Wirkens in einem Medienorgan, das auch laut Innenministerium dem 'einschlägigen rechtsextremistischen Umfeld zuzurechnen' ist", hieß es.

Die gesamte Stiftung sei zutiefst bestürzt, "da im Umgang mit Gerard Menuhin nichts auf seine ideologische Haltung hindeutete". Man habe ihn umgehend aufgefordert, von seinem Amt als Vorstandsvorsitzender zurückzutreten, da keine Reaktion gekommen sei, habe ihn der Vorstand am Samstag mit sofortiger Wirkung seines Amtes enthoben. Darüber hinaus sei ein Anwaltsbüro beauftragt worden, den Sachverhalt juristisch zu prüfen.

Gerard Menuhin hatte in dem Interview unter anderem gesagt, es gebe eine "internationale Lobby einflussreicher Menschen und Vereinigungen, die im Sinne ihrer Sache die Deutschen unter Druck halten". Die Deutschen sähen sich einer "endlosen Erpressung" ausgesetzt. "Ein Volk, das sich 60 Jahre nach Kriegsende mit den damaligen Geschehnissen einschüchtern lässt, ist nicht gesund", wird Menuhin zitiert. Er erklärte, er werde seiner Meinung "nicht untreu werden".

"Spiegel Online" zitiert Menuhin mit den Worten, er halte die Reaktion der Stiftung für "logisch und nachvollziehbar - ich hatte das in einem Land der Umerzogenen so erwartet". So etwas passiere schließlich "auch in der amerikanischen Politik von heute. Meiner Meinung werde ich deswegen nicht untreu werden".

"Spiegel Online" berichtet, auch Gerard Menuhins Großvater, Moshe Menuhin, sei bekennender jüdischer Antizionist gewesen. Seine ideologische Heimat nach dem Krieg sei die "Deutsche National- und Soldaten-Zeitung" des DVU-Gründers Frey gewesen. Zwei Jahre lang sei er sogar Leiter des kulturpolitischen Ressorts der Zeitung gewesen, habe diese aber 1970 verlassen, weil sie ihm in Sachen Antizionismus "nicht kämpferisch genug und zu kompromissbereit" gewesen sei.

Weltbekannter Humanist

Yehudi Menuhin wurde weltweit als Violin-Virtuose und Humanist bekannt, der sich für Weltoffenheit, geistige Freiheit und Vertrauen unter den Völkern engagierte. Der 1916 geborene Sohn jüdischer Einwanderer in die USA setzte sich für Bedürftige ein und gründete 1999 seine Stiftung zur kreativen Förderung von Kindern speziell aus sozialen Brennpunkten. 1996 ernannte ihn die UNESCO zum "Goodwill Ambassador", da er sich mit außergewöhnlichem Engagement für ihre Ziele einsetze. Menuhin starb 1999. Die Stiftung erklärte, seine Visionen, Ideen und Überzeugungen seien "definitiv nicht vereinbar mit der ausgrenzenden und diffamierenden Sprache und ausländerfeindlichen Haltung seines Sohnes Gerard".

(ap)
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