Kolumne Die Woche In Düsseldorf: Mein Freund, der Baum

Kolumne Die Woche In Düsseldorf : Mein Freund, der Baum

Es schmerzt, wenn Bäume gefällt werden. Trotzdem fordern Experten, einen Teil der 800 Deichbäume aufzugeben, um die Stadt vor einer Flut-Katastrophe zu schützen. Die Debatte gerät zum Lehrstück über die Feinmechanik des Politikbetriebs.

Die Erinnerung ist der Wächter aller Dinge. - Cicero (106-43 v. Chr.)

Wer in Düsseldorf Deich denkt, denkt immer auch Baum. Einprägsam sind sie, die Kindheits- und Jugenderinnerungen. Der erste Ausflug mit dem Dreirad an Omas Hand führte auf die Kaiserswerther Lindenallee. Wirklich im Gedächtnis ist das nicht mehr, dafür gebannt auf längst gelb gewordenen Polaroid-Fotos. Ausflüge mit dem Bonanza-Rad an den Pappeln des Lohauser Deiches vorbei folgten, Lagerfeuer mit Gitarrenmusik und Rhein-Romantik gleich unterhalb der grünen Sperrriegel auch. Immer dabei: die stillen Sauerstoff-Spender in Sichtweite. "Im Kranze der Platanen umarmt vom Niederrhein, wo Wiesenschäfchen weiden, da ist die Heimat mein", heißt es in einem Gedicht aus dem linksrheinischen Düsseldorf. Ohne Zweifel sind die rund 800 Bäume entlang der rund 40 Düsseldorfer Deichkilometer stadtbildprägend. Und - siehe oben: identitätsstiftend.

Die seit einer Woche entbrannte Debatte um ihre Zukunft berührt deshalb den Nerv, nicht nur den der besonders engagierten Baumschützer. An ihrer Existenzberechtigung zu rütteln, ist mutig, löst Verlustängste und Emotionen aus. Und reflexartige Reaktionen der Stadtpolitik. Das Gros der Hochwasserschutzexperten, unter ihnen der technische Leiter der Stadtentwässerung Deichgräf Claus Henning Rolfs, geht dieses Risiko dennoch ein. Sensibilisiert durch Pfingstorkan "Ela" und Dutzende entwurzelte Bäume hat Rolfs - flankiert von der Dezernentin fürs Stadtgrün Helga Stulgies - ein "Generationen-Projekt" angestoßen, das einen Teil der Deiche (nicht die Hochufer) innerhalb der nächsten 30 Jahre baumfrei stellen könnte. Zu hoch, so die Argumentation, sei das Risiko, dass die Deiche bei starkem Sturm und hohem Rheinpegel brechen, Düsseldorfer Stadtteile geflutet werden - mit nicht zu übersehenden Folgen. Dabei müssten die beiden Ereignisse nicht einmal am selben Tag geschehen (für einige Baumschützer ein zu vernachlässigendes Rest-Risiko). Es reicht, so gibt der Wasserbau-Experte Christian Grimm von der Technischen Hochschule Aachen zu bedenken, dass noch nicht reparierte Deichabschnitte Tage oder Wochen nach einem solchen Sturm vom Rhein-Hochwasser heimgesucht werden.

Alles nur Panikmache? Vorsicht. Das Klima ändert sich. In immer kürzeren Abständen sind wir Extrem-Wetterlagen ausgesetzt. Der Starkregen in Münster vor ein paar Tagen hat das untermauert. Und am Rhein wissen wir spätestens seit den 90er Jahren, dass zwei Jahrhundert-Hochwasser auch schon mal in ein Jahrzehnt passen können. Die einschlägige DIN 19712 des Normenausschusses Wasserwesen, auf deren Umsetzung auch die Bezirksregierung drängt, hat diese Erkenntnisse 2013 zu einem simplen Satz verdichtet: "Gehölze (Bäume, Sträucher und Hecken) auf Deichen beeinträchtigen die Standsicherheit sowie die Unterhaltung und sind deshalb unzulässig." Ingenieure, die das anders einschätzen, bleiben eine rare Ausnahme und müssen sich von renommierten Wissenschaftlern und den Deichgräfen vorhalten lassen, nicht belastbare Ergebnisse zu präsentieren.

Und doch ist nicht auszuschließen, dass Politiker sich genau diese eine Meinung herauspicken werden, um ein gänzlich unpopuläres Thema zu umschiffen. So hat der künftige Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) seine Fachleute forsch im Regen stehen lassen ("mit mir wird es jetzt keine weiteren Fällungen von Bäumen auf den Deichen geben") und vorsorglich festgestellt: Experten neigten dazu, ihre Meinungen absolut zu setzen. Außerdem kämen "unterschiedliche Experten nicht selten zu unterschiedlichen Meinungen". So ähnlich sehen es auch die Christdemokraten und mutmaßen, dass die Bezirksregierung nach "Ela" Handlungsfähigkeit unter Beweis stellen wolle. Den betont emotionalen Schulterschluss mit der Bürgerschaft sucht FDP-Fraktionschefin Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Ihr "zerreißt es das Herz", wenn sie an fallende Bäume denkt.

So weit so berechenbar. Überrascht haben lediglich die traditionell baumschützenden Grünen. Ihr Fraktionssprecher Norbert Czerwinski hält konsequenten Hochwasserschutz für nicht teilbar, erinnert daran, dass eine Stadt, die DIN-Normen sehenden Auges außer Acht lässt, eines - hoffentlich niemals eintretenden - Tages von Flutopfern auch in Haftung genommen werden kann. Dass er damit die unter Druck geratene Dezernentin (und Parteifreundin) gegen ihren künftigen Boss stützt: geschenkt. Immerhin traut er sich was.

Ein Deichkonzept soll es nun richten. Terminierung: offen. Inhalt: offen. Der nächste Schritt: Gutachten. Der übernächste: vielleicht ein Arbeitskreis. Politisches Kosten-/Nutzen-Kalkül pur. Das Restrisiko eines Extrem-Hochwassers bringt keine Stimmen, der Verlust der Deichbäume kostet aber welche.

(RP)
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