Interview mit Sonja Oberem vom Rhein-Marathon: Düsseldorf unter Top 5 der Marathonstädte

Interview mit der neuen Renndirektorin des Rhein-Marathons: „Wir wollen, dass Düsseldorf wieder unter die Top Fünf der Marathonstädte kommt“

Sie war eine der erfolgreichsten Marathonläuferinnen Deutschlands, jetzt will sie den Rhein-Marathon zu neuen Besucherrekorden führen: Sonja Oberem ist neue Renndirektorin in Düsseldorf. Im Interview spricht sie über die Zukunft des Wettbewerbs.

Frau Oberem, herzlichen Glückwunsch zum neuen Job! Sie kennen Düsseldorf ja schon sehr gut.

Sonja Oberem Ja, ich kenne auch den Marathon. Und durch den Triathlon bin ich schon seit Jahren im Business der Sportveranstaltungen in Düsseldorf unterwegs. Der Marathon ist natürlich noch mal eine Nummer größer, aber dadurch, dass ich auch bei der Tour de France und anderen internationalen Großveranstaltungen eingebunden war, glaube ich, dass ich dem gewachsen bin.

Sie kennen als Marathonläuferin unglaublich viele Städte. Was muss eine gute Marathonstadt haben?

Oberem Es kommt darauf an, wen man anspricht: Die Spitzenläufer vorneweg interessiert nicht, was an der Strecke passiert. Die interessiert die Strecke selbst. Berlin zum Beispiel hat eine unheimlich flache, schnelle Strecke, wenig Wind – das ist wichtig für alle, die schnell laufen wollen. Aber Berlin hat eben auch den entsprechenden Erlebnisfaktor durch Sehenswürdigkeiten. Das haben wir auch in Düsseldorf: den Rhein, viele schöne Spots und das Rock-die-Strecke-Konzept mit vielen Bands am Straßenrand. Dadurch beleben wir das Ganze für Jedermann-Läufer. Die interessiert das Event.

Der Show-Effekt – liegt Ihnen der?

Oberem Der liegt mir als puristischer Läuferin eher nicht so. Den musste ich mir antrainieren. Man muss auch reinhören in die Läuferschaft. Da ich selbst auch noch sehr aktiv bin bei den Lauftreffs, höre ich viel, was gewünscht ist. Wenn man sich davon zu weit entfernt, stimmen die Leute mit den Füßen ab. Die Teilnehmerzahl ist aber entscheidend für Wohl und Wehe der Veranstaltung.

An dieser Zahl werden Sie sich auch messen lassen müssen.

Oberem Natürlich. Auch daran, wie attraktiv die Veranstaltung für Sponsoren ist. Wir haben starke Partner, die wir behalten möchten. Wir müssen uns weiterentwickeln und schauen: Was kann man noch  besser machen? Früher war das einfacher. Da gab es ein bisschen Flatterband an Start und Ziel – und das hat gereicht.

Haben Sie konkrete Ideen, was sich unter Ihnen ändern wird?

Oberem Ich werde jetzt sicherlich nicht die Veranstaltung auf links drehen, denn sie funktioniert ja. Was neu sein wird, ist der Halbmarathon – damit werden wir genug zu tun haben. In der Läuferschaft ist der Wunsch danach schon seit Jahren da. Es gibt aber auch viele Marathonläufer, die sagen: Oh nein, die Halbmarathonläufer stören nur und nehmen uns unser Standing weg. Ich weiß als Marathonläuferin selbst genau, wie doof das ist, wenn so ein Halbmarathonläufer an einem vorbeischießt.

Für Nicht-Läufer: Wo ist das Problem?

Oberem Marathonläufer müssen sich ihr Rennen einteilen und orientieren sich viel an Mitläufern. Wenn einer bei Kilometer 20 an denen vorbeirennt wie von der Tarantel gestochen, dann fühlen sie sich gestört. Und natürlich: Zwei- bis dreitausend Halbmarathonläufer auf der Strecke mehr – das würde die Strecke voller machen und auch an den Verpflegungsständen für Enge sorgen.

Wie organisieren Sie das?

Oberem Die Halbmarathonläufer starten deutlich früher. Die Strecke ist so gewählt, dass die Läufer sich gegenseitig nicht in die Quere kommen. Der letzte Halbmarathonläufer ist im Ziel, bevor der erste Marathonläufer ins Ziel kommt. Es sind zwei separate Rennen auf derselben Strecke. Logistisch nicht ganz einfach, aber das ist unser Problem. Wir sind Dienstleister für die Läufer und wollen denen ein schönes Rennen bieten.

Ein Halbmarathon öffnet die Veranstaltung natürlich auch für viele Menschen, die für einen ganzen Marathon nicht trainieren können oder wollen.

Oberem Genau. Nehmen Sie einen ambitionierten Hobbyläufer, der acht Stunden arbeitet und gerne mal in Düsseldorf mitlaufen würde, aber eine Marathonvorbereitung einfach nicht schaffen kann. Einen Halbmarathon schafft man, wenn man einigermaßen sportlich ist. Für solche Menschen – und ich glaube, das sind eine ganze Menge – möchten wir den Marathon auch anbieten.

Das bedeutet: Demnächst werden bis zu 20.000 Teilnehmer durch Düsseldorf laufen?

Oberem Mittelfristig ja. Das wird nicht direkt 2019 sein. Derzeit liegen wir bei 14.000 bis 16.000 Läufern mit den Staffeln. Wenn als nächstes 2000 bis 3000 Halbmarathonläufer dazu kommen, wäre das schon sehr, sehr gut. Wir können nicht direkt Bäume ausreißen. Dafür ist der Markt der City-Marathons auch einfach zu gesättigt. Aber wir wollen es schaffen, dass Düsseldorf wieder unter die Top Fünf der Marathonstädte kommt.

Wie sieht die Liste aus?

Oberem Ganz vorne steht unangefochten Berlin – das Bayern München der Marathonstädte mit 40.000 Läufern. Dann kommen Frankfurt, Hamburg, Köln - und dann Hannover, Düsseldorf oder Kassel. Es ist ein Business, in dem sich viele tummeln möchten – aber es schaffen nicht alle. Manche Städtemarathons sterben auch.

Hier finden Sie alle Infos zum Berlin-Marathon.

Steht der Rhein-Marathon auf festen Füßen?

Oberem Ja, das hat mein Vorgänger Jan Winschermann gut hinbekommen. Er hat den Marathon über Jahre hinweg mit viel Herzblut und Engagement etabliert. Er hat vor allem sehr viel Arbeit hinein gesteckt, die Veranstaltung bei den Leuten akzeptabel zu machen. Die Stadt möchte den Marathon, die Unterstützung der Behörden und Ämter ist super.

Jan Winschermann pflegt ja bekanntermaßen einen durchaus temperamentvollen, aggressiven Stil, wenn er etwas will. Folgen Sie ihm in diesen Fußstapfen?

Oberem Ich bin nicht Jan Winschermann. Ich kenne ihn gut, er wird Berater bei uns bleiben, er kennt die Veranstaltung in- und auswändig. Aber ich bin vom Typ ganz anders – mit Sicherheit nicht ganz so forsch nach vorne wie er in manchen Punkten. Ich kann beharrlich sein und Ausdauer habe ich auch. Ich muss nicht laut werden. Mein Motto ist eher: Steter Tropfen höhlt den Stein. Insofern: Im Ergebnis unterscheiden wir uns hoffentlich nicht – auf dem Weg dahin vielleicht schon.

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Welche Aufgaben stehen an, wenn man einen Marathon in einer Stadt wie Düsseldorf organisiert? Wir haben ja mit der Debatte um das Ed-Sheeran-Konzert gerade erlebt, dass Großveranstaltungen in der Landeshauptstadt nicht immer unter einem guten Stern stehen.

Oberem Grundsätzlich ist es wichtig, dass die Veranstaltung in der Stadt akzeptiert und angenommen wird. Das ist nach 16 Jahren mittlerweile natürlich der Fall. Trotzdem gibt es jedes Jahr neue Dinge zu regeln und abzustimmen. Dafür ist eine gute Zusammenarbeit mit den Ämtern und Behörden notwendig. Das funktioniert hier sehr gut. Die Debatte um das Ed Sheeran Konzert lässt sich nur schwer in Zusammenhang mit dem Marathon bringen. Man sollte aber immer bei der Sache bleiben und eine Veranstaltung nicht zum Politikum werden lassen.

Der Marathon wird nicht Ihr einziges Betätigungsfeld sein. Kümmern Sie sich weiter um den T3-Triathlon?

Oberem Wenn die Stadt es möchte, dann natürlich ja.

War das immer schon der Plan: Wenn Sie nicht mehr aktiv in den Wettkämpfen laufen, organisieren Sie sie?

Oberem Nein, der Plan war ganz anders. Wir haben zu Hause in Rheydt einen Eisenwaren- und Holzgroßhandel. Mein Mann und ich wären nach meinen Eltern die vierte Generation gewesen. Aber nach meiner aktiven Karriere hatte ich die Möglichkeit, den Düsseldorfer Marathon mitzugestalten. Jan Winschermann hat mich in seiner direkten Art irgendwann angerufen und gefragt: Willst du nicht mal für unseren Verein laufen und als Aushängeschild mitmachen? So bin ich mit in die Organisation gerutscht. Dann gab es die Idee mit dem Triathlon – wo ich ja sportlich herkomme. Im ersten Jahr habe ich die Laufstrecke gemacht und den Zielbereich, im zweiten Jahr dann den Triathlon komplett. Dann habe ich ein Angebot bekommen, bei einer Firma für Sportveranstaltungs-Absperrungen mit einzusteigen. Damit war ich aus dem elterlichen Betrieb raus. Mein Mann macht das jetzt weiter.

Sind Sie glücklich mit diesem Lauf der Dinge?

Oberem Es ist nicht das Schlechteste, was man machen kann – wenn man so eine Chance geboten bekommt. Ich fühle mich in Düsseldorf sehr wohl. Ich komme mit allen sehr gut zurecht. Warum sollte ich das ändern?

Triathlon, Marathon, Firmenbeteiligung – ist das denn alles zu schaffen?

Oberem Bei dem Absperrungs-Betrieb scheide ich aus – das hat sich aber schon vorher so ergeben. Im Juni kam kurzfristig das Angebot für den Marathon. Ich habe nicht lange überlegt. Diese Chance wollte ich nicht vorüberziehen lassen.

Sie leben in Mönchengladbach und haben einen zwölfjährigen Sohn. Wie managen Sie Beruf und Familie im Alltag?

Oberem Also, mein Mann und ich kennen uns seit fast 30 Jahren – er kennt mich in- und auswändig. Er hält mir den Rücken frei. Meine Eltern haben mich schon damals beim Sport sehr unterstützt. Wir haben ein enges familiäres Geflecht. Mein Sohn ist damit großgeworden, dass ich aktiv bin und leidenschaftlich meinen Job mache.

Früher war Ihr Job Marathonlaufen. Was eine echte Quälerei sein kann.

Oberem Man kann nur Sachen gut machen, die man gerne macht. Für mich war das nie eine Quälerei. Ich laufe immer noch gerne – immer, wenn ich kann. Ich brauche das. Es gehört zu mir. Und das Schöne ist: Ich bekomme viel Unterstützung dafür. Sonst würde es nicht gehen. Man kann nicht auf Dauer gegen Widerstände arbeiten.

Haben Sie das auch durchs Laufen gelernt?

Oberem Man lernt Ausdauer. Auf schwierige Situationen stellt man sich ein, das wird abgearbeitet. Da muss man durch, ohne Wenn und Aber.

In jeder Sportlerkarriere gibt es Momente, wo es gar nicht läuft. Auch Sie haben Schicksalsschläge erlebt. Was lernt man dadurch?

Oberem Geduld und ein bisschen Demut. Als Marathonläufer hat man zwei Chancen im Jahr: Frühjahr und Herbst. Wenn’s hochkommt noch eine Meisterschaft im Sommer. Die Olympischen Spiele in Athen 2004 waren zum Beispiel für mich das größte Frustrationserlebnis überhaupt. Ich konnte nicht mitfahren, weil ich wegen einer Verletzung knapp an der Qualifikation vorbeigelaufen bin. Aber man findet einen Weg, mit solchen Enttäuschungen ins Reine zu kommen. Für mich war das dann damals der Berlin-Marathon, wo ich Dritte geworden bin. Meistens bin ich aus Verletzungen rausgekommen und habe sehr gut Rennen hingelegt. Aber das kann ich sowieso gut: Im Training war ich oft bei 80, 90 Prozent und konnte dann im Rennen selbst 110 geben.

Adrenalin?

Oberem Wahrscheinlich. Wobei das auf einer langen Strecke physiologisch eigentlich nicht funktioniert. Aber man denkt dann eben: Jetzt geht es um alles – und das klappt dann auch.

Werden Sie als Renndirektorin auch weiter den Marathon mitlaufen?

Oberem Nein, das werde ich nicht schaffen. Am Marathon-Tag gibt es so viel zu tun, dass es nicht möglich ist selber mitzulaufen. Wir legen ja praktisch die Stadt einen halben Tag lahm. Das ist ein enormer organisatorischer Aufwand. Da wäre es sehr schwierig, auch noch zu laufen.

Schade, oder?

Oberem Ja! Aber vielleicht schaffe ich es ja irgendwann doch mal.